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Seele: Glück, Freude, Hoffnung

Warum sind wir so versessen auf das Glück? Weil es das Leben schön macht. Und weil Zufriedenheit und Zuversicht uns gesund erhalten. Neuere Forschung zeigt uns, wie wir die guten Gefühle wecken und aus ihrer Kraft schöpfen können.

Das Glück hat viele Gesichter. Fünf davon sieht Martin Dulig fast jeden Morgen. Wenn er gemeinsam mit seinen Kindern Luise, Franz, Johann, Laurenz und Wilhelm am Frühstückstisch sitzt, spürt der 30-jährige Familienvater ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit in sich aufsteigen. In diesem Augenblick weiß er: "Ich bin ein glücklicher Mensch."

Vor 14 Jahren wäre Dulig dieser Gedanke absurd erschienen. Als er von der Mutter seiner Ferienliebe Susann erfuhr, dass er in acht Wochen Vater werden würde, brach für ihn eine Welt zusammen. "Ich war 16, und ich dachte, mein Leben ist verpfuscht", sagt er.

Anders als man denkt

Heute bedauert Dulig längst nicht mehr, dass alles anders gekommen ist, als er es sich gedacht hat. "Die Kinder geben meinem Leben einen Sinn und eine besondere Qualität", sagt er. "Es ist wundervoll, Verantwortung für sie zu tragen." Martin Dulig hat das gefunden, was Menschen seit Jahrtausenden suchen: das Glück. Nicht die Gunst des Schicksals, die uns das richtige Los ziehen lässt oder vor einem Missgeschick bewahrt, sondern ein zufriedenes Leben mit seinen kleinen und größeren beglückenden Momenten.

In der Antike war es vor allem die Sache der Philosophen, den Weg dorthin zu weisen. Einig über die Route waren sie sich allerdings schon damals nicht. So setzte Epikur Sinnlichkeit und Genuss für ein glückliches Leben zwingend voraus, die Stoiker predigten dagegen Enthaltsamkeit und den Blick nach innen.

Forscher finden nur schwer Worte für das Phänomen

Heute spüren Wissenschaftler unterschiedlichster Fachgebiete dem Glück, seiner Entstehung und seinen Auswirkungen hinterher: Psychologen, Soziologen, Biologen, ja sogar Wirtschaftswissenschaftler gehören zum Lager der Glücksforscher. Sie versuchen, ein Phänomen zu erklären, das sie kaum in Worte fassen können. Denn was ist das überhaupt: Glück? Nach der Definition des amerikanischen Sozialpsychologen David Myers ist es die "anhaltende Wahrnehmung des eigenen Lebens als erfüllt, sinnvoll und angenehm". Für Alfred Bellebaum, Professor für Soziologie an den Universitäten Koblenz und Bonn und Gründer des Instituts für Glücksforschung in Vallendar, ist Glück "das, was sich die Menschen darunter vorstellen". Und er weiß, dass deren Fantasie dabei grenzenlos sein kann: Wenn der eine mit dem Begriff Wohlstand oder Gesundheit verbindet, denkt sein Nachbar vielleicht an seinen Garten, ein gewonnenes Fußballspiel oder eine Liebesnacht. Es gibt Tausende Möglichkeiten, glücklich zu werden. Vielleicht ist es deshalb so schwierig, den ganz eigenen richtigen Weg zu finden.

Glück wird zur Mode

Gerade heute hat die Suche nach dem Glück Konjunktur, auch deshalb, weil immer weniger Deutsche an die Erfüllung ihres Lebens im Jenseits glauben. "Viele sind davon überzeugt, dass sie nur einmal leben und diese Zeit im Diesseits wollen sie möglichst sinnvoll und glücklich verbringen", sagt Bellebaum.

Längst haben Buchautoren meterweise Ratgeberliteratur auf den Markt gebracht. Da konkurrieren Glücks- und Fortuna-Formeln mit dem Glücksprinzip und so wird die Herausforderung des Lebens in den prägnanten Titeln zu einer leichten Rechenaufgabe. Bellebaum ist skeptisch: "Ich glaube nicht, dass es die Erfolgsformel gibt", sagt er. "Doch sicher kann man sich mit bestimmten Mitteln und Techniken Zufriedenheit verschaffen und sein Leben ändern."

Eine Sache der Chemie

Tatsächlich ist unser Glücksempfinden auch eine Sache von Formeln - chemischen Formeln, die die Bausteine der Glücksstoffe in unserem Körper beschreiben. Diese werkeln vor allem im Gehirn, denn Glück ist zu einem Großteil Kopfsache. In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler wichtige Orte und Akteure unseres Glückssystems entdeckt. Egal, ob wir uns über ein Geschenk freuen oder Sex genießen, immer sind bestimmte Botenstoffe und "Spezialabteilungen" an den guten Gefühlen beteiligt.

So würde unser Leben zum Beispiel ohne Dopamin ziemlich trist verlaufen. "Zwar ist der Neurotransmitter nicht der Glücksbote, wie es oft vereinfacht dargestellt wird", sagt Hirnforscher Michael Koch von der Universität Bremen. "Doch er treibt uns an, Dinge zu tun, die uns Glücksgefühle verschaffen." Serotonin, ein Verwandter des Dopamins, sor gt für die Harmonie in uns und bewahrt die Psyche davor, sich von äußeren Ereignissen aus der Bahn werfen zu lassen. Neben diesen Monoaminen schüttet der Körper im Glücksfall weitere Hormone wie Oxytocin und körpereigene Drogen, die Endorphine, aus, die uns entspannen und sogar benebeln. Das Wohlgefühl können wir im ganzen Körper spüren: Wenn zum Beispiel der Puls innerhalb von Sekundenbruchteilen rund fünf Schläge pro Minute ansteigt oder es uns kalt über den Rücken läuft.

Glück bewusst steigern

Obwohl nahezu alle Menschen über die körpereigenen "Glückswerkzeuge" verfügen, benutzen manche sie häufig und andere dagegen nur sehr selten. Glück ist eben nicht nur eine Frage der physischen Grundausstattung. Doch die Zahl der Einsätze lässt sich bewusst steigern. Wie das geht, haben Forscher in den vergangenen Jahren herausgefunden.

Es liegt nahe zu glauben, das Wohlbefinden hänge in hohem Maße von den äußeren Umständen ab, vor allem von Wohlstand und Geld. Doch Untersuchungen zeigen, dass Glück nur begrenzt käuflich ist. In der Zufriedenheitsrangliste des holländischen Soziologen Ruut Veenhoven belegen die Deutschen mit einem Wert von 7,3 auf einer Zehn-Punkte-Skala einen Platz unter den ersten fünfzehn - den sie sich mit den deutlich ärmeren Mexikanern teilen. Und obwohl in den USA das Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1930 und 1990 um mehr als das Doppelte gestiegen ist, blieb der Anteil der Glücklichen im Land laut einer Studie des Psychologen Ed Diener von der Universität Illinois in diesem Zeitraum konstant.

Armut macht unglücklich, Reichtum nicht glücklich

"Es ist wahrscheinlicher, dass uns äußerste Armut unglücklich macht, als dass Reichtum uns Lebensfreude schenkt", sagt Diener, der die Zufriedenheit in unterschiedlichsten Nationen erfragt und als "subjektives Wohlbefinden" in Ranglisten eingeordnet hat. In der Praxis bedeutet das: Sobald wir uns um unser Überleben keine Sorgen machen müssen, wirken eine Gehaltserhöhung und ein drittes Auto nur noch mäßig beglückend.

Doch so wie uns Reichtum nicht unbedingt ein erfülltes Dasein beschert, machen uns Krankheiten nicht zwangsläufig unglücklicher. Denn auch hier wird unser Glück weniger von äußeren Umständen als von inneren Einstellungen wie Optimismus oder Pessimismus beeinflusst.

So hat der Münchner Psychologe Peter Herschbach 30 Studien mit rund 11.000 Patienten ausgewertet und Erstaunliches festgestellt: In den Untersuchungen schätzten die Befragten mit bestimmten Krebserkrankungen ihre Lebensqualität besser ein als gesunde Durchschnittsdeutsche. "Offensichtlich besteht kein enger Zusammenhang zwischen der objektiven Schwere der Erkrankung und der Höhe der subjektiv eingeschätzten Lebensqualität", sagt der Professor an der Technischen Universität München.

