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Kopfwelten: Zu dumm für die Spitzenforschung?

Der weibliche Personalanteil in den Naturwissenschaften ist relativ gering. Je mathematischer das Fach, desto armseliger die Quote. Sind Frauen für Mathematik und Physik also schlicht nicht geeignet? Oder werden bei der Untersuchung dieses Phänomens die falschen Fragen gestellt?

Von Frank Ochmann

Jedes Jahr im Frühherbst wird eine Handvoll Glücklicher in den Adelsstand der Wissenschaft aufgenommen. Es ist wieder Nobelpreiszeit. Und so sicher wie die feierliche Verleihung der Auszeichnung am 10. Dezember, Alfred Nobels Todestag, kommt dann irgendwann in diesen Wochen die Frage: Warum so wenige Frauen? Und damit betreten wir ein "soziopolitisches Minenfeld", wie es jüngst in einer Arbeit zum Thema hieß.

Sehen wir auf die Zahlen: Tatsächlich gilt, je "härter" die Disziplin, desto deutlicher das Ungleichgewicht der Geschlechterverteilung. Kommen bei der Medizin - und den ebenfalls berücksichtigten benachbarten biologischen Wissenschaften - "nur" etwa 25 männliche Preisträger auf eine ausgezeichnete Frau, sind es bei der Physik fast 90. Dieser gewaltige Unterschied lässt sich beim besten Willen nicht kleinreden. Warum also ist die Differenz so groß, wenn wir einmal großzügig voraussetzen, dass brillante Frauen in der Forschung von überwiegend männlichen Juroren nicht einfach übergangen werden? Dem achtköpfigen Nobelpreiskomitee für Physik zum Beispiel gehören in diesem Jahr zwei Frauen an - eine davon ist im Erziehungsurlaub. Allerdings sind sie "administrativ" tätig, was vermutlich die nette Umschreibung dafür ist, dass sie gewöhnlich die Einladungen verschicken, das Protokoll der Sitzungen führen und anschließend säuberlich tippen.

Wie tief der Graben ist, zeigt sich schon in den Hörsälen: Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts liegt der Frauenanteil bei den Studierenden der Chemie hierzulande zwar immerhin bei knapp 42 Prozent, bei der Physik aber sackt er auf nur noch 18 Prozent ab - was ja immer noch überwältigend hoch ist, bezogen auf die nicht mal zwei Prozent Nobelpreis-Physikerinnen. Da werden also noch etliche Forscherinnen auf dem Weg zur Spitze abgehängt. Und nicht in allen Fällen ist das damit zu erklären, dass sie womöglich in die Politik gingen und Bundeskanzlerin wurden.

Liegt es an der Fähigkeit?

Können es Frauen also einfach nicht? Reicht das Zusammenspiel der Neuronen im weiblichen Gehirn zwar noch fürs Rühren in Tiegeln und zum Schütteln von Erlenmeyerkolben (weil der Küchenarbeit so ähnlich), aber nur noch selten für Differenzialgleichungen und die abstrakten Tiefen der Quantenmechanik?

Es gibt immer mal wieder einen, der wagemutig oder dumm genug ist, sich inhaltlich zu solchen Aussagen hinreißen zu lassen, auch wenn sie gewöhnlich mit viel "political correctness" verkleidet und als Frage formuliert werden. Den Harvard-Präsidenten Larry Summers zum Beispiel hat das 2005 den Posten gekostet. Und sogar die eine oder andere Frau reiht sich gelegentlich in den Kreis der So-ist-eben-unsere-Natur-Erklärer ein. So derzeit die kanadische Psychologin und Journalistin Susan Pinker, die das "Geschlechter-Paradox" mit ziemlich viel alter Biologie und etlichen Oxytozin-Schüben im weiblichen Hirn zu begründen versucht.

Aber darf man denn nicht einmal mehr Fragen stellen? Einige Kommentatoren reagieren auf weibliche Empfindsamkeit nach Gutsherrenart: Siehste! Da zeigt man nur mal kurz mit dem Finger drauf, und gleich werden sie hysterisch! So hatte zum Beispiel eine Zuhörerin von Harvard-Präsident Larry Summers (die Biologie-Professorin Nancy Hopkins vom benachbarten M.I.T., dem Massachusetts Institute of Technology) Reportern berichtet, sie habe bei dessen Rede den Saal verlassen müssen, weil sie anderenfalls entweder ohnmächtig geworden wäre oder sich übergeben hätte. Muss sie sich denn gleich so aufregen?

Vom "egoistischen Gen" keine Spur mehr

Ja, gerade als Biologin muss sie wohl. Denn sie kennt den Stand der Forschung vermutlich besser als der Ökonom und frühere Clinton-Minister Summers und weiß darum auch, was vom lange gepredigten, angeblich alles entscheidenden Einfluss "egoistischer Gene" geblieben ist: viel heiße Luft vor allem - und das geschlechterübergreifend.

Gelassenheit fällt bei solchen kontroversen Themen natürlich dann besonders leicht, wenn man selbst zur satten Majorität gehört. Aber vielleicht wird die Erregung auf der anderen Seite verständlicher, wenn man die Gruppe der Betrachtung austauscht. So zum Beispiel: Warum gibt es unter den Nobelpreisträgern so wenig "Schwarze"? Auch das ist rein von den Zahlen her völlig unbestreitbar. Vielleicht sind sie ja zu dumm, um mit "Weißen" mithalten zu können?

Der Nobelpreisträger James Watson, Mitentdecker der doppelten Spiralstruktur des Erbmoleküls, setzte 2007 genau diese Vermutung in die Welt. Auch er verlor kurz darauf seinen Chefsessel, der im Gen-Institut von Cold Spring Harbor in den USA gestanden hatte. Aber man wird doch mal fragen dürfen oder etwa nicht? Leider werden die meisten Frager erst bei bohrenden Rückfragen hinreichend sensibel.

Natürlich ist es nicht verboten, Fragen zu stellen. Dann ist allerdings auch diese Frage erlaubt: Warum werden bestimmte Fragen immer und immer wieder gestellt? Warum suchen zum Beispiel Forscher - wie jüngst in einer Arbeit des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung - nach einem vielleicht doch noch irgendwo tief im Datenwust verborgenen Geschlechterunterschied in Sachen Mathe, der groß genug sein könnte, um "die Geschichte umschreiben zu müssen", wie es in der Überschrift der Arbeit provozierend in Aussicht gestellt wird? Liest man dann die Publikation aus dem "soziopolitischen Minenfeld" ganz, bleibt am Ende nicht viel mehr als ein statistisches Modell, das einen nennenswerten Unterschied auch da noch aus den Erhebungen herauskitzelt, wo andere Methoden keinen nennenswerten sehen. Lässt sich sagen, wo diese Differenz herkommt? Leider nein. Ist zumindest sicher, dass das ausgerechnet im Journal "Intelligence" präsentierte Ergebnis unter anderen Umständen der Datenerhebung ebenso ausgefallen wäre? Wieder nein. Dann muss wohl auch keine Geschichte umgeschrieben werden, richtig?

Einschüchterung für die Mädchen

Ungleich spannender fallen dagegen psychologische Untersuchungen aus, die der Frage nachgehen, wie bestimmte Gedanken im Kopf der Kandidaten auf das Abschneiden bei Tests wirken. Ist es zum Beispiel hilfreich oder schädlich, wenn ich mich mit einem weiblichen Gehirn an eine Matheaufgabe mache und dabei tief in den Windungen damit klar kommen muss, dass ich dafür als Mädchen womöglich zu blöd bin oder wenigstens dafür gehalten werde? (Hat da gerade einer gedacht, es sei ja wohl "typisch weiblich", sich davon einschüchtern zu lassen?)

Ja, das schüchtert ein. So weit, dass sogar Studentinnen der kalifornischen Elite-Universität Stanford mit hohem Interesse an Mathematik, guten Noten und einem Hauptfach aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Feld die Hände nass werden vor Angst, wenn ihnen in einem psychologischen Experiment angeboten wird, demnächst an einer Fachtagung teilzunehmen, bei der sie auf dreimal mehr Männer als Frauen treffen werden. Dahinter steckt keine Lappalie, sondern das, was Psychologen inzwischen eine "Bedrohung der sozialen Identität" nennen. Und die ist nicht eingebildet, sondern in Experimenten messbar.

Könnte es also nicht auch daran liegen und weniger an hormonell oder hirnphysiologisch bedingter Beschränktheit, dass Frauen "freiwillig" auf eine Karriere in den mathematisch ausgerichteten Wissenschaften verzichten? Weil sie klug genug sind, sich diesen Spießrutenlauf nicht anzutun?

Literatur

Blinkhorn, S. 2005: A gender bender, Nature 438, 31-32

Brunner, M. et al 2008: Gender differences in mathematics: Does the story need to be rewritten?, Intelligence 36, 403-421

Hyde, J. S. et al. 2008: Gender Similarities Characterize Math Performance, Science 321, 494-495

Murphy, M. C. et al. 2007: Signaling Threat - How Situational Cues Affect Women in Math, Science, and Engineering Settings, Psychological Science 18, 879-885

Nosek, B. A. et al. 2002: Math = Male, Me = Female, Therefore Math ≠ Me, Journal of Personality and Social Psychology 83, 44-59

Rosenbloom, J. L. et al. 2008: Why are there so few women in information technology? Assessing the role of personality in career choices, Journal of Economic Psychology 29, 543-554

Spelke, E. S, 2005: Sex Differences in Intrinsic Aptitude for Mathematics and Science? - A Critical Review, American Psychologist 60, 950-958

Und wer’s noch immer nicht glaubt, dass Frauen wirklich prima Wissenschaftlerinnen sein können, dem sei der folgende Band mit 25 lesenswerten Porträts empfohlen (allen anderen allerdings auch): Jeanne Rubner (Hg.): Frauen, die forschen, Collection Rolf Heyne 2008

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