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Kopfwelten: Heiliger Spekulatius

Eine archäologische Sensation sei zu vermelden, tönte es aus den vatikanischen Medien und ebenso aus dem Mund des Papstes: Knochen und Stoffe im vermuteten Grab des Apostels Paulus in Rom bestätigten dessen Echtheit! Doch wo steckt in diesem Gewirr von Fakten, Funden und Fantasien ein echter Beweis?

Von Frank Ochmann

Das mögliche Grab des Apostels Paulus ist nicht leer. Die päpstlich verlesene Nachricht versetzte die um den Pontifex versammelten Würdenträger in Feierlaune. Dass der Schädel des sogenannten Völkerapostels ein ganzes Stück weiter nördlich in der römischen Lateranbasilika vermutet und verehrt wird, störte die Festlichkeiten nicht, ist es in der katholischen Kirche doch seit langem Tradition, die sterblichen Überreste ihrer Besten zumeist goldgefasst über den Erdkreis zu verteilen.

Knochen waren also im Sarkophag der 324 geweihten Basilika Sankt Paul vor den Mauern gefunden worden. Auch Weihrauchkörner, "Eiweiß- und Kalksubstanzen", dazu noch Stofffetzen, purpurn, blau und mit Goldbesatz. "Das scheint die einhellige und unwidersprochene Tradition zu bestätigen, dass es sich hier um die sterblichen Überreste des Apostels Paulus handelt. All das erfüllt unsere Seele mit tiefer Emotion." Benedikt XVI. war nach eigenem Bekunden gerührt. Sicher aber war Seine Heiligkeit nicht überrascht.

Denn die "Sensation", wie etwa Radio Vatikan die archäologische Entdeckung nannte, war nur eine aufgewärmte und schon eineinhalb Jahre alt. Das Grab selbst und seine Umgebung werden bereits seit 2002 untersucht. Das gab der für die Basilika zuständige Kardinal Montezemolo auch zu. Ebenso, dass er die Medien noch kurz zuvor angelogen und behauptet hatte, die dicken Wände des Sarkophags ließen eine Sondierung von außen gar nicht zu. Aber einen solchen Knaller schenkt einem der Himmel eben nicht alle Tage, und darum lässt ihn die Kirche auch nicht einfach verpuffen, sondern hebt ihn sich für den historisch passenden Moment auf. Erst recht wenn es um einen solchen Giganten wie Paulus geht.

Ohne Paulus keine christliche Kirche

Natürlich gilt gewöhnlich Jesus von Nazareth als Gründer der christlichen Religion. Ohne Paulus allerdings (auch bekannt als Saulus) wäre diese Glaubensgemeinschaft vermutlich längst erloschen wie so viele andere Kulte aus jener erlösungshungrigen Epoche oder hätte bestenfalls als jüdische Sekte überlebt. Paulus war es, der die Zeichen der Zeit erkannte und der die Tür zur (heidnischen) Welt weit aufstieß. Mit dem überschwänglichen Eifer des Spätberufenen und gegen teils heftigen Widerstand aus den eigenen Reihen gelang es ihm, die Nichtjuden rund um das Mittelmeer und selbst im kaiserlichen Rom mit der Gestalt Jesu vertraut zu machen. Mit dem Jesus jedenfalls, den er im Kopf hatte und predigte. Von diesem Paulus stammt auch das älteste schriftliche Zeugnis der Auferstehung Jesu. Kurz: Ohne Paulus kein Ostern und keine christliche Kirche.

Dessen sind sich natürlich auch ihre heutigen Führer in Dankbarkeit bewusst. Und so war für den Papst beim Abschluss des Jubeljahres zum (vermuteten) 2000. Geburtstag des Apostels der Augenblick der Verkündigung gekommen. Die Inszenierung des Grabfundes hatte die gewohnte Klasse. Archäologisch allerdings steckt in dem Sarkophag vor allem heiße Luft.

Aber hat denn nicht eine wissenschaftliche Datierung bereits ergeben, dass die Knochen "von einer Person stammen, die zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert gelebt hat"? So wurde es verkündet. Genauer ist eine Datierung über die Zerfallsrate des radioaktiven Kohlenstoffs ("C-14"), wie sie in diesem Fall zum Einsatz kam, aber auch kaum möglich. Bei diesem ermittelten Zeitrahmen könnte in dem Sarg also genau so gut der Großvater von Paulus liegen oder sein Enkel (falls er einen hatte, was wir natürlich ebenfalls nicht wissen). Die Knochen könnten auch von einem ganz anderen Menschen stammen, der "zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert" in Rom gestorben ist oder wenigstens später als Leiche dort hinkam. Es war ja durchaus noch ein bisschen Zeit, um in den richtigen Sarg zu gelangen. Der entstand nämlich wohl erst um 390, also mindestens zweihundert Jahre, nachdem die gefeierten Knochen das Leben verlassen hatte.

Wir wissen auch nicht, ob die Knochen, die heute in dem Sarg liegen, dieselben sind, die er anfangs barg. Und ob die oder die jetzigen oder alle zusammen zu dem schon erwähnten Schädel passen (genetisch zum Beispiel), der ein paar Kilometer entfernt als der Kopf des Paulus beweihräuchert wird. Ein römisches Schwert soll diesen Schädel um das Jahr 60 vom Rumpf des Apostels getrennt haben. Aber auch das ist eine Vermutung.

Ein klassischer Cliffhanger

Natürlich könnte der ominöse Sarkophag einfach mal geöffnet werden, um nachzusehen, zu messen und zu testen, was die Forschung hergibt, und so wenigstens einigen Spekulationen ein schnelles Ende zu bereiten. Doch wer so denkt, vergisst die Regeln guter Dramaturgie. Ja, der Sarg würde geöffnet, kündigte Kardinal Montezemolo an. Der Papst habe es schon angedeutet. "Es wird aber eine lange und heikle Arbeit werden." Welches Interesse sollte die Kirche denn auch daran haben, diesen Prozess zu verkürzen, wenn sich die Chance bietet, mit dem immer gleichen Grab noch oft und immer wieder international in die Schlagzeilen zu kommen?

Was wir aus Rom geboten bekommen, ist ein klassischer "Cliffhanger", bei dem sich das gebannte Publikum bis zur nächsten Episode des Paulus-Thrillers die Nägel herunterkauen soll. Dem 1889 verstorbenen englischen Autor Wilkie Collins wird das inzwischen berühmte Rezept zugeschrieben, dem auch die vatikanische Regie "mit tiefer Emotion" zu folgen scheint: "Lass sie weinen, lass sie lachen, lass sie warten - genau in dieser Reihenfolge."

Literatur und Links:

Angenendt, A. 1997: Heilige und Reliquien, München: C. H. Beck (2., überarb. Aufl.)
Ben-Chorin, S. 1983: Paulus - Der Völkerapostel in jüdischer Sicht, München: dtv/List (3. Taschenbuchaufl.)
Benedikt XVI., Predigt zum Abschluss des Paulus-Jahres in St. Paul vor den Mauern, 28.6.2009
Kümmel, W. G. 1980: Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg: Quelle & Meyer (20. Aufl.)
Radio Vatikan 2009: Vatikan: Papst, "Das Paulusgrab ist echt", 29.6.2009