Positive Einstellung gibt den Ausschlag

Zufriedenheitsparadoxon nennen Fachleute dieses Phänomen. Als Ursache dafür vermutet Herschbach unter anderem eine Art rosa Brille in unserer Psyche, durch die wir uns und unsere Lebensumstände eher positiv als negativ sehen. "Dieser Mechanismus hilft uns, Lebenskrisen zu bewältigen." Gerade Tumorpatienten verschaffe er neue Hoffnung und die Fähigkeit, das Leben bewusster auszuschöpfen - selbst wenn es nur noch wenige Wochen oder Monate dauern sollte. Eine weitere Erklärung für das Phänomen ist vermutlich die herausragende menschliche Eigenschaft, sich an schlechte Situationen anzupassen. Herschbach: "Patienten, die einen langen, unsicheren Krankheitsverlauf vor sich haben, richten häufig immer wieder ihre Erwartungen und Wertmaßstäbe an dem ungünstiger werdenden Zustand neu aus." Zusätzlich erleichtern ihnen Abwärtsvergleiche, ihre Situation zu ertragen und sogar optimistisch in die Zukunft zu blicken. Sie sehen vielleicht ihren Zimmernachbarn, der nicht mehr aufstehen kann oder künstlich ernährt wird, und denken: "So schlecht geht es mir ja noch lange nicht."

Optimismus kann heilen helfen

Optimistische Patienten, die ihre Krankheit als Herausforderung annehmen, können mit ihrer Einstellung ihre Chancen auf ein zufriedenes und vielleicht sogar wieder gesundes Leben deutlich vergrößern. Doch Herschbach warnt vor naiven Versprechungen in Psychoratgebern: "Positives Denken und Aktivismus allein garantieren keine Heilung!" Weniger optimistische Patienten sollten sich nicht unter Druck setzen lassen. Wer einmal eine solche Krankheit übersteht, bleibt oft auch lange darüber hinaus zufrieden. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass die positiven Lebensqualität-Einschätzungen der Patienten nur ein kurzfristiges Phänomen sind", sagt Herschbach. Bei vielen Kranken setzt ein Umdenken ein, von dem sie auch nach der Rehabilitation noch profitieren. So antworteten 51,7 Prozent der 385 von Herschbach befragten Brustkrebspatientinnen, dass ihnen ihre Erkrankung auch positive Erfahrungen gebracht habe. Viele gaben an, nun intensiver zu leben oder mehr Verständnis für andere und eine bessere Beziehung zum Partner zu haben.

An Problemen wachsen

Schwere Krankheiten oder auch ein ungeplantes Kind wie in Martin Duligs Fall sind drastische Erlebnisse, die uns in Krisen stürzen können, aus denen wir mitunter schließlich doch gestärkt herausgehen. Und schon die Bewältigung weit weniger dramatischer Herausforderungen kann uns große Befriedigung und Glücksgefühle verschaffen. "Der Mensch braucht Probleme, an denen er wachsen kann", sagt Gerald Hüther, Hirnforscher an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Stehen wir zum Beispiel im Beruf vor einer Aufgabe, für die wir nicht sofort eine Lösung wissen, kommt es in unserem Hirn zu einer so genannten unkontrollierbaren Stressreaktion. Die Folge: Bestehende Verschaltungen von Hirnzellen werden destabilisiert und teilweise sogar zerstört. "Das klingt bedrohlich und kann zur völligen Entgleisung einer Person führen", sagt Hüther. "Doch dieser Vorgang birgt auch eine Chance: Denn grundlegende Veränderungen des Denkens, Fühlens und Handelns werden durch die Vernichtung alter Netze und den Aufbau neuer Verbindungen überhaupt erst möglich." Wichtig ist dabei, nicht starr auf alten Lösungsmethoden zu beharren, sondern offen nach neuen Wegen zu suchen.

Gelingt es uns, das Problem zu lösen, bringen wir das Durcheinander in unserem Kopf in Ordnung; die Ausschüttung der Stresshormone wird gestoppt. Stattdessen macht sich ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit, des Stolzes und vielleicht auch der Erleichterung breit. Indem wir uns bewusst solchen Problemen stellen, fördern wir die Flexibilität des Gehirns und gewinnen dazu die Sicherheit, auch in Zukunft mit neuen Situationen fertig zu werden. Die Kunst besteht darin, die Balance zwischen Unter- und Überforderung zu treffen.

Der US-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi von der Universität Chicago sieht in diesen Herausforderungen den Schlüssel zum Glück. Er hat beobachtet, dass etwa Sportler im Wettkampf oder Chirurgen am OP-Tisch häufig in einen "Flow", einen Zustand der Konzentration und Entrücktheit geraten, der ihnen besondere Genugtuung bringt. Solche Erlebnisse gelte es, sich im Alltag möglichst oft zu verschaffen. Voraussetzung dafür sei, sich durch immer höhere, aber realistische Ziele anzuspornen, und die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit ganz auf die Aufgabe zu lenken.

