Epithetik Das zweite Gesicht


Der Krebs zerstörte ihre Nasen und Augen. Der Blick in den Spiegel und das Starren der Mitmenschen - für viele Krebspatienten ist beides unerträglich. Um ein einigermaßen normales Leben führen zu können, bekommen sie ein "neues Gesicht".
Von Britta Hesener

Ein leises "Klick" ist zu hören, als Britta Reuter sich zu Karl-Heinz Dietrichs herüber beugt und sein rechtes Auge einsetzt. Gerade war noch ein rosafarbenes Loch an der Stelle zu sehen, an der bis vor drei Jahren Karl-Heinz Dietrichs Auge war. Es wurde von Krebs befallen und musste mit einer Operation entfernt werden. Eine herausnehmbare, künstliche Augenpartie füllt seitdem die zerstörte Gesichtpartie. Das "Klick" ist die akustische Bestätigung dafür, dass sich die implantierten Titanstifte in Karl-Heinz Dietrichs Auge und die magnetischen Gegenstücke in seiner Epithese getroffen und verbunden haben. Das neue Auge befindet sich wieder an seinem Platz.

Epithesen sind künstliche Körperteile. Sie ersetzen Finger, Augen, Nasen oder Ohren, die durch Krebstumoren oder Unfälle zerstört wurden. Im westfälischen Münster, im epithetischen Labor der Fachklinik Hornheide werden sie seit über 50 Jahren aus weichem Silikon oder hartem Acrylat angefertigt, rund 200 pro Jahr. Zurzeit arbeiten drei Epithetiker in dem Labor. Britta Reuter ist eine von ihnen, Karl-Heinz Dietrich ihr Patient. Er trägt eine Augenpartie aus Acylat und das fast 24 Stunden am Tag. Der Dauereinsatz hat seine Spuren hinterlassen. Die Ränder bröckeln und der aufgemalte Teint löst sich ab. Britta Reuter soll ihm eine neue Epithese anfertigen.

"Stimmt das jetzt mit dem Auge?", fragt Minny Sandmann, Leiterin des Labors, und beugt sich zu ihrer Kollegin Britta Reuter herunter. Die sitzt an ihrem mit Pinseln und Modelliermessern übersäten Arbeitstisch und bearbeitet den Wachsabdruck für Karl-Heinz Dietrichs neue Epithese. Immer wieder dreht und wendet sie das rosafarbene Wachsmodell, das als Vorlage für die endgültige Epithese dient, in ihren Händen. Sie hält es an Dietrichs Gesicht, begutachtet es, stülpt es über einen Gipsabdruck, kratzt mit einem Modelliermesser eine Falte in den noch weichen Wachs. Dann raut sie mit einem Bohrer die Oberfläche auf, drückt dem Wachs mit einer pinken Zahnbürste Hautporen auf. Jedes Detail muss stimmen.

Vier Tage dauert die Anpassung

Künstliche Augen sind für Epithetiker die Königsdisziplin. Sie sollen die Persönlichkeit, die Seele des Patienten widerspiegeln. Vier Tage dauert es, bis jede Falte, jeder Pigmentfleck sich perfekt einfügt. Immer wieder muss Karl-Heinz Dietrich zum Modellsitzen in Britta Reuters weiß gestrichenes Arbeitszimmer kommen, sich vor sie setzen und sein gesundes mit dem künstlichen Auge abgleichen lassen. Er nimmt es mit der humorvollen Gelassenheit eines Achtzigjährigen.

Karl-Heinz Dietrich weiß, dass sich das stundenlange Modellsitzen auch für einen, wie er sagt, "alten Zausel" wie ihn lohnt. Als er am Ende seine alte Epithese und seine Brille aufsetzt, ist kaum etwas zu erkennen. Das mundgeblasene Glas-Auge, die Echthaar-Augenbraue, die Falten an Ober- und Unterlied - alles fügt sich perfekt in sein Gesicht ein. Nur die Ränder der Epithese zeichnen sich ein wenig ab und der starre Blick irritiert.

