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Kolumne "Kopfwelten": Deutschland auf Guttenberg-Entzug

Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg die politische Bühne verlassen hat, herrscht Katerstimmung im Land. Das liegt an der Droge Charisma, die der Freiherr verteilt hat. Doch der Entzug birgt Chancen.

Von Frank Ochmann

Als sich am Dienstagvormittag allmählich herumsprach, dass Karl-Theodor zu Guttenberg von allen politischen Ämtern zurücktreten würde, legte sich ein seltsames Stimmungsgemisch über die Republik. Rechte Freude kam auch bei denen nicht auf, die diesen Rücktritt in den vergangenen Tagen mit Nachdruck und in immer größerer Zahl gefordert hatten. Denn dafür hatte der Verteidigungsminister doch zu spät begriffen, dass er für dieses Amt untragbar geworden war. Es kann kein Grund zur Freude sein, dass sich der Inhaber eines der höchsten Staatsämter als Betrüger herausstellt. Genugtuung bereitet es allenfalls, dass er damit nicht durchgekommen ist.

Da sind dann aber auch noch die anderen, die vielen, die sich seinen Verbleib im Berliner Bendler-Block gewünscht und ihn vor dem geistigen Auge schon im Kanzleramt gesehen hatten. Einigermaßen verlässlichen Umfragen zufolge lag ihr Anteil bei 70 Prozent. Obwohl er mittlerweile etwas gesunken ist, hat der Freiherr immer noch viele Getreue. Und sie sind es, die jetzt feststellen, welche bohrenden Kopfschmerzen es bereiten kann, wenn man den Kelch des Charismas zu eilig heruntergestürzt hat. So entlädt sich die miese Stimmung im Angriff auf die kritischen Medien, als hätten die gefälscht und nicht Guttenberg. Wer Recht hat, ist allein deswegen nicht auch schon beliebt. Und der in diesen Tagen auch zu hörende Vorwurf, die Medien hätten gefälligst die Mehrheitsmeinung im Volk zu respektieren und entsprechend zu berichten, lässt vermuten, dass zumindest der demokratische Teil des Gehirns vom Rausch noch arg vernebelt sein muss.

Charisma sorgt für überwältigende Gefühle

Charisma heißt die Droge. Und der sie verteilt, weckt unter ihren Konsumenten die Hoffnung auf nahende Erlösung. Es ist das Außergewöhnliche, über das Normale, ja manchmal über das Menschliche hinausgehende, das den Charismatiker aus der Sicht seiner Anhänger kennzeichnet. Wie oft war zu hören in den vergangenen Monaten, dass Guttenberg kein Politiker wie die anderen sei. Und keine "graue Maus". Und hat er nicht geschafft, was keiner vor ihm zustande brachte? Hat nicht er die für unverrückbar gehaltene Wehrpflicht abgeschafft und die größte Bundeswehrreform seit Bestehen dieser Armee in Gang gebracht? Der Minister hat es nicht versäumt, bei seinem Rücktritt darauf hinzuweisen. Dass ihm Experten des Kanzleramtes noch tags zuvor etwas anderes bescheinigten, blieb unerwähnt.

Es interessiert auch die nicht, die das Heldenbild nicht beschädigt sehen wollen. Charismatische Träume sollen nie enden. Und wenn schon, dann mit einer Erlösung. Ich habe nach meiner Kolumne von vergangener Woche etliche E-Mails erhalten, in denen mir die angeblichen Vorzüge dieses Mannes geschildert wurden. Wie anders er sei, wie unabhängig, wie sehr er aus der öden Masse in unseren Parlamenten und in den Ministerien herausrage. Deutschland im Rausch. Und dieses Wort ist nicht falsch, denn es sind tatsächlich vor allem überwältigende Gefühle, die vom Charisma ausgehen. Eine eben publizierte dänische Untersuchung im religiösen Umfeld zeigt sogar im Hirnscanner, wie der vernünftig denkende, abwägende und die Gefühle regulierende Teil unseres Gehirns direkt hinter der Stirn in seiner Funktion heruntergefahren werden kann, wenn das Charisma zu wirken beginnt.

