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Biologische Eindringlinge: Gefahr für die Artenvielfalt

Der Mensch bringt zahlreiche Lebewesen weltweit in neue Lebensräume ein - oft mit fatalen Folgen: Sie verdrängen Arten, verändern ganze Ökosysteme und bedrohen die biologische Vielfalt. Lösungen zu finden, ist nun ein großes Thema auf der Vertragsstaatenkonferenz der UN-Artenschutzkonferenz.

Von Nicole Simon

Das Paradebeispiel für die enormen Risiken einer unkontrollierten und unüberlegten Einbringung einer Art in einen neuen Lebensraum ist die Aga-Kröte. Ursprünglich sollten die Tiere etwa in Australien unerwünschte Käfer und andere Übeltäter fressen - gewissermaßen als Biowaffe. Stattdessen kostet die Kröte jetzt zahlreichen Fischen, Mäusen und zum Ärger vieler Imker auch Honigbienen das Leben. Solche biologischen Invasionen sind keine Ausnahme: Inzwischen gilt die Verbreitung eingeschleppter Lebewesen, nach der Zerstörung von Lebensräumen als wichtigste Ursache des weltweiten Artensterbens - auch in Deutschland.

Neobiotika nennt man diese Neuankömmlinge. Nun machen längst nicht alle von ihnen Ärger. So ist die Wandermuschel, die erstmalig 1840 im Rhein auftauchte und sich von dort über alle Gewässer ausgebreitet hat, im Bodensee zur wichtigsten Nahrung für überwinternde Enten geworden. "Es gibt eine Faustregel: Von 100 neuen Arten überleben zehn und von diesen zehn Arten macht eine Ärger", sagt Stefan Klotz. Am Helmholtzzentrum für Umweltforschung untersucht er die ökologischen Folgen der Invasionen.

Eine Bedrohung auch für den Menschen

Fast überall auf der Erde sind zahlreiche Arten und ganze Ökosysteme durch die oft gedankenlose Einführung fremder Arten gefährdet oder sie wurden schon verändert. "Einige der Eindringlinge greifen nicht nur die heimische Natur an, sondern bedrohen auch den Menschen, weil sie krankmachende Parasiten einschleusen oder selbst gefährlich sind", sagt Stefan Klotz. So wie die Tigermücke: In Asien überträgt sie Dengue-Fieber, mittlerweile fühlt sie sich auch in Europa wohl. Nach Deutschland gekommen sind die Mücken mit dem schmerzhaften Stich vermutlich über die Alpen - als blinde Passagiere mit Reisenden oder mit Frachtgut.

Nicht ohne Grund beginnt die Neobiotika-Zeitrechnung 1492 - dem Jahr der Entdeckung Amerikas. Seit der Mensch reist und Handel mit fernen Ländern betreibt, hat sich das Problem verstärkt: Handelswaren werden durch die ganze Welt transportiert. Häufig befinden sich dann ungebetene Gäste zwischen Früchten, Verpackungen, Holz oder im Ballastwasser von Schiffen. Die natürlichen Hindernisse wie Berge, Flüsse und Meere, die diese Arten normalerweise an der ungehemmten Ausbreitung hindern, werden so überwunden.

Die Folge: "Exotische Tiere dringen in Gebiete ein, die sie ohne menschliche Hilfe nie erreicht hätten und vor allen Dingen nicht in so einer kurzen Zeit", sagt Klotz. Die Chinesische Wollhandkrabbe ist beispielsweise als blinder Passagier im Ballastwasser von Tankschiffen auf große Fahrt gegangen und besiedelt seit 1920 die Nord- und Ostseeküste. Die Spanische Wegschnecke, Todfeind aller Kleingärtner, reiste in den 60er Jahren auf Gemüsetransportern ein und vermehrte sich seitdem explosionsartig. Heute gehört sie zu den häufigsten Schneckenarten Deutschlands, weil sie die heimischen Arten aus ihrem Lebensraum verdrängt. Mittlerweile hat man die Gefahr der Invasionen erkannt und versucht dem Problem Herr zu werden: Heute müssen beispielsweise Holzpaletten für den Transport mit großer Hitze oder auch mit Schädlingsbekämpfungsmittel behandelt werden.

Viele Arten werden ganz bewusst umgesiedelt

Millionen Wildtiere und Pflanzen kommen außerdem jedes Jahr durch den Zoohandel, für die Landwirtschaft oder Jagdzwecke nach Deutschland. Entkommen sie oder werden sie ausgesetzt, können die Eindringlinge heimische Arten verdrängen, sich mit ihnen zu neuen, aggressiven Arten kreuzen und so ganze Ökosysteme verändern. So wurde der nordamerikanische Bisam als Pelzlieferant in Farmen Europas gehalten und später unüberlegt freigelassen. Mittlerweile wird der Nager mit großem finanziellen Aufwand in Europa als Problemart bekämpft, da er zum Beispiel Dämme, die dem Hochwasser-Schutz dienen sollen, beschädigt. Verstärkt wird das Problem noch durch den Klimawandel: Vielen tropischen Pflanzen, Tieren, aber auch Krankheitserregern ist es nun möglich, sich auch in europäischen Regionen heimisch zu fühlen.

Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife appelliert daher an die Vertragsstaaten der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt: Die Staaten müssen Importverbote für einige Arten erlassen, die im Verdacht stehen, heimische Arten zu verdrängen. So wie beim amerikanische Ochsenfrosch: Weil er so ein Vielfraß ist, darf er mittlerweile nicht mehr in die Eu importiert werden. "Die bisherigen Einfuhrkontrollen sind unzureichend", glaubt auch Klotz. So fehle noch immer eine einheitliche und konsequente Prüfung von Importen aus nicht EU-Ländern.