Eine Berufsausbildung gibt es nicht

Es sind Meisterwerke der Täuschung, die Minny Sandmann und ihre Kollegen Britta Reuter und Martin Kaufhold anfertigen. Seit 19 Jahren leitet Minny Sandmann das Labor. Eigentlich ist sie gelernte Zahntechnikerin. Die Epithetik hat sie von ihrem Vorgänger erlernt. Eine Ausbildung oder geschützte Berufsbezeichnung gibt es für den Beruf nicht. Das Wissen wird von Generation zu Generation weitergereicht.

Auch Britta Reuter ist zufällig zu dem Beruf gekommen. Sie hat als Maskenbildnerin beim Musical gearbeitet. Doch am Ende tauschte Britta Reuter Show und Glamour gegen die Realität und das Leid in Hornheide. Die ersten zwei Jahre habe sie ganz schön zu knabbern gehabt, sagt sie. Nicht nur, dass das Schicksal ihrer Patienten sie mitnahm, auch an den Anblick ihrer Gesichter musste sie sich erst gewöhnen. Heute geht sie routiniert und freundlich mit ihnen um.

Johannes Alff (70) kommt gerade zur Tür herein, breitet seine drei künstlichen Nasen auf Britta Reuters Arbeitstisch aus und setzt sich ihr gegenüber auf einen Bürostuhl. Sofort greift sie sich eine der Epithesen. "Die Ränder sind ausgefranst und die Farbe fast weg", sagt sie, nimmt einen Bohrer und glättet mit dem zylinderförmigen Schleifaufsatz die Ränder.

Vor neun Jahren wurde Johannes Alffs Nase amputiert. Wie bei rund 80 Prozent der Patienten in Hornheide, war es auch bei ihm der Krebs - ein harter Schlag. "Wenn sie so durchs Leben gehen, dann schauen sie alle Menschen an, zeigen Kinder auf sie", sagt er und nimmt seine Brille und künstliche Nase ab. Er gibt den Blick frei auf zwei dunkelrote, längliche Löcher in der Mittel seines Gesichts. Die Epithese half ihm ein normales Leben zu führen.

"Jetzt kannst du nicht mehr in der Nase pulen"

Heute, mit dem nötigen Abstand, kann er all das mit Humor betrachten. Schmunzelnd erzählt er, wie er nach seiner Operation noch ohne Epithese, nur mit einem Verband über der Wunde das erste Mal Bus gefahren sei. Ein Kind habe ihn angestarrt und auf ihn gezeigt: "Jetzt kannst du nicht mehr in der Nase pulen." Damals eine fürchterliche Situation. Heute lacht er darüber. "Wollen Sie mal schauen", fragt Britta Reuter ihn und reicht einen blauen Plastikhandspiegel. "Sieht gut aus", sagt er, als er die neu angepasste und mit Pinsel und Farbe aufgefrischte Epithese betrachtet.

Im Gegensatz zu Karl-Heinz Dietrich trägt Johannes Alff keine Implantat-, sondern eine Klebe-Epithese. Wenn er die Nase einsetzt, muss er auf die Ränder mit einem Pinsel Hautkleber auftragen. Der Klebe-Effekt setzt sofort ein. Hat er die Nase einmal angedrückt, ist nachjustieren kaum mehr möglich. Mehr als 24 Stunden hält der Kleber - selbst in Sauna und Schwimmbecken.

Im Raum nebenan zupft Minny Sandmann an den Augenbrauen von Josephine Hüplers Epithese. "Die Augenbrauen und Wimpern fallen immer als erstes heraus", sagt sie und beugt sich über die künstliche Augenpartie in ihrer Hand. Josephine Hüpler ist eine der wenigen Patientin, die ihr Schicksal sofort angenommen habe. Andere Patienten würden lange mit ihrem Schicksal hadern, sich monatelang in ihren Wohnungen verbarrikadieren, erzählt Minny Sandmann. Frau Hüpler dagegen habe die richtige Entscheidung getroffen. "Entweder Sie sterben, oder Sie geben einen Teil Ihres Gesichtes von sich", das war damals ihre Wahl. Ihre Patientin hört sich das an, sagt wenig, nickt manchmal und meint schließlich: "Mir blieb doch nichts anderes übrig. Was hätte ich denn tun sollen?"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker