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Kopfwelten: Terror, Tod und Träume von Ewigkeit

Durch Katastrophen wie den jüngsten Flugzeugabsturz oder auch durch terroristische Drohungen werden wir an die eigene Endlichkeit erinnert. Unser innerer Ausweg: Festhalten an traditionellen Werten, Abgrenzung gegenüber allem Fremden - und der Wunsch nach eigenen Kindern.

Von Frank Ochmann

Im Kind weiterleben - diese Vorstellung spendet vielen Trost

Im Kind weiterleben - diese Vorstellung spendet vielen Trost

Wir waren noch mit der Wirtschaftskrise beschäftigt, mit taumelnden Firmen wie Opel, Karstadt und den anderen, da traf uns die Nachricht vom Absturz des französischen Airbus irgendwo zwischen Südamerika und Westafrika. Wir sahen die Bilder von Ölspuren und Wrackteilen, hörten von den Opfern. Und als wäre das noch nicht genug des Schreckens, kam übers Wochenende auch noch die Meldung, deutsche Sicherheitsbehörden sähen ein deutlich erhöhtes terroristisches Anschlagsrisiko für die Zeit um die Bundestagswahl.

Und was machen wir nun mit dieser Meldung? Oder auch: Was macht sie mit uns?

Wir mögen innerlich abwinken und solche eher vagen Terrorwarnungen als übertrieben, gar als grundlos abtun. Wie fundiert sie sind, können wir ohnehin nicht beurteilen, da den meisten von uns der Zugang zu den üblicherweise geheimen Quellen fehlt und wir nicht sicher sein können, wie verlässlich das ist, was wir erfahren. Aber heißt das deshalb, uns lassen solche Warnungen kalt? Zucken wir mit den Schultern und leben weiter wie zuvor?

Selbst wenn wir das glauben sollten und uns für gelassen und weitgehend angstfrei halten: Psychologen wissen inzwischen, dass es nicht stimmt.

Die über die Medien vermittelte Realität hinterlässt reale Spuren

Traumata, seelische Verletzungen würden nur die davontragen, die "dem Bullen ins Auge gesehen" hätten, nahmen Experten lange an. Nur direkt Betroffene könnten demnach von einem traumatischen Ereignis auch wirklich betroffen sein. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 musste diese Sicht korrigiert werden. Denn auch eine abgebildete, über die Medien vermittelte und nicht selten oft wiederholte Realität hinterlässt reale Spuren.

Ein Effekt, der lang anhalten und durch neue Anschläge und deren mediale Verbreitung verstärkt werden kann: Die Abschätzung von bestimmten Risiken wird nachhaltig gestört. So fiel in den USA die Zahl der Flugpassagiere nach Jahren des Wachstums 2001 plötzlich um 6,5 Prozent. Am Boden fühlten sich viele sicherer als in der Luft - was zu geschätzt etwa 1000 zusätzlichen Verkehrstoten für die Monate Oktober bis Dezember 2001 führte. Denn auch in diesem Jahr war Fliegen ungefähr 850 Mal sicherer als die Reise per Auto. Wir reden also bei solchen Folgen des Terrors wie falschen Risikowahrnehmungen nicht nur von Hirngespinsten, die nach einer Zeit wieder vergehen. Wir reden von echten Opfern, ohne dass wir sie benennen könnten.

Was die Wahrnehmung des Terrors - und sei es nur durch eine Warnung wie bei uns am vergangenen Wochenende oder einen um ein oder zwei Stufen erhöhten "Level nationaler Bedrohung" wie in den USA - vor allem in uns hervorruft, ist die Angst vor der eigenen Endlichkeit. Jahrzehntelang haben sich Forscher mit diesem Phänomen und seinen Folgen schon auseinandergesetzt, einem der ganz wenigen, dass uns wohl wirklich von den anderen Primatenarten absetzt. Nur wir wissen, dass wir einmal nicht mehr sein werden. Und wir tun alles, um diese Gewissheit aus unserem Leben herauszudrängen.

Klammern an die eigene Kultur und ihre Werte

Um den Schauder drohender Vernichtung zu besänftigen klammern wir uns vor allem an unser Weltbild und seine Werte. Überspitzt gesagt: Wenigstens unsere Kultur soll ewig sein, wenn wir schon vergehen müssen. Und je mehr wir Teil dieser Kultur sind, desto sicherer existieren wir in ihr auch über unseren Tod hinaus. So in etwa könnte man vereinfacht das innere Konzept beschreiben, dass wir uns - größtenteils unbewusst - zurechtgelegt haben, um dem Ende zu entgehen.

Ein damit verbundener Nachteil: Weil wir so viel Wert in unsere Kultur legen müssen, kommt es zugleich zu einer Geringschätzung aller alternativen Weltbilder. Experimentell lässt sich das auch testen: Je stärker die Gewissheit des eigenen Todes wird, desto stärker klammern wir uns auch an unsere eigene Weltsicht und betonen die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Sei die (Existenz-)Sorge noch so diffus und verborgen, sie stärkt über das übliche Maß das, was ist - samt unserer Stereotype und Vorurteile - und schwächt zugleich jeden Willen zur Veränderung. Angst ist eben wirklich kein guter Ratgeber.

Die Geburtenrate sollte bald steigen

Ein Gutes aber wird die gegenwärtig besonders spürbare Verunsicherung um uns und in uns vermutlich haben: Die Geburtenrate sollte bald steigen. Viele glauben, sie könnten nach ihrem Tod "in ihren Kindern" weiterleben. Das ist offenbar nicht nur eine Formel, um sich selbst Trost zu schenken. Der verstärkte Wunsch nach eigenen Nachkommen, sobald wir an unsere Vergänglichkeit erinnert werden, lässt sich auch wissenschaftlich herausarbeiten.

Dass es dabei wirklich darum gehen könnte, sich selbst in ein neues Leben zu überführen, stützt eine Studie, die gerade von Wissenschaftlern aus dem französischen Montpellier publiziert wurde. Im westafrikanischen Senegal hatten die Evolutionsforscher in einer ländlichen Gegend untersucht, wie Väter ihre mit bis zu vier Ehefrauen gezeugten Kinder behandelten. Das Ergebnis: Je mehr sich Vater und Kind von den Gesichtszügen und vom Geruch her ähnelten, desto mehr Zuneigung und Kapital wurde in diesen Nachwuchs investiert.

Literatur:

Alvergne, A. et al. 2009: Father-offspring resemblance predicts paternal investment in humans, Animal Behaviour, (im Druck vorab online: doi:10.1016/j.anbehav.2009.03.019)
Fritsche, I. et al. 2007: Mortality salience and the desire for offspring, Journal of Experimental Social Psychology 43, 753-762
Greenberg, J. et al. 1997: Terror Management Theory of Self-Esteem and Cultural Worldviews: Empirical Assessments and Conceptual Refinements, Advances in Experiemental Social Psychology 29, 61-139
Lerner, J. S. et al. 2003: Effects of Fear and Anger on Perceived Risks of Terrorism: A National Field Experiment, Psychological Science 14, 144-150
Marshall, R. D. et al. 2007: The Psychology of Ongoing Threat - Relative Risk Appraisal, the September 11 Attacks anbd Terrorism-Related Fears, American Psychologist 62, 304-316