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Psychologe zu Polizeigewalt in Hannover Wie Beamte zu Sadisten werden


Ein Polizist soll mehrmals Flüchtlinge misshandelt und mit den Taten geprahlt haben. Ein Psychologe erklärt, unter welchen Bedingungen Menschen so grausam handeln können und wie sich vorbeugen lässt.
Ein Interview von Lea Wolz

Herr Professor Bliesener, in Hannover sollen einem NDR-Bericht zufolge möglicherweise Flüchtlinge in Polizeigewahrsam misshandelt worden sein. Wie verbreitet sind solche Misshandlungen im Gewahrsam oder etwa auch in Gefängnissen?
Darüber ist nur wenig bekannt, da es sich in der Regel um geschlossene Einrichtungen handelt. Häufig berichten Gefangene von Misshandlungen untereinander. Was an Gewalt und Erniedrigungen von offizieller Seite dazukommt, ist nicht dokumentiert.

Anders herum gefragt: Überraschen Sie denn Fälle wie der in Hannover?
Nein, das nicht. Dass Menschen derart unmenschlich, brutal und grausam handeln können, hat bereits das sogenannte Stanford-Gefängnis-Experiment gezeigt, das vielen durch den Film "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu bekannt sein dürfte. Dafür hat der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo 1971 zufällig ausgewählte Studenten in zwei Gruppen unterteilt: in Wärter und in Gefangene. Sie sollten eine Gefängnissituation simulieren. Bereits nach einigen Tagen musste das Experiment abgebrochen werden. Die Gefängniswärter waren zu Sadisten geworden, die die Gefangenen brutal misshandelten. Sie missbrauchten ihre Macht, um vermeintlich Recht und Ordnung durchzusetzen. Wir kennen die Prozesse,in denen sich Gruppen eigene Normen geben, auch in anderen Fällen - etwa bei Hooligans. Die Gruppe baut sich eine Pseudowelt auf, in der eigene Maßstäbe von Recht und Ordnung gelten.

Der Beamte in Hannover soll sogar mit seinen Misshandlungen geprahlt und Fotos über WhatsApp verbreitet haben. Warum rühmt man sich noch mit diesen schändlichen Taten?


Solche Fotos und Kommentare sind der Versuch, das eigene Verhalten innerhalb der Gruppe zu rechtfertigen. Man erkennt nicht mehr, dass man im Unrecht ist und mit seinem Verhalten gegen eine Norm verstößt. Das Fehlverhalten wird gerechtfertigt, verharmlost oder mit höheren Zielen begründet. Das erleichtert einerseits die Tat, aber auch ihre Bewältigung. Man fühlt sich gegenüber der eigenen Gruppe im Recht und möchte das auch mit den anderen teilen, nach dem Motto: Seht her, was ich für ein toller Typ bin.

Vor mehr als zehn Jahren sorgten die sadistischen Folterungen amerikanischer und britischer Soldaten gegen irakische Gefangene weltweit für Entsetzen. Was von den Foltermethoden in Guantanamo bekannt wurde, lässt ebenfalls erschauern. Auch in deutschen Gefängnissen gibt es immer wieder Fälle, wo bekannt wird, dass Wärter jegliche Menschlichkeit verlieren. Gibt es Parallelen zwischen all diesen Fällen?
Allen Fällen gemeinsam ist, dass es sich um eine feste, nach außen erkennbare Gruppe handelt, die Macht hat und die Regeln bestimmen kann. Sie unterliegen zwar einem festen Verhaltenskodex und sind klaren Vorgaben unterworfen. Allerdings entwickelt sich in der Gruppe eine eigene Dynamik, ein Sozialisierungsprozess, in dem die Mitglieder für sich entscheiden, wie man tatsächlich mit der anderen Gruppe - etwa Kriegsgefangenen - umzugehen hat. Die Grenzen verschieben sich allmählich. Erst einmal ist es eine kleinere Normübertretung, dann eine größere und irgendwann verliert man die eigentliche Grenze aus den Augen.

Welche Rolle spielt dabei die Uniform?


Sie verstärkt das Gruppengefühl, trägt zur Abgrenzung bei und verleiht auch ein gewisses Maß an Anonymität. Andere zu quälen, kann dann leichter fallen, wenn ich mich hinter dieser Gruppe - und einer vermeintlichen Allmacht, die mir die Zugehörigkeit verleiht - verstecke.

Gibt es begünstigende Faktoren, die Polizisten und Gefängniswärter zu Sadisten werden lassen?


Es gibt Persönlichkeiten, die eine Neigung zu Gewalt haben. Bei ihren Einstellungstests achtet die Polizei eigentlich darauf, dass solche Personen ausgeschlossen werden. Aber solche Auswahlprozesse sind nie ganz sicher. Über die Jahre hinweg kann sich ein Mensch zudem verändern. Belastungen, etwa durch Schichtarbeit, Überlastung im Beruf oder private Probleme, können dazu beitragen, dass die Person nicht mehr so reagiert, wie man es eigentlich erwarten würde und sich in Stresssituationen nicht mehr im Griff hat. Ein großes Machtgefälle zwischen Aufsichtspersonal und Gefangenem begünstigt zudem das Risiko von Gewalttätigkeiten.

Wie kann man vorbeugen?


Zum einen ist eine professionelle Ausbildung ein guter Schutzfaktor. In der Polizeiausbildung etwa werden Einsätze geprobt und Stresssituationen auch in Rollenspielen geübt. Wichtig ist auch, dass Gruppen durchgetauscht werden - dass etwa nicht immer dieselben Beamten dieselben Gefangenen betreuen. Wechselt das Aufsichtspersonal, wirkt das gefährlichen Gruppendynamiken entgegen.

In Hannover war es den Beamten der Dienstelle offenbar bekannt, dass es immer wieder zu solchen Erniedrigungen kam. Warum schauen Kollegen einfach weg?
Die selbstgesetzte Norm schweißt die Gruppe zusammen, eine Solidarität entwickelt sich. Man will vielleicht auch nicht wegen eines kleinen Vorfalls einen Kollegen anschwärzen. Irgendwann ist die Grenze der Menschlichkeit überschritten und man merkt erst zu spät, dass man schon viel früher hätte einschreiten müssen.

Wie verhalte ich mich als Kollege korrekt?


Ich sollte meinen Kollegen unmittelbar darauf hinweisen, dass er eine Grenze überschreitet und klar formulieren: "Das ist nicht mehr in Ordnung, was du da machst." Wenn das nicht reicht, muss der Vorgesetzte informiert werden.

Welche Rolle spielen Vorgesetzte? In Hannover hat der Vorgesetzte offenbar zumindest in einem Fall das Vorgehen geduldet.


Gute Vorgesetzte, sei es ein Dienststellenleiter bei der Polizei oder ein Gefängnisleiter, können Misshandlungen und Übergriffe verhindern. Sie können vorbeugen, indem sie etwa kontrollieren, ob die eigenen Beamten den Vorgaben gerecht werden. Häufig kündigen sich Grenzüberschreitungen auch schon sprachlich an - etwa indem abfällig über Gefangene gesprochen wird. Das ist ein deutliches Warnzeichen für das Verhalten, das man zeigt oder zu zeigen bereit ist. Wenn ein Vorgesetzter die verbalen und tatsächlichen Übergriffe noch unterstützt, wird es extrem gefährlich.


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