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"Lucys Tochter": Urzeitmädchen lässt Forscher rätseln

Es ist ein Sensationsfund: Forscher haben die 3,3 Millionen Jahre alten Überreste einer Dreijährigen ausgegraben. Das ungewöhnlich gut erhaltene Skelett befeuert eine alte Diskussion - schwangen sich "Lucy" und ihre Zeitgenossen noch von Ast zu Ast?

"Lucys Tochter" wurde nur drei Jahre alt, aber ihr Schädel und ein Teil ihrer Knochen blieben 3,3 Millionen Jahre lang erhalten. "Es ist das älteste Kind der Welt, das je entdeckt wurde", schreiben die Forscher, die ihren Fund im Journal "Nature" präsentieren. Ihren Spitznamen hat die Kleine von der berühmten afrikanischen Ahnenfrau Lucy. Es ist unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich ihre Tochter war, aber zumindest gehören beide zur selben Gruppe der Urmenschen, die nach ihrem Fundort in der äthiopischen Afar-Region Australopithecus afarensis genannt werden.

"Fund des Lebens"

"Das Skelett ist in seiner Vollkommenheit unerreicht", schreiben die Forscher in "Nature". Es sei ziemlich unglaublich, ein derart vollständiges Fossil aus einer solch lange zurückliegenden Zeit zu finden, sagte der Wissenschaftler Fred Spoor, Professor für Evolutionäre Anatomie am University College London. "Es ist der Fund des Lebens." Spoor beschreibt das Fossil gemeinsam mit Zeresenay Alemseged vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und anderen Wissenschaftlern.

Bernard Wood von der George Washington University in Washington schreibt in einem Gastkommentar für "Nature", die Entdeckung sei eine "wahre Fundgrube für Informationen über eine entscheidende Phase in der Geschichte der menschlichen Evolution". Das Skelett wurde 2000 im Nordosten Äthiopiens entdeckt. Forscher bemühen sich seither, die Knochen von umgebendem Sandstein freizulegen. Diese Arbeit soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.

Lebten die Urmenschen auf Bäumen?

"Lucys Tochter" blieb so gut erhalten, weil ihre Leiche vermutlich schon kurz nach dem Tod bei einer Flut verschüttet worden war. Die Forscher fanden daher nicht nur einen fast vollständig erhaltenen Schädel mit Zähnen, sondern auch beide Schulterblätter, Teile der Wirbelsäule und mehrere Rippen. Sogar einige Fingerknochen waren noch erhalten.

Ähnlich wie bei Lucy lässt sich auch am Skelett der Dreijährigen nachweisen, dass sie bereits aufrecht und auf zwei Füßen gehen konnte. Allerdings werfe der jüngste Knochenfund neue Fragen auf, inwiefern die Urmenschen dieses Typs sich noch auf Bäumen aufgehalten haben, heißt es in der Studie.

Der Unterleib sei sehr menschenähnlich, während der Oberkörper dem von Affen gleiche: Ihre Schulterblätter, die denen eines Gorillas gleichen, ihre Arme, die bis kurz über die Knie herabhingen, und die langen, gekrümmten Finger weisen darauf hin, dass sich das Urzeit-Mädchen vermutlich auch von Baum zu Baum schwingen oder zumindest gut klettern konnte. Der Hals sei kurz und dick wie der eines großen Affen, auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ähnele mehr dem eines Affen als dem eines Menschen.

Mit Spannung werde die Freilegung der Fußknochen aus ihrem Sandsteinbett erwartet. Sollte ein großer Zeh zum Vorschein kommen, der von der Anlage dem Daumen einer menschlichen Hand gleiche, würde dies für Kletterfähigkeiten sprechen.

Zungenbein wie ein Schimpanse

Das Skelett enthielt auch das Zungenbein - erst das zweite, das von einem menschlichen Vorfahren geborgen wurde. Spoor zufolge ähnelt es dem eines Schimpansen. Daraus könnten zwar nicht direkt Schlüsse über eine Sprachfähigkeit gezogen werden. Aber mit Tönen, die das Lebewesen von sich gab, "hätte eine Schimpansenmutter mehr anfangen können als eine menschliche Mutter", sagte Spoor.

Beatles-Song gab "Lucy" den Namen

Die Gegend, aus der Lucy und ihre "Tochter" stammen, ist seit langer Zeit berühmt für Knochenfunde. In den vulkanischen Tuff- und Geröllschichten in der Afar-Senke haben sich Reste der Urmenschen besonders gut erhalten. Durch die klare Abgrenzung der einzelnen Schichten lassen sie sich außerdem relativ präzise datieren. Es kann also angenommen werden, dass die Eigenschaften von Lucys "Familienmitgliedern" in den nächsten Jahren immer besser erforscht werden.

Lucys wissenschaftlicher Name heißt übersetzt etwa "Affe aus dem Süden". Ihren Rufnamen hat sie angeblich der Tatsache zu verdanken, dass ihr Entdecker, der amerikanische Anthropologe Donald Johanson, bei der Auswertung seiner Funde das Beatles-Lied "Lucy in the Sky with Diamonds" gehört haben soll. Mittlerweile liegen ihre Knochen im Panzerschrank des äthiopischen Nationalmuseums. Besucher bekommen lediglich eine Kopie zu sehen.

Lucys Fund hatte 1974 ein Massenpublikum für die menschliche Evolution interessiert. Ihre rekonstruierte Gestalt, nur etwas über einen Meter groß und mit wulstigem Gesicht, schmückte Titelbilder von Zeitschriften und zog Besucherströme in Museen. Lucy zählt zu den Hominiden und damit zu den Vorläufern des Menschengeschlechts. Eine Gruppe von Schweizern stellte später allerdings in Frage, ob es sich überhaupt ein weibliches Wesen handle, da das Becken so schmal sei.

AP/DPA / AP / DPA