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Moveguard-Programm der Sportschule Köln: Wegweiser in ein leichteres Leben

Sie wog 143 Kilogramm, tat sich schwer beim Gehen. Mithilfe der Sporthochschule Köln erobert sich Monika Hansen die Welt zurück. Eine Erfolgsgeschichte.

Alarm! Eben noch war nur das rhythmische Kratzen der Nordic-Walking-Stöcke auf dem Boden zu hören, als Monika Hansen die sanfte Steigung hinauflief. Jetzt, auf halber Strecke zum Grat des Hügels, fängt die Uhr an ihrem Handgelenk plötzlich an zu piepen. Auf dem Display erscheint die Zahl 180. So oft schlägt Hansens Herz gerade pro Minute. "Das ist nicht gut", sagt Hansen. "Ich muss eine Pause machen." Dabei ist es gerade einmal eine Viertelstunde her, dass sie aus dem Auto gestiegen ist, sich gedehnt hat und dann in gemächlichem Tempo losgestöckelt ist.

Monika Hansen, 45, ist keine unsportliche Frau, im Gegenteil. Ihr Leben lang war sie im Schwimmverein, hat Squash gespielt und ist Rad gefahren. Aber vor ein paar Jahren musste sie damit aufhören. Ihr Körpergewicht hat sie zur Untätigkeit gezwungen. Im Spätsommer 2009 wog sie 143 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,60 Meter. "Ich war quadratisch, praktisch, gut", sagt Hansen trocken. "Ein Würfel auf Beinen."

"Ich brauchte diesen Druck"

Vor ein paar Monaten lernte sie mithilfe von Moveguard das Schwimmen neu, nun ist Walking dran. "Und wenn ich irgendwann wieder Rad fahren könnte, wäre das toll", sagt Hansen. Moveguard ist ein Programm der Deutschen Sporthochschule Köln, ein ambulantes Bewegungs- und Ernährungskonzept vor allem für stark übergewichtige Menschen. Monika Hansen meldete sich dort im November 2009 an. Sie wurde zuerst ärztlich untersucht, dann erklärte man ihr, warum Sport so wichtig für das Abnehmen ist und wie viel eine Ernährungsumstellung bewirken kann. Sie bekam eine Pulsuhr, mit der sie fortan jede ihrer Bewegungen protokollieren und später in eine Datenbank hochladen sollte. Und sie bekam einen Coach zugeteilt, der mehrmals pro Woche mit ihr trainieren würde.

Die Uhrzeiten durfte Hansen selbst festlegen. Aber sollte sie schwänzen, würde die Trainerin bei ihr anrufen - ein bisschen wie eine große Schwester. "Ich wusste sofort, das war meine Rettung", sagt Hansen. "Ich brauchte diesen Druck." Monika Hansen stemmt ihre Stöcke in den feuchten Waldboden und fährt sich durch die kurzen Haare. Man sieht ihr an, dass sie kämpft. Mit sich, mit der Steigung, mit den Pfunden. "Normalerweise schaffe ich diesen Hügel ohne Probleme", sagt sie ärgerlich. 90 Minuten dauert ihr Walkingprogramm. Einmal pro Woche geht sie mit der Moveguard-Trainerin durch den Wald hinter der Sporthochschule, drei weitere Male trainiert Hansen allein zu Hause in Köln-Burscheid. Sie geht dann nicht schnell, es ist eher ein Spaziergang mit Stöcken. Aber sie geht. "Bewegung ist wieder ein wichtiger Teil meines Lebens", sagt Hansen. Bis zum November 2009 gehörte dieser Platz dem Essen.

Es wurde immer gegessen

Monika Hansen backt und kocht für ihr Leben gern. Ihre Mutter war früh verstorben und Hansens Wohnung der Ort, an dem sich die ganze Familie traf. "Es wurde einfach erwartet, dass ich etwas auftische", sagt sie. Um alle satt zu kriegen, kaufte sie sich sogar einen zweiten Kühlschrank. Sie seufzt. "Ich hab das gern gemacht. Aber wenn ich's mir recht überlege: Bei uns wurde immer gegessen." Das war schon früher so. Als Hansen klein war, hatte die Großmutter sie immer gezwungen, den Teller leer zu essen. Auch wenn es diese Suppe mit Speck gab, die Monika hasste. "Wenn ich mich gewehrt habe, hat Omi noch eine Kelle mehr draufgetan." Das Mädchen traute sich nicht, Nein zu sagen. Das war vielleicht sein größter Fehler.

