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Kopfwelten: Brodelnder sozialer Bodensatz

Drei Millionen Arbeitslose, die nicht vermittelbar sind: Die Rechnung stellte ein Experte bei "Maybritt Illner" auf. Durch die Wirtschaftskrise werden es noch mehr. Politgrößen bestreiten, dass die Krise in Deutschland Unruhen auslösen könnte. Doch die Psychologie zeigt, wie Ausgrenzung feindliches Verhalten fördert.

Von Frank Ochmann

Auch das ZDF, oft geschmäht als Puschenkino fürs Altenheim, hat neben Volksmusik und Rosamunde Pilcher durchaus Spannendes zu bieten. Zum Beispiel bei der Polit-Talkshow "Maybritt Illner" am Vorabend des 1. Mai: "Weniger Jobs, weniger Geld: Klassenkampf um Arbeitsplätze?" lautete das Thema. Oder etwas klarer formuliert: Wann kracht es wohl hierzulande?

Die Frage nach sozialen Unruhen als Folge der wirtschaftlichen Krise und einer bei vielen zunehmend als ungerecht empfundenen Arbeitswelt hatten kurz davor der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Michael Sommer und die SPD-Kandidatin für die Bundespräsidentschaft Gesine Schwan aufgeworfen - und heftige Prügel selbst von oberen Genossen dafür bezogen. Noch deutlicher griff die politische Gegenseite an: Über "saudummes Dahergerede" schimpfte zum Beispiel CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt.

Ähnliche Ausfälle waren von Dobrindt nicht zu hören, als Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ein paar Wochen vor Sommer und Schwan ziemlich genau dasselbe gesagt hatte: "Meine Sorge ist, dass wir in vielen Ländern soziale Spannungen bekommen könnten." Und dann hatte der in den vergangenen Monaten so oft als gierig getadelte "Joe" noch einsichtig bekannt: "Wir sitzen alle in einem Boot."

Tatsächlich? Da war bei Maybritt Illner anderes zu hören. Die Sendung war schon weit fortgeschritten, als der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser ans Pult trat. Es könnte ja passieren, dass wir bald wieder fünf Millionen Arbeitslose hätten wie einst unter Rot-Grün, gab die Talkmasterin zu bedenken. Doch der Professor sah das anders: "Was heißt hier fünf Millionen? Drei dieser fünf Millionen, wie wir jetzt gesehen haben in der Hochkonjunktur, sind überhaupt nicht vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. So dass wir also keineswegs fünf Millionen Arbeitslose hätten, sondern wir hätten lediglich zwei."

Frau Illner beschränkte ihre Reaktion auf ein "Hmmhmm", dankte dem Wissenschaftler, ging zurück zu ihrem Stuhl, und das Saalpublikum klatschte. Bleiben drei Millionen im Sinn. Drei Millionen überhaupt nicht Vermittelbare.

Der Riss in unserer Gesellschaft

Gehen wir von einer durchschnittlichen Verteilung auf Single- und Mehrpersonenhaushalte aus, dann reden wir von vielleicht fünf Millionen, die auf dem Arbeitsmarkt dieses Landes nicht vermittelbar sind oder mit einem solchen Menschen die Wohnung teilen. Fünf Millionen Bodensatz also. Und das sogar ohne Krise, wie Abelshauser vorgerechnet hat. Und niemand sollte den Boten wegen seiner Nachricht strafen. Endlich hat mal einer ganz offen und ehrlich gesprochen und den Riss in unserer Gesellschaft nicht mit Wohlfühlfloskeln überkleistert.

Die Krise kommt jetzt in den nächsten Wochen und Monaten noch dazu. Von einer Million weiterer Arbeitsloser ist die Rede. Auch die sind nicht alle Single - natürlich. Macht noch mal geschätzt an die zwei Millionen für das "Prekariat". Dann hätten wir noch die Kurzarbeiter und Billiglöhner, Scheinselbstständige, Umschüler und Weiterqualifizierer und wer unter uns sonst noch alles den Kopf über Wasser zu halten versucht. Die Gesamtzahl der sozialen Strampler darf geraten werden. Aber der Deutsche ist geduldig, nicht wahr?