Ehe macht glücklich

So wichtig Aktivität und Herausforderungen sind, allein glücklich machen sie nicht. Ebenso wichtig für ein erfülltes Leben sind soziale Kontakte. Unter Leute gehen, einen Partner finden, Kinder bekommen - das steigert die Zufriedenheit. In einer Studie von Ed Diener und dem Psychologen Martin Seligman stellte sich heraus, dass die glücklichsten Befragten die meiste Zeit mit Freunden oder der Familie zusammen waren. Auch die Ehe oder ähnlich feste Beziehungen scheinen uns froh zu machen: Von den verheirateten Studienteilnehmern bezeichneten sich 40 Prozent als "sehr glücklich", von denjenigen, die nie verheiratet gewesen waren, behaupteten das nur 23 Prozent.

Doch was bewirken die guten Gefühle überhaupt in uns? Wie verändern sich unsere Einstellungen und Gewohnheiten dabei? Und wie wirken wir mit unserer Zufriedenheit auf unsere Umwelt? "Es scheint, als seien zufriedene Menschen umgänglicher und kreativer", fasst Diener seine Forschungsergebnisse zusammen. "Sie verdienen mehr, sind kollegialer und kommen in schwierigen Situationen besser klar." Wenn dann die Umwelt positiv auf uns reagiert, erleben wir die Arbeit oder das Zusammenleben oft noch angenehmer - und das steigert unsere Zufriedenheit weiter.

Zufrieden länger leben

Das zufriedene Leben ist nicht nur angenehmer - es dauert auch länger als das freudloser Menschen. Die US-amerikanischen Forscher Deborah Danner, David Snowdon und Wallace Friesen haben die Zusammenhänge von Zufriedenheit und Langlebigkeit untersucht und herausgefunden, dass sich das Glück offenbar maßgeblich auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt. Die Studie unter 180 Ordensschwestern ergab, dass 54 Prozent aus der Gruppe der zufriedenen Nonnen ein Alter von 94 Jahren erreicht hatten. Von ihren unglücklichen Schwestern waren nur elf Prozent so alt geworden.

In einer anderen Untersuchung haben Wissenschaftler an der Mayo-Klinik von Rochester im US-Staat Minnesota über einen Zeitraum von 30 Jahren erforscht, ob Optimismus - eine charakteristische Eigenschaft glücklicher Menschen - zu einem längeren Leben führt. Dabei stellte sich heraus, dass das Sterblichkeitsrisiko unter den Pessimisten der 839 beteiligten Patienten im Vergleich zu den Optimisten durchschnittlich 19 Prozent höher lag. Eine Erklärung für die Langlebigkeit der Glücklichen könnte der Einfluss der guten Gefühle auf die Körperfunktionen sein. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem", sagt Psychologe Manfred Schedlowski von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. So seien in Versuchen dauerhaft gestresste Testpersonen durch Erkältungsviren eher krank geworden als ausgeglichene Probanden.

Glück hält fit

Wie gut uns Zufriedenheit und Zuversicht tun, zeigt die Studie, die die Psychologin Laura Kubzansky von der Harvard School of Public Health mit ihren Kollegen an 670 US-Veteranen durchgeführt hat. Sie stellte fest, dass die Lungenkapazität der Pessimisten unter den untersuchten Männern innerhalb von durchschnittlich acht Jahren deutlich stärker abnahm als jene der Optimisten. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen entsprachen dabei denen von Rauchern und Nichtrauchern. Die Forscher erklären die Ergebnisse unter anderem damit, dass Optimisten Stress entspannter begegneten und ihr Immunsystem deshalb davon nicht so stark geschädigt werde wie das der Pessimisten. Folglich litten Optimisten vermutlich weniger an Lungen- und Atemwegserkrankungen.