Denn Hansen hat auch später nie gelernt, anderen etwas abzuschlagen. "Ich wollte es immer allen recht machen", sagt sie. Irgendwann konnte sie nicht mal mehr zu sich selbst Nein sagen. "Immer wenn ich an einer Packung Süßigkeiten vorbeigegangen bin, musste ich zugreifen. Es war wie eine Sucht." Drei bis vier Tafeln Schokolade hat sie täglich verdrückt, dazu Kekse, Gummibärchen und Marzipan. Und das waren nur die Zwischenmahlzeiten. Morgens aß sie vier Brötchen, mittags Pasta Bolognese mit 400 Gramm Nudeln. Abends dann noch einmal Kartoffeln mit Fleisch oder einen Auflauf mit viel Käse. "Ich habe gegessen ohne Maß und Verstand", sagt Hansen heute.

Medikamente gegen den Heißhunger

Wenn die Klamotten zwickten, zog sie los, um sich neue Sachen zu kaufen. Sie war stolz, wenn die Freundinnen ihren modernen Kleidungsstil lobten. Dass die neuen Sachen jedes Mal eine Größe mehr hatten, verschwieg sie. Vor etwa fünf Jahren musste Hansen dann wegen ihres Gewichts auf den Sport verzichten. Ihre Knie taten weh, sie kam nicht mehr aufs Rad, bei Wanderungen war sie nach ein paar Hundert Metern erschöpft. So konnten sich die Kilo noch schneller auf ihren Hüften festsetzen.

Sie ist jetzt fertig mit ihrer Walkingrunde. Gewissenhaft dehnt sie ihre Arme und Beine. Bevor sie ins Auto steigt, wischt sie noch ein paar Dreckspritzer von ihrer Trainingsjacke. Monika Hansen achtet sehr auf sich. Sie ist sorgfältig geschminkt, trägt silberfarbene Ohrringe, ihre Haare sind dezent gesträhnt. Wie konnte diese Frau nicht bemerken, dass sie über Jahre hinweg immer dicker wurde? "Hab ich doch", sagt Hansen trotzig. Immer wieder habe sie versucht, gegen ihr Gewicht mit Diäten anzukämpfen. Die Low Carb, die Brigitte, die Weight Watchers - sie spricht über sie, als seien es alte Bekannte. "Es hat nur nichts genützt."

Sogar Medikamente hat Hansen genommen, um den Heißhunger zu stillen. Doch als die Diäten vorbei waren, kamen jedes Mal die Pfunde zurück. "Jaja, der Jo-Jo-Effekt", sagt Hansen und seufzt. Sie gibt nicht den Diäten die Schuld, sondern sich. Und dem Schichtdienst. Auch deshalb mochte sie das Move-guard-Programm auf Anhieb: Die Trainerin passte sich ihren Arbeitszeiten an.

Seit 27 Jahren arbeitet Monika Hansen in einer Firma, die Kolbenringe für Autos herstellt. In der Gießerei betreut sie ein Team von 15 Mitarbeitern. In all diesen Jahren war sie immer pünktlich und ganz selten krank. "Ich liebe meine Arbeit", sagt sie, aber sie sagt auch, dass die ständigen Wechsel zwischen Tag- und Nachtschicht die guten Vorsätze der Diäten immer wieder zunichtegemacht hätten. Oft aß sie Brote und Schokolade nicht aus Hunger, sondern um sich bei Nachtarbeit wach zu halten.

An einem Herbsttag 2009 fiel ihr der Job schwerer als sonst. Ihre Knie schmerzten wie die Hölle, der Puls wummerte. Alle paar Minuten musste sie ihre Arbeit unterbrechen und eine Pause machen. Sie konnte einfach nicht mehr. "Das war mir so peinlich. Was sollten die Kollegen denken?", erinnert sich Hansen. Es war der Tag, an dem ihr klar wurde, dass etwas passieren musste. Etwas Ernsthaftes. Etwas, das sie wieder unter die 100 Kilogramm bringen würde.

Bewusst essen lernen

"Mit diesem Ziel kommen viele Übergewichtige zu uns", sagt Bettina Schaar, 47. Die Sportwissenschaftlerin trägt Jogginghose und Turnschuhe und hängt lässig auf einem Stuhl in ihrem Büro an der Kölner Sporthochschule. Sie ist eine resolute Frau, die weiß, wie jedes Kilo zu viel die Menschen verändern kann. "Manche Übergewichtige haben sich schon einen speziellen Laufstil angewöhnt. Wegen ihres Gewichts landen sie auf dem ganzen Fuß, ihr Gehen sieht wie ein Watscheln aus."

Einer ihrer Studenten hat vor fünf Jahren Moveguard gegründet, seither ist Schaar wissenschaftliche Beraterin des Projekts. Mehr als 500 Teilnehmern hat sie schon beim Abnehmen geholfen. Manche von ihnen sind über 60 Jahre alt, andere erst 14. Mit allen macht Schaar zuerst ein Mengentraining. So nennt sie es, wenn sie den Teilnehmern zeigt, wie viel Essen ein Mensch am Tag braucht. "Die meisten haben das Gefühl dafür komplett verloren", sagt sie. Viele sähen sie nach der Stunde verstört an und fragten dann: "Wie soll ich denn davon satt werden?" Schaar antwortet mit nur zwei Wörtern: "Bewusst essen."

Heißhungerattacken vermeiden

Auch Monika Hansen musste das mühevoll lernen. Jetzt sitzt sie in Schaars Büro an der Sporthochschule und knabbert an einem Apfel. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen fällt die Dämmerung über den Campus. Abends wird Hansen eine Scheibe Brot essen, dünn mit Käse belegt. Ein kleiner Salat mit Essig und Öl ginge auch, aber den mag sie nicht so gern. "Das braucht sie auch nicht", sagt Bettina Schaar. "Jeder soll nur das essen, was er gern mag." Aber natürlich gibt es Regeln: alles nur in sehr kleinen Mengen. Und nichts nach 19 Uhr.

Seit Monika Hansen mithilfe von Moveguard abnimmt, quält sie abends oft der Hunger. Aber statt gedankenlos Schokolade in sich hineinzustopfen wie früher, ruft sie in solchen Momenten ihre Trainerin an. "Gehen Sie einmal um den Block", rät die ihr dann zum Beispiel. Oder: "Putzen Sie sich die Zähne, und legen Sie sich ins Bett." Hansen sagt, dass sie jetzt manchmal schon um 20.15 Uhr schlafen geht. Ihre Familie findet das merkwürdig, aber den Heißhunger auf Schokolade wird sie auf diese Weise los.

Strenge Überwachung

Dass die Trainer ständig erreichbar sind, ist ein wichtiger Bestandteil des Programms, genau wie das persönliche Coaching und die regelmäßige Kontrolle der Fortschritte über eine Datenbank. "Wir haben die Teilnehmer gut im Griff", sagt Schaar. Die strenge Überwachung hat für die Moveguard-Klienten Vorteile. "Man traut sich nicht, das Training zu schwänzen", sagt Hansen. "Das kommt ja alles raus über die Datenbank." Also macht sie Sport auch dann, wenn es regnet oder stürmt. Und wenn sie am Ende der Woche ihr Trainingstagebuch in die Datenbank lädt, ist sie jedes Mal stolz auf sich selbst. "Ich sage mir dann: Toll, das hast du also alles wieder geschafft."

25 Kilogramm hat Hansen in den vergangenen zwölf Monaten abgenommen, sie wiegt jetzt noch 118 Kilo. Neulich hat sie sich zum ersten Mal eine Adidas-Hose gekauft, Größe 52. Ihre Freundinnen haben sie aufgezogen: "Du Markensau", haben sie gesagt. Aber Hansen war einfach nur glücklich. "Dünne Menschen wissen ja gar nicht, wie toll es ist, Markenklamotten tragen zu können", sagt sie. Und wenn ihre Verwandten sich mal wieder von ihr bekochen lassen möchten, sagt sie jetzt öfter auch mal Nein. Oder sie isst nur eine Suppe, während die anderen die Fleischberge in sich hineinschaufeln. Das sei völlig okay, sagt Hansen. "Fleisch ist mir nicht so wichtig." Nur das Backen fehle ihr.

Neulich hat sie nach langer Zeit noch mal eine Stachelbeertorte gemacht, für eine Freundin zum Geburtstag. Aus Gewohnheit hat sie das Rezept verdoppelt. Als die beiden Prachtstücke vor ihr standen, bekam sie plötzlich Angst. "Ich dachte, das könntest du jetzt auch alles allein aufessen", sagt sie. Aber sie ist standhaft geblieben und hat sich nur ein kleines Stück von einer der Torten abgeschnitten. Den Rest hat sie verschenkt.

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