Vielleicht wäre es ja keine schlechte Idee, wenn sich die Strategen der Parteien, bevor es bald so richtig losgeht mit dem Bundestagswahlkampf, ein wenig mit dem Thema soziale Ausgrenzung und Gewalt vertraut machten. Sie müssen es ja niemandem sagen.

Wie aus Ausgrenzung feindliches Verhalten erwächst

"Wenn das Ideal gesellschaftlichen Lebens darin besteht, in Frieden und Harmonie zusammen zu leben, dann sind zwei seiner größten Feinde gesellschaftliche Ausgrenzung (die das Miteinander verringert) und Aggression (die Frieden und Harmonie verhindert). Gelegentlich sind diese beiden Probleme miteinander verbunden." So lakonisch beginnt eine neue Untersuchung über die brisante Frage, wie aus gesellschaftlicher Ächtung, Ausgrenzung oder auch "nur" Vernachlässigung feindliches und unter Umständen gar gewalttätiges Verhalten erwächst.

Aber müssten sozial an den Rand oder gar darüber hinaus Gedrängte nicht besonders brav werden, um eben möglichst bald nicht mehr "out", sondern wieder "in" zu sein? Dass es eines unserer tiefsten Bedürfnisse ist, "dazu" zu gehören und nicht "draußen" zu stehen, ist wissenschaftlich keine Frage mehr. Kaum etwas sitzt so tief in unserer Seele wie die Angst vor der Vereinzelung. So lässt sich schon bei Kleinkindern beobachten, wie sie ihr Verhalten der Gruppennorm anpassen, wenn sie einen möglichen Ausschluss auch nur entfernt für möglich halten. Aber was, wenn alle Anpassung nichts bringt? Was, wenn einer einfach nicht gebraucht wird, wenn er rausfällt und keinem fehlt?

Das Ende der schon zitierten Gemeinschaftsstudie von Nathan DeWall und weiteren Sozialpsychologen dreier amerikanischer Universitäten liest sich weitaus dramatischer als der Anfang. Wer in experimentellen Situationen ausgegrenzt wurde, sah sich beispielsweise zunehmend in einer feindlichen Umgebung, auch wenn es aus neutraler Sicht dafür gar keinen Anlass gab. Alles wurde verdächtig, alle schienen sich gegen die Betroffenen zu wenden.

Und auch das zeigte sich: Entluden sich die mit der Zeit aufgestauten Aggressionen, mussten deren Ziel nicht allein die sein, von denen die soziale Ablehnung unmittelbar ausging. Auch ungerichtete Ausbrüche wurden beobachtet, wenn sich einer erst verraten und im Stich gelassen fühlte. "Ausgeschlossene Menschen sehen die Welt durch blutrote Brillen." Ob das für Politiker interessant sein könnte?

Literatur:

Baumeister, R. F. & Leary, M. R. 1995: The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation, Psychological Bulletin 117, 497-529
Chow, R. M. et al. 2008: Excluded emotions: The role of anger in antisocial responses to ostracism, Journal of Experimental Social Psychology 44, 896-903
DeWall, N. C. et al. 2009: It's the Thought That Counts: The Role of Hostile Cognition in Shaping Aggressive Responses to Social Exclusion, Journal of Personality and Social Psychology 96, 45-59
Diekmann, K. & Santen, O. 2009: "Verstehen Sie die Wut auf gierige Geldsäcke, Herr Ackermann?", Bild Zeitung vom 6.4.2009, 2
Over, H. & Carpenter, M. 2009: Priming third-party ostracism increases affiliative imitation in children, Developmental Science (im Druck, vorab online DOI: 10.1111/j.1467-7687.2008.00820.x
Stillman, T. F. et al. 2009: Alone and Without Purpose: Life Loses Meaning Following Social Exclusion, Journal of Experimental Social Psychology (im Druck, vorab online: doi:10.1016/j.jesp.2009.03.007)
Twenge, J. M. et al. 2007: Social Exclusion Decreases Prosocial Behavior, Journal of Personality and Social Psychology 92, 56-66
Warburton, W. A. et al. 2006: When ostracism leads to aggression: The moderating effects of control deprivation, Journal of Experimental Social Psychology 42, 213-220