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Kampf gegen Kindesmissbrauch: Zu viele Opfer, zu wenig Hilfe

Eine hohe Zahl von Missbrauchsfällen sorgte 2010 für Aufruhr. Ein Runder Tisch beschloss, Opfer aus dem familiären Bereich zu unterstützen. Die Regierung zog Bilanz - Betroffene sind unzufrieden.

Sie haben als Kinder gelitten, als Erwachsene kämpfen sie um Anerkennung und Hilfe: Die Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Als vor gut drei Jahren ehemalige Zöglinge des Canisius Kollegs und der Odenwaldschule ihre Leiden öffentlich machten, geriet die Politik in Bewegung. Ein Runder Tisch von Bund und Ländern trat zusammen und beriet über Hilfen und Prävention. Opfer beklagen jedoch bis heute eine Missachtung ihrer Ansprüche.

Die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches fiel in die Zeit von Johannes-Wilhelm Rörig als Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Der Vater zweier Kinder, damals Unterabteilungsleiter im Familienministerium, folgte 2011 auf die ehemalige SPD-Familienministerin Christine Bergmann. Rörig legte zu Beginn seiner Arbeit viel Wert darauf, dass er unabhängig in seiner Arbeit sei, obwohl er organisatorisch an das Ministerium angegliedert ist.

Empfehlung: Fonds für minderjährige Opfer

Nun zog er am Donnerstag Bilanz seiner Arbeit und warnte die Politik, den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch vorzeitig aufzugeben. "Es wäre völlig falsch, wenn die Politik die Hoffnung hätte, das Thema würde sich von alleine verflüchtigen." Es sei in den vergangenen Jahren viel getan worden, aber "Missbrauch findet weiter statt, die Fallzahlen sind ungebrochen hoch".

Der Bekämpfung des Missbrauchs müsse nach der Bundestagswahl ein noch höherer politischer Stellenwert eingeräumt werden, meint Rörig. Er forderte eine ständige zentrale Aufarbeitungsstelle und verbindliche Schutzkonzepte in öffentlichen Einrichtungen. Außerdem müssten die Bundesländer sich endlich am Fonds für Opfer zu beteiligen.

Die zentrale Empfehlung des Gremiums war, einen Fonds für minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs in Familien zu gründen. Angepeilt wurden dafür 100 Millionen Euro, die je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern getragen werden sollten. Der Bund hat seinen Anteil bereitgestellt, von den Ländern hat bisher nur Mecklenburg-Vorpommern verbindlich Hilfen zugesagt. Zum 1. Mai 2013 nahm die Geschäftsstelle ihre Arbeit auf. Menschen, die als Kinder oder Jugendliche im familiären Bereich sexuell missbraucht wurden, können Unterstützung fordern. Beantragt werden können Sachleistungen bis zu 10.000 Euro, beispielsweise für Therapien.

Stelle des Missbrauchsbeauftragten läuft aus

Von den Opfervertretern gibt es allerdings weiter Kritik am Verfahren, bemängelt werden bürokratische Hürden, mangelnde Sensibilität und fehlende Information. Norbert Denef von der Opferorganisation Netzwerk B sagte im WDR: "Drei Jahre sind vergangen und die Betroffenen stehen nach wie vor im Regen. Man versucht sie mit wenigen Euro abzuspeisen." Seiner Ansicht nach sei Rörig zuständig gewesen für das "Nichtstun der Politik". "Er war gar nicht befugt, wirklich was zu unternehmen", kritisiert Denef.

Rörig sieht beruflich einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Stelle des Missbrauchsbeauftragten läuft Ende des Jahres aus, sie war auf die Legislatur befristet. Es ist noch nicht klar, wie eine neue Stelle ausgestaltet werden soll, in welcher Form und mit welcher Personalie. Sein Kernanliegen formulierte Rörig am Donnerstag aber losgelöst von seiner Person: Die neue Regierung dürfe im Kampf gegen den Missbrauch nicht nachlassen. Zu Recht: Laut Kriminalstatistik kamen im vergangenen Jahr mehr als 12.600 Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anzeige. Eine hohe Dunkelziffer gilt als sicher.

Von Kerstin Münstermann, DPA / DPA