Renaissance des Handkusses Küss die Hand, Frau Kanzlerin


Good old Europe! Seitdem Angela Merkel zur mächtigsten Regierungschefin der Welt aufgestiegen ist, wird auch eine ureuropäische Tradition wieder salonfähig: der Handkuss. Doch nicht jeder beherrscht ihn so gut wie Jacques Chirac.

In Polen passiert es Frauen noch öfter, dass sie bei der Begrüßung von den Schnurrbarthaaren oder den Lippen eines Mannes an der Hand gekitzelt werden. Vielleicht hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Charmeoffensive im Nachbarland einen Handkuss bekommen. Denn seitdem Merkel zur mächtigsten Regierungschefin der Welt aufgestiegen ist, taucht diese altmodische Geste zuweilen wieder auf. Das alte Europa lässt grüßen. Wenn Frankreichs Präsident Jacques Chirac der Kanzlerin einen Kuss hinhaucht, sieht sie deutlich glücklicher aus als bei der spontanen Nackenmassage, die ihr George W. Bush beim G8-Gipfel in St. Petersburg verpasste.

Silvio Berlusconi fiel einmal unangenehm auf

"Mit Merkel kommt der Handkuss wieder", stellte die "Zeit" schon 2005 nach dem Antrittsbesuch im Pariser Elysée-Palast fest. Seitdem wurde auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bei dieser Ehrerbietung gegenüber der Kabinettschefin gesichtet, Schriftsteller Rolf Hochhuth griff ebenfalls im Kanzleramt nach Merkels Hand. Meist sieht die Kanzlerin bei der Geste erfreut aus, jedenfalls erweckt sie nicht den Eindruck, als störe sie diese.

Die Form der Begrüßung sei eine persönliche Entscheidung, heißt es dazu im Auswärtigen Amt. "Das ist keine Frage des Protokolls, sondern der Etikette." Wie man es nicht macht, ist im Kinofilm "The Queen" zu sehen, wo der Leinwand-Tony-Blair Königin Elizabeth II. mit ganzem Lippeneinsatz auf den Handrücken schmatzt. Ein Tabu. Beim perfekten Handkuss begegnen sich nämlich Handrücken und Lippen "in einer flüchtigen hundertstel Sekunde, etwa auf halbem Wege", wie Gloria von Thurn und Taxis und Alessandra Borghese in ihrem Buch "Unsere Umgangsformen" raten. Silvio Berlusconi fiel in der Türkei einmal unangenehm auf, als er die 17 Jahre alte Schwiegertochter von Recep Tayyip Erdogans nicht loslassen wollte, obwohl diese sich gegen den Griff sträubte.

Laut "Playboy" schätzen nur noch wenige Frauen den Handkuss

Der Handkuss als Zeichen der Verehrung stammt laut Lexikon aus dem Barock und wurde aus dem spanischen Hofzeremoniell übernommen. Gegenüber Benedikt XVI., der den Papst-Ring trägt, ist er noch heute gebräuchlich. Benimm-Experte Thomas Schäfer-Elmayer von der Wiener Tanzschule Elmayer hält ihn sowohl in der hohen Diplomatie und Politik als auch bei kultivierten gesellschaftlichen Ereignissen für angebracht und "durchaus zeitgemäß". Der "Playboy" fand hingegen in einer Umfrage heraus, dass nur sechs Prozent der Frauen den Handkuss noch wirklich schätzen. Dass dieser nun aus der Mottenkiste auftaucht und vielleicht auch am Wochenende beim EU-Gipfel in Berlin zu beobachten ist, hat für manche Beobachter seine Gründe.

Mit der Erweiterung der EU "mit neokonservativen Auffassungen vom Geschlechterverhältnis" würden bestimmte Gesten wieder hoffähig, vermutet Brigitte Rauschenbach, Professorin für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin (FU). "Das schauen sich dann einige westliche Männer, die zum Rollback (konservativen Rückschlag) längst bereit sind, gerne ab." Der Handkuss sei außerdem eine Möglichkeit, die Überlegenheit des Mannes, gepaart mit Galanterie zur Geltung zu bringen. Die Frau werde unwillkürlich "in die Position der Geführten, des zweiten Geschlechts, der gnädigen Frau" gedrängt.

Seit den 50er-Jahren kein Muss mehr

Für ihre FU-Kollegin Ulla Bock (Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung) sind Höflichkeit oder Ritterlichkeit ein zweischneidiges Schwert. Zwar gehe es um Respekt, Achtung und Distanz, die es einem erlaubt, "hart über eine Sache zu streiten, ohne zu verletzen und das Gesicht zu verlieren". Zum anderen könnten Männer damit auch zum Ausdruck bringen, dass die Frau diejenige ist - und bleiben soll - der man helfen, die man beschützen muss und die nicht kämpfen kann. Aber: "Der Handkuss à la Chirac ist ein Relikt aus alter Zeit, das bestimmt bald ausgestorben sein wird."

Das sonst sehr gestrenge "Hausbuch des guten Tons" gab bereits in den 50er Jahren Entwarnung. Gesellschaftlich sei diese Begrüßung kein Muss mehr. "Keiner wird es Ihnen, meine Herren, übel nehmen, wenn Sie den Handkuss als allgemein anzuwendende Höflichkeitsform ablehnen."

Caroline Bock/DPA DPA

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