Die Erlösung bleibt aus

Der deutsche Soziologe Max Weber hat den Begriff des Charismas Anfang des vorigen Jahrhunderts aus ursprünglich kirchengeschichtlichen Erwägungen in die allgemeine Betrachtung von Machtverhältnissen eingeführt und als eigenen Typ charakterisiert. Weber schreibt: "Die charismatische Autorität ruht auf dem 'Glauben' an den Propheten, der 'Anerkennung', die der charismatische Kriegsheld, der Held der Straße oder der Demagoge persönlich findet, und fällt mit ihm dahin. Gleichwohl leitet sie ihre Autorität nicht etwa aus dieser Anerkennung durch die Beherrschten ab. Sondern umgekehrt: Glaube und Anerkennung gelten als Pflicht…" Und so wird auch heute bestraft, wer - wie in diesem Fall erfreulicherweise große Teile der Medien - die angeblich geschuldete Anerkennung versagt und am Heldenbild kratzt.

Barack Obama ist ein weiteres Beispiel für einen aus der Ferne beinahe messianisch verehrten Charismatiker, der die Erlösung nicht bringen kann. Was Guttenberg auf der kleinen Bühne der Bundesrepublik Deutschland war, das stellte Barack Obama im ganz großen Maßstab auf der Weltbühne dar. Und es war tatsächlich nicht weniger als die Erlösung der Welt, die sich viele von ihm erhofften. Er würde Frieden bringen, wo Krieg war, so die Hoffnung der meisten. Dem Unrecht würde er die Stirn bieten und die Menschheit von der gefährlichen Last der Nuklearwaffen befreien. Dem äußeren Zeichen nach gipfelten diese beinahe religiösen Träume in der Verleihung des Friedensnobelpreises für einen, der nichts geleistet hatte, um ihn zu verdienen.

Der Entzug setzt ein

Nun sind wir also auf Entzug, bei Obama im Großen wie bei Guttenberg im Kleinen. Das Kennzeichen des Charismas ist die Übertragung guter Gefühle auf die Masse, sagen Forscher, die sich mit solchen Prozessen befasst haben. Genau besehen ist das Charisma wie eine strahlende leere Hülle, die an Inhalten nahezu alles transportieren kann - und nichts. Kennzeichen des Charismas ist es auch, dass alles, was es tatsächlich an Veränderung bewirkt, nicht aus der Kraft des Charismatikers geschieht. Vielmehr setzt der die Kräfte der anderen frei. Das Charisma ist demnach so etwas wie ein emotionaler Katalysator oder auch ein Motivator. Selbst muss es nichts leisten.

Und vielleicht finden wir ja hier einen Ansatzpunkt, wie wir den Kater nach dem Rausch überwinden können. Wie wäre es denn, wenn wir den Blick wieder auf uns selbst richteten? Wenn wir Veränderung in unserem Land wollen, in unseren Unternehmen, in Schulen und Universitäten und wo auch immer, dann braucht es dazu so oder so unsere eigenen Kräfte. Keiner wird uns die Arbeit abnehmen, so schön er auch redet oder anzuschauen ist. Der Traum vom Erlöser, der alles für uns schultert und uns womöglich gar ins Paradies führt, ist nichts als ein verführerischer Traum. Und die ihn vor uns träumten, sind nicht selten in der Hölle aufgewacht.

Literatur:

  • Bono, E. J. & Illies, R. 2006: Charisma, positive emotions and mood contagion. The Leadership Quarterly 17 (2006) 317-334
  • Pastor, C. J. et al. 2007: Adding Fuel to Fire: The Impact of Followers' Arousal on Ratings of Charisma. Journal of Applied Psychology 92, 1584-1596
  • Schjoedt, U. et al. 2011: The power of charisma - perceived charisma inhibits the frontal executive network of believers in intercessory prayer. Scan 6, 119-127
  • Turner, B. S. 2001: Charisma and Charismatic. In: Smelser, N. J. et al. (Hg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, Oxford: Elsevier Science, 1651-1653
  • Weber, M. 1985: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Stuttgart: UTB (online)
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(