Dass Optimismus und Pessimismus sich auf das Immunsystem auswirken, legt auch die Untersuchung von Forschern der University of California in Los Angeles nahe: Sie verglichen die Zahl der Abwehrzellen im Blut von optimistischen und pessimistischen Jurastudenten. Während sich die Menge der Immunzellen in den beiden Gruppen vor Studienbeginn nicht unterschied, wiesen die Optimisten zur Mitte des Semesters mehr und stärkere Abwehrkörper auf. Die Wissenschaftler führen das Ergebnis auf zwei Gaben der Optimisten zurück: Sie bleiben in Stresssituationen ruhiger und zeigen weniger negative Gefühle wie zum Beispiel Angst. "Die Psychoimmunologie steckt noch in den Kinderschuhen", sagt Schedlowski. Doch schon jetzt entwickelten die Forscher Verhaltenstherapien, mit deren Hilfe anfällige Menschen ihre Einstellung ändern und ihr Immunsystem stärken könnten. In Anti-Stress-Seminaren sollen sie lernen, wie sie in Drucksituationen weniger negative Emotionen zeigen und ruhig bleiben. Wenn dann zum Beispiel wieder einmal der Chef anruft und in kürzester Zeit ein umfangreiches Dossier verlangt, sollen sie sich auf ihre Kraft besinnen und ihren Stress beherrschen, statt in Hektik zu verfallen. Schedlowski: "Gelingt das, wird das Hirn weniger Stresshormone ausschütten, die das Immunsystem schwächen." Überdies stärkt die Erfahrung, im Durcheinander gelassen zu bleiben, das Selbstbewusstsein und die Zufriedenheit. Die Universitätsklinik Bern bietet solche Kurse zum Beispiel Patienten in der Psychiatrie an, um sie vor Stress zu schützen.

Genetisches Glücksprogramm

Doch wie viel Spielraum haben wir, um Freude und Zuversicht zu lernen? Ist unsere Fähigkeit zum Glücklichsein sogar genetisch programmiert? "40 bis 50 Prozent unserer Eigenschaften werden von den Erbanlagen bestimmt, die zum Beispiel eine Neigung zu Depressionen begünstigen können", sagt Glücksforscher Diener. Die Psychologin Ursula Staudinger von der International University Bremen warnt jedoch davor, die Rolle der Gene als Persönlichkeitsgestalter zu überschätzen: "Das Erbgut allein bewirkt gar nichts, es kann nur in Interaktion mit der Umwelt aktiv werden", sagt sie. Charakter und persönliche Einstellungen werden zum Beispiel ebenso von unseren Erfahrungen geprägt. Merkmale wie Optimismus und Pessimismus seien uns nicht in die Wiege gelegt worden. "In der kognitiven Verhaltenstherapie können wir beispielsweise lernen, nicht nur auf die Misserfolge zu sehen, und dadurch unsere Einstellung ändern - und das bis ins Alter hinein." Die Lebensverlaufsforscherin zweifelt zudem daran, dass es besonders glückliche oder unglückliche Altersphasen gibt. "Jeder Lebensabschnitt hält seine eigene Kombination aus Herausforderungen bereit. Was sich jedoch ändert, sind die Vorstellungen vom Glück."

Im Laufe der Jahre schöpfen wir Zufriedenheit aus ganz unterschiedlichen Quellen. Kleine Kinder brauchen nicht viel zum Glücklichsein: Schon eine Pfütze kann sie minutenlang fesseln. Jugendlichen ist Anerkennung sehr wichtig. Materielle Ziele rücken dann in den Vordergrund. Junge Erwachsene möchten sich eine wirtschaftliche und partnerschaftliche Existenz aufbauen. Sie genießen es, ihr Leben in die Hand nehmen zu können, und wollen etwas erleben. "In der ersten Lebenshälfte muss es abwechslungsreich und aufregend sein", sagt Staudinger. Dann zählen vor allem die hedonistischen Glückserlebnisse, die Freuden des Augenblicks.

Die Bilanz entscheidet

Im Laufe der Zeit wird aus dem lodernden Feuer ein wärmendes Glühen: Wenn wir uns ausgetobt haben, im Beruf vorangekommen sind und zu Hause vielleicht die Familie wartet, dann werden die ideellen Werte wie das Zusammensein mit Kindern und Enkeln für uns immer wichtiger. Auch jetzt erfreuen wir uns noch an den schönen Momenten des Lebens, an einem leckeren Essen oder am Spaziergang im Wald. Doch immer öfter schauen wir auf unser Leben zurück: Ist die Bilanz positiv, genießen wir das eudämonistische Glück, das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Die Ergebnisse der Forscher zeigen, wie uns die guten Gefühle wohltun. Sie halten uns gesund und geben unserem Leben einen Sinn. Ob wir sie spüren und in welchem Maße, hängt weniger von Schicksal oder Genen als von unserer Einstellung ab. Die richtige zu finden kann harte Arbeit sein und ist mitunter mit Krisen und Unglück verbunden. "Wir können das Glück nicht erreichen, indem wir bewusst danach suchen", sagt Mihaly Csikszentmihalyi. Doch wenn wir ihm einen Weg bahnen, fällt es ihm leichter, zu uns zu finden - und vielleicht ein bisschen zu bleiben.

Torben Müller / print