Biowaffen Wahrscheinlicher vom Blitz erschlagen zu werden...


Die Angst vor Biowaffen-Anschlägen ist groß. Experten halten die Panik jedoch für Übertrieben. Die größte Gefahr geht nicht von Terroristen, sondern von Staaten aus.

In Kriegszeiten werden Menschen erfinderisch. So ließ der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt während des Zweiten Weltkrieges Physiker an der ultimativen Waffe basteln. Sie entwickelten ein neue Bombe mit fataler Sprengkraft: die Atombombe. 1945 warfen US-Truppen diese neue Bombe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ab. Die Auswirkungen waren verheerend. Japan kapitulierte. Die Atombombe läutete ein neues Zeitalter ein, das Zeitalter der Massenvernichtungswaffen.

Der Besitz von atomaren, chemischen oder biologischen Waffen ist spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges kein Kavaliersdelikt mehr, sondern wird offiziell geächtet. Dennoch forschen einige Staaten weiterhin fleißig an Methoden, wie sie mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Menschen umbringen können. Die jüngste Zeit zeigte jedoch, dass nicht nur Regierungen Interesse an Massenvernichtungswaffen haben. Die japanische Weltuntergangssekte Aum verübte 1995 einen Anschlag mit dem Nervengift Sarin auf die Tokioer U-Bahn. Zwölf Menschen starben, 5500 wurden verletzt. Im Herbst 2001 tauchten in den USA mehrere Briefe mit Milzbrandsporen auf. Weltweit brach Panik aus. Seitdem sind vor allem Biowaffen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Krankheiten entscheiden Kriege

Der Gedanke, Krankheit als Waffe einzusetzen, ist nicht gerade neu. Schon im Mittelalter schleuderten Belagerer Pest infizierte Leichen mit Katapulten hinter die Stadtmauern, um Befestigungen zu Fall zu bringen. "Natürlich haben Infektionskrankheiten Kriege beeinflusst", sagt Professor Herbert Schmitz, Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Allerdings gibt es heute keine Krankheiten mehr, die sich so rasend schnell ausbreiten wie die Pest. Die Plagen sind heute alle beherrschbar".

Also kein Grund zur Panik? Biowaffen sind nach Ansicht von Schmitz viel mehr ein psychologisches Problem, als ein reales: "Es ist nichts auf dem Markt, vor dem die Bevölkerung Angst haben müsste. Zumindest ist mit den Erregern eine effektive Massenansteckung nicht so einfach möglich", beruhigt er. Auch Jan van Aken vom Sunshine Project, eine internationale Organisation zur Ächtung von Biowaffen, hält die Sorge vor bioterroristischen Anschlägen für übertrieben. "Es ist wahrscheinlicher vom Blitz erschlagen zu werden, als sich mit Milzbrand zu infizieren", meint er.

Ganz Deutschland töten

Als Beispiel nennt er den Auftritt von Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003. Der amerikanische Außenminister demonstrierte in der Sitzung angebliche Beweise dafür, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besäße. Zur Veranschaulichung hielt er ein kleines Reagenzglas mit Milzbrand-Erregern hoch. "Der Inhalt würde theoretisch genügen, um ganz Deutschland umzubringen", erklärt van Aken. "Aber es reicht nicht, einfach den Inhalt irgendwo ausschütten. Der Wind würde ihn einfach wegfegen". Um eine Stadