Traumatisierte Soldaten Eingebrannte Narben im Gehirn


Kongo, Kosovo, Afghanistan: Bundeswehrsoldaten sollen in Krisengebieten helfen - und brauchen danach oft selbst Hilfe. Bundeswehr-Psychiater Karl-Heinz Biesold hat stern.de erzählt, wie man mit Traumatisierungen umgeht.

Ist die Zahl der Soldaten, die traumatisiert von Auslandseinsätzen zurückkehrt, gestiegen?

Ja, aus zwei Gründen: Die Dauer der einzelnen Einsätze wurde zwar verkürzt, aber die Bundeswehr führt nun schon seit zehn Jahren Auslandseinsätze durch. Viele Soldaten machen zum dritten oder vierten Mal solche Einsätze mit. Das führt zu einer Akkumulation von Problemen. Zudem ist das Gefährdungspotenzial von Auslandseinsätzen gestiegen. Afghanistan zum Beispiel ist nicht so ruhig, wie man das gerne hätte. Die Taliban werden aktiver, es gibt mehr Übergriffe - und es trifft immer mehr Soldaten.

Wie viele der traumatisierten Soldaten lassen sich behandeln?

Es gibt Nationen, die haben ganze Kontingente vor und nach den Einsätzen untersucht. Bei UN-Missionen haben zwischen drei und fünf Prozent der Soldaten hinterher Probleme. Wir nennen das Posttraumatische Belastungsstörungen. Unsere Zahl liegt unter einem Prozent. Ich denke, wir haben eine Dunkelziffer, die mindestens noch einmal so hoch ist.

Wie definiert man Posttraumatische Belastungsstörungen?

Das sind Störungen, die gemäß Weltgesundheitsorganisation mit einem schwer wiegenden, traumatischen Ereignis zusammenhängen müssen. Das kann ein Überfall sein, eine Geiselnahme, Tod oder Verletzung eines Kameraden.

Wie äußert sich die Störung?

Zum einen durch immer wiederkehrende Bilder und Erinnerungen an das Ereignis. Sie sind verbundenen mit heftigen Emotionen wie starken Angstgefühlen. Für den Betroffenen ist es, als wäre er immer noch in der Gefahrensituation.

Ein Beispiel: Jemand, der einen Tsunami erlebt hat, geht ins Schwimmbad oder an die Nordsee. Das Wasser löst Erinnerungen aus, er bekommt Panik, Herzrasen und eine extreme Stressreaktion. Der Auslöser auch kann auch ein Geruch oder ein Geräusch sein. Wer verbrannte Menschen gerettet hat, erfährt vielleicht beim Grillen einen so genannten Flashback.

Andere Symptome sind Anspannung, Nervosität und Reizbarkeit. Zudem beobachten wir Vermeidungsverhalten: Alles, was an das Trauma erinnert, wird ausgeblendet. Manche ziehen sich völlig zurück und brechen ihre Kontakte ab.

Fällt es allen Betroffenen schwer, ihre Gefühle herauszulassen?

In der Regel vermeiden die Leute, darüber zu reden. Das erlebt man gerade in Männergruppen, ob es nun Notärzte, Feuerwehrleute, Polizisten oder Soldaten sind. Viele haben das Gefühl, sie seien die einzigen, und alle anderen hätten es ganz gut verkraftet. Dann redet man natürlich nicht gerne drüber, weil man nicht als weich oder wenig belastbar gelten möchte. Das erklärt auch die Dunkelziffer. Laut amerikanischen Untersuchungen im Irakkrieg geht nur ein Viertel der Soldaten, die psychisch krank sind, auch zum Arzt. Der Rest schleppt das mit sich herum.

Wo setzt die Therapie an?

Traumatisierungen, egal ob der Auslöser der Krieg, ein Autounfall oder sexueller Missbrauch ist, werden heute in erster Linie psychotherapeutisch behandelt. Erst müssen die Leute stabilisiert werden, dass sie nicht von ihren Erinnerungen überschwemmt werden. Wir benutzen dazu Entspannungs- und Distanzierungstechniken.

Danach arbeitet man die traumatische Situation noch einmal durch - der Verarbeitungsprozess, der stecken geblieben ist, kommt wieder in Gang. Häufig hat der Patient erstmal nur bruchstückhafte Erinnerungen an das Trauma, weil so viele Informationen in kurzer Zeit auf das Gehirn zukommen, die nicht verarbeitet werden können. Das kann man in der Therapie lösen. Die Erinnerungen werden wieder zusammengefügt wie ein Mosaikbild, das zum Ganzen und dann für den Patienten erklärbar wird. Anschließend sind die Erinnerungen nicht weg, aber die begleitenden Stresssymptome. Die dritte Stufe ist eine berufliche und familiäre Wiedereingliederung.

Gibt es auch unheilbare Fälle?

Es gibt Menschen, die etwas erleben, was das ganze Leben zerstört. Es gibt noch heute, 25 Jahre nach dem Vietnamkrieg, 250.000 US-Veteranen, die an PTBS leiden. Manche leben in Wäldern, weil sie sich nicht mehr in die Stadt trauen. Man kann nicht darauf hoffen, dass sich eine PTBS mit der Zeit von alleine heilt. Manche chronischen Verläufe gehen über zehn, zwanzig oder mehr Jahre. Das ist wie eine eingebrannte Narbe im Gehirn.

Welche Leute sind dafür besonders anfällig?

Das kann man nicht sagen. Oft erleben zehn Menschen das Gleiche, und ein Teil verarbeitet es, ein Teil verarbeitet es nicht. Es gibt bestimmte Faktoren, die das Ganze beeinflussen. So ist es wichtig, ob die Krankheit von der Umwelt akzeptiert wird, oder ob der Betroffene sich seiner Probleme schämen und verstecken muss. Auch beim Militär hat die ältere Generation noch lange behauptet, das sei neumodischer Kram, das hätte es im Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Das stimmt aber nicht, solche Phänomene gab es genauso. Nur durfte man nicht darüber reden, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert wurde.

Wie hat man PTBS vor dem Vietnamkrieg behandelt?

Im Ersten Weltkrieg erklärten deutsche Nervenärzte, die Symptome seien Simulation, sie galten während der Kaiserzeit als Feigheit vor dem Feind. Die Therapien waren auf Disziplinierung und Bestrafung ausgerichtet wie Elektroschocktherapien und Eiswassergüsse - sie haben die Leute sozusagen gequält. Es galt das Motto: Die Therapie muss schlimmer sein als der Aufenthalt an der Front, damit die Soldaten wieder an die Front zurückkehren. Vernünftige Therapieansätze gibt es erst seit den Achtzigern. Gewachsen sind sie aus den Erfahrungen, die man mit Vietnamveteranen machte.

Wie sieht in Deutschland die Vorbereitung auf die Einsätze aus?

Wir haben für die Bundeswehr ein Stresskonzept entwickelt. Die Soldaten sollen wissen, dass sie nicht nur körperlich verletzt werden können, sondern auch seelisch. Wie habe ich solche wiederkehrenden Bilder und meine Aufgeregtheit und Reizbarkeit einzuordnen? Viele schätzen das gar nicht als Krankheit ein, und wissen nicht, dass man Hilfe kriegen kann. Jeder Soldat lernt auf Unteroffizier- und Feldwebellehrgängen, wie er Stressreaktionen erkennen und sich mit Entspannungsübungen herunterkühlen kann. Außerdem lernen sie Erste Hilfe auch in psychischen Belastungssituationen, für den Fall, dass einer ihrer Kollegen "durchdreht".

Die Einsätze begleiten immer auch psychologische Betreuer und Seelsorger. Die Profis, die sich um diesen Bereich kümmern, sind die Truppenärzte, die Truppenpsychologen, die Militärseelsorge und unser Fachbereich der Psychiatrie. Wir sind in Einsätzen in Afghanistan, im Kosovo und auch im Kongo vertreten. Nicht immer alle - im Kongo sind keine Psychiater, aber Truppenpsychologen und Seelsorger dabei. Das hängt von der Truppenstärke und der Einsatzbelastungsintensität ab.

Was wird auf die Soldaten im Kongo zukommen?

Ungewohnt sind vor allem die klimatischen Bedingungen. Das weitere hängt davon ab, wie die Soldaten akzeptiert und aufgenommen werden. Landeskundler und Ethnologen kommen auch mit, weil es schwierig ist, sich in einem derart fremden Land richtig zu verhalten. Man muss in einem anderen Staat ungewohnte Sitten und Gebräuche auch akzeptieren.

Was passiert nach dem Einsatz?

Sechs Wochen nach der Rückkehr kommen die Soldaten noch einmal in Gruppen für Reintegrationsseminare zusammen und sprechen darüber, wie sie den Einsatz erlebt haben.

Psychische Traumatisierungen treten in der Regel erst nach den Einsätzen auf. So lange die Soldaten in die Kameradschaft eingebunden sind, bewältigen sie ihre Anspannung - wenn beispielsweise nachts Raketen aufs Lager fliegen - verhältnismäßig gut. Wenn sich aber die Belastung nach der Rückkehr in die Heimat nicht normalisiert, ist es krankhaft. Posttraumatische Belastungsstörungen treten auf, wenn die Betroffenen immer noch so leben und reagieren, als wäre der Einsatz eben nicht vorbei.

Karl-Heinz Biesold ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Interview: Heike Sonnberger


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