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Psychosen: Wenn das Gehirn verrückt spielt

Sie hören Stimmen, fühlen sich verfolgt. Wer unter einer Psychose leidet, erlebt das Leben als ver-rückt im wahrsten Sinne des Wortes. Zwei aktuelle Fälle zeigen: Psychosen können viele Gründe haben - und sind kein unabänderliches Schicksal.

Von Jörg Isert

Der Fall ließ aufhorchen am Osterwochenende: Nach einem Bericht der "Bild am Sonntag" musste Claus Hartmann, der Sohn des Sportmoderators Waldemar Hartmann in die Psychiatrie eingewiesen werden - auf Anordnung des Nürnberger Landgerichts. Nach Angaben der Zeitung war der 34-jährige Hartmann vor vier Wochen bei einem Jamaika-Urlaub völlig durchgedreht. Seitdem sei er manisch und leide an Verfolgungswahn.

Botschaften in Zeitungsartikeln

Diagnose: Psychose. Was sich für den Normalbürger beängstigend anhört, sorgt bei die Betroffenen vor allem für eines: Leiden. Sie hören Stimmen oder empfinden eine Farbüberempfindlichkeit. Die Gesichter anderer Menschen erscheinen verzerrt. Zeitungsartikel enthalten plötzlich Botschaften.

"Das sind die spektakulärsten Symptome dieser Krankheit", sagt Norbert Müller. Der 56-jährige Professor ist stellvertretender Leiter der psychiatrischen Abteilung an Münchens Ludwig-Maximilian-Universität. "Dinge wie Verfolgungswahn oder Beeinflussungswahn werden von der Öffentlichkeit natürlich am meisten wahrgenommen." Das Fatale ist: Die Erkrankten verkennen die Veränderungen im Erleben häufig, oft spitzt sich die Situation über Wochen zu. Ein Dasein im Ausnahmezustand, ohne um das Warum zu wissen. Das Leben ver-rückt im wahrsten Sinne des Wortes.

In seinem Kopf sprach der Linux-Erfinder zu ihm

Gerade erst stand in Baden-Württemberg ein zur Tatzeit schizophrener Mann vor Gericht. Er hatte 2006 in psychotischem Zustand beinahe ein Kind entführt. Der 49-Jährige hatte den 12-jährigen Jungen aufgefordert, in sein Auto zu steigen und mitzukommen. Der Grund: "Ich sollte den Jungen vor der Hölle retten." Die Anweisung, sagte der Mann später aus, sei vom weltweit bekannten Computerguru Linus Thorvalds gekommen, dem Erfinder des Linux-Betriebssystems. Das Kind habe er für Thorvalds' Sohn gehalten.

Der Informatik-Ingenieur leidet seit elf Jahren an wiederkehrenden psychotischen Episoden. Beim Prozess erzählte er, seit 1995 sei seine Krankheit etwa einmal pro Jahr aufgetreten, jeweils drei bis vier Wochen lang. Zu der Tat kam es offensichtlich, weil er seine Psychopharmaka absetzte. Der Mann meinte, Gedanken übertragen zu bekommen. Als er in einer Kneipe in Mössingen bei Reutlingen finnische Münzen sah, beschloss er, mit dem Auto nach Finnland zu reisen. In Norwegen kamen ihm die Städte verändert vor. Um "die guten Absichten von anderen Autofahrern zu testen", so zitierte der geladene Gutachter eine frühere Aussage, habe der Mann begonnen, teilweise auf der falschen Straßenseite zu fahren.

Nach zwei Psychiatrieaufenthalten in Norwegen und der Schweiz besuchte der 49-Jährige einen Freund im Kreis Tübingen. Am Tattag hatte er auf der Fahrt in die Universitätsstadt das Gefühl, in der Hölle zu sein. Auf dem Spielplatz hörte er dann die Stimme Linus Thorvalds': "Rette meinen Sohn!" Als die Mutter des Kindes die Autotür zuschlug, fuhr der Mann auf den Jungen zu. Die Frau hatte das Gefühl, ihr Kind solle umgefahren werden. Eine dazukommende Passantin packte der Mann an den Haaren. Er schlug ihr ins Gesicht, warf sie zu Boden und trat auf sie ein. Erst der Polizei gelang es, den psychotischen Mann zu bändigen.

Wahnideen mit Medikamenten behandeln

Gewalttätige Ausbrüche schizophrener Menschen sind dennoch eher unüblich. Psychiater Müller: "Das ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Nach neuen Studien kann es zwar etwa doppelt so oft zu gewalttätigem Verhalten kommen wie bei der Allgemeinbevölkerung. Das tatsächliche Risiko liegt aber nur etwas höher."

Tatsächlich ist die Krankheit heute kein unabänderliches Schicksal mehr. "Die Wahnideen sind mit Medikamenten gut behandelbar", meint Müller. "Was nicht so erfolgreich behandelbar ist, sind Symptome wie Antriebsarmut oder sozialer Rückzug." Eine große Schwierigkeit ist, dass das richtige Psychopharmakum erst einmal gesucht werden muss. Schlägt ein Medikament nach mehreren Wochen nicht an, wird das nächste ausprobiert - bis die passende Medikation für den jeweiligen Patienten gefunden ist.

Der Wahn beginnt von Neuem - ein Leben lang

Der Fall des 49-jährigen Informatik-Ingenieurs offenbart ein weiteres Problem bei der Behandlung von Psychosen: Nach einer längeren Phase ohne Einbrüche glauben viele Betroffene, die Krankheit sei überwunden. Sie setzen das Medikament ab. Tatsächlich kann es jedoch ein Leben lang zu erneuten Schüben kommen: Der Wahn beginnt von Neuem - obwohl sich die Betroffenen nicht im Geringsten vorstellen können, noch einmal auf die eigenen Hirngespinste hereinzufallen.

Ursächlich für die Krankheit ist eine Veränderung der Gehirnsubstanz. "In erster Linie ist es eine Stoffwechselstörung, bei der vor allem die Neurotransmitter Dopamin und Glutamat betroffen sind. Nach heutigem Wissen kann es zu entzündlichen Prozesse im Gehirn kommen, durch die sich die Neurotransmitter verändern", so Müller. "Aber auch genetische Voraussetzungen und Umweltfaktoren wie Stress spielen eine Rolle."

Langzeit-Medikament per Depotspritze

Erwiesen ist zudem: Auch andauernder Drogenmissbrauch kann psychotisch machen. Laut "Bild am Sonntag" könnte Claus Hartmanns Zusammenbruch auf Drogenerfahrungen zurückzuführen sein. Eine Freundin Hartmanns sagte der Zeitung, er sei "völlig wirr" und halte sich "für einen Musikproduzenten, dann wieder für den König von Jamaika". Der Sportmoderator hat sich bisher nicht zum Zustand seines Sohns geäußert, soll ihm aber beistehen.

Das Urteil gegen den 49-jährigen Informatiker steht unterdessen schon fest: Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt - unter strengen Auflagen: Der Mann muss nun an seinem Wohnort in der Schweiz alle zwei Wochen zum Psychiater. Der wird ihm ein Langzeit-Medikament verabreichen - per Depotspritze.