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Kopfwelten zum Loveparade-Drama: Angst ist keine Panik

Wie selbstverständlich ist im Zusammenhang mit dem Desaster der Duisburger Loveparade von "Panik" die Rede. Doch Notfallexperten und Psychologen widersprechen.

Von Frank Ochmann

Eine "Massenpanik", so heißt es schon kurz nach dem fürchterlichen Geschehen vom späten Samstagnachmittag, habe bei der diesjährigen Loveparade zur Katastrophe geführt. 19 Menschen sind gestorben, mehr als 340 verletzt worden. Und es braucht nicht viel Fantasie, um sich zu solchen Meldungen eine wild gewordene Herde von Rindern oder Büffeln vorzustellen, die unter eine Staubwolke zur Walze aus Fleisch und Blut wird, die kein Hindernis zum Stoppen bringt - "Stampede".

Aber das sind nicht die Bilder, die wir aus Duisburg sehen. Keine "Stampede" wird dort ausgelöst, sondern es herrscht beklemmende, drängende Enge. Keine Menschen, die mit Schaum vor dem Mund von Sinnen sind, sehen wir, sondern Beunruhigte, Verängstigte, die sich zum Teil an den Händen halten, um sich im Gewusel und Geschiebe um sie herum nicht zu verlieren. Menschen sehen wir, die vor der tatsächlichen oder vermuteten Gefahr auszuweichen versuchen und zum Beispiel den Weg über eine Böschung statt durch einen Tunnel nehmen, der sich als klar erkennbares Nadelöhr vor ihnen auftut. Was an diesem Verhalten ist "panisch"?

Weder unvernünftig, noch rücksichtslos

Der Begriff "Panik" erklärt so gut wie nichts und vernebelt fast alles. Diese Wirkung teilt es übrigens mit einer ebenso beliebten Bezeichnung: "Amok". Auch wenn es unter den Experten kaum eine allen gemeinsame Definition gibt, wird die Erfüllung von zwei Kriterien so gut wie immer gefordert, um von "panischem Verhalten" reden zu können:

1. Wer panisch ist, handelt völlig irrational und trifft Entscheidungen, die vernünftig nicht mehr zu erklären sind.

2. Wer panisch ist, handelt ohne Rücksicht auf Verluste und sucht den eigenen Vorteil auf Kosten und zum Schaden der anderen - "antisozial" nennt man das mit dem Fachausdruck.

Ist es das, was wir bei den bedrängten Menschen in Duisburg beobachten konnten? Es mag derartige Einzelfälle gegeben haben, wie es sie im Übrigen auch im "normalen" Leben gibt. Das Verhalten der großen Masse erfüllt aber sicher nicht die Kriterien der Irrationalität oder Antisozialität. Oder ist es etwa unvernünftig, sich in eine Richtung bewegen zu wollen, von der man vermutet, dort könne man sein bedrohtes Leben retten? Ist es unvernünftig oder selbstsüchtig, dabei den Kontakt zu Familienangehörigen oder Freunden zu halten?

Menschen handeln nicht als isolierte Individuen

Von vielen vergleichbaren katastrophalen Situationen ist bekannt, dass Menschen auch in schwerer Bedrängnis keinesfalls wie isolierte Individuen handeln, die nur sich selbst und ihr eigenes Wohl im Kopf haben. Vielmehr suchen sie auch in extremer Gefahr die physische Verbindung zu Menschen, die ihnen emotional nah sind. So war es zum Beispiel bei den Terroranschlägen am 11. September 2001. So war es offenbar auch in Duisburg.

Wenn von außen betrachtet trotzdem der Eindruck von "Panik", von Unvernunft und Rücksichtslosigkeit entsteht, dann zumeist deshalb, weil das Verhalten einer solcher Masse einer eigenen Dynamik folgt, der sich Einzelne oder kleinere Gruppen nicht entziehen können. Sätze wie "Wir mussten einfach mit der Masse mit und konnten nicht mehr selbst entscheiden", fielen oft nach der Katastrophe. Wenn eine Menge von Tausenden oder gar Hunderttausenden in Bewegung gerät, herrscht ein Prinzip, dass Fachleute "Selbstorganisation" nennen. Ein solches "chaotisches" System ist so unkontrollierbar und auch unkalkulierbar wie der legendäre Flügelschlag des japanischen Schmetterlings, der in der Karibik einen Hurrikan auslöst.

Bei ähnlichen Ereignissen wurden zum Beispiel Druckwellen in Menschenmassen beobachtet, bei denen pro Quadratmeter Widerstandsfläche die Kraft von viereinhalb Tonnen wirkt. Da ist kein Halten mehr, da ist keine Kontrolle, da krachen nur noch Knochen. Und so etwas kann man zwar nicht für den genauen Ort und die Minute vorhersagen, man muss aber damit rechnen. Genau das ist das Ziel von Simulationsmodellen, die zumindest wahrscheinliche Szenarios für geplante oder plötzliche Massenaufläufe zeigen sollen.

Zunehmend gehen diese Modelle von Menschen aus, die nicht einfach nur von A nach B strömende Punkte sind, sondern soziale Wesen, die sich auch in der Menge austauschen und beeinflussen. Menschen in einer bestimmten Stimmung, die sich in der jeweiligen Situation mit neu aufkommenden Gefühlen mischt. Die Dynamik komplexer Systeme und das Wissen über die Psychologie unseres sozialen Verhaltens, all das muss in moderne Modelle eingehen, sollen sie einen für die Praxis tauglichen Wert haben und Katastrophen vorbeugen helfen. Eins aber müssen die Modellierer nicht berücksichtigen, weil es auch bei sorgfältigster Analyse in der Realität so gut wie nie beobachtet wird: Dass Menschen massenweise in "Panik" geraten.

Wie es scheint, dient der Begriff - wie "Amok" auch - vor allem einem Zweck: Er vermittelt uns als Beobachtern das scheinbare Verständnis einer Situation, die mit normalen menschlichen Kapazitäten nicht zu verstehen ist. Die "Panik" der Beteiligten stabilisiert das bedrohte Weltbild der Beobachter und vermittelt den Eindruck, da sei durch Unvernunft und Rücksichtslosigkeit eine Situation außer Kontrolle geraten, die anderenfalls kontrollierbar gewesen wäre. Doch sie war es nicht.

"Panik" hat auch etwas damit zu tun, Verantwortung abzuschieben. Auf das unvorhersehbare Verhalten von "Durchgeknallten" nämlich. Wer von "Panik" redet, entschuldigt vielleicht andere, vielleicht sich selbst. Doch so einfach ist wohl auch das nicht. Wir werden in jedem Fall viel Zeit brauchen, die Folgen der Katastrophe von Duisburg auszuhalten und angemessen zu bedenken.

Literatur:

  • Dickie, J. F. 1995: Major crowd catastrophes. Safety Science 18, 309-320
  • Helbing, D. et al. 2007: Dynamics of crowd disasters: An empirical study. Physical Review E 75, 046109
  • Helbing, D. & Johansson, A. 2009: Pedestrian, Crowd and Evacuation Dynamics. In: Meyers Encyclopedia of Complexity and Systems Science. Berlin: Springer, 6476-6495
  • Schadschneider, A. et al. 2008: Evacuation Dynamics: Empirical Results, Modeling and Applications. In: Meyers, R. A. (Hg.): Encyclopedia of Complexity and Systems Science. New York: Springer, 3142-3176
  • Sime, J. D. 1995: Crowd psychology and engineering. Safety Science 21, 1-14
  • Williams, R. & Drury, J. 2009: Psychosocial resilience and its influence on managing mass emergencies and disasters. Psychiatry 8, 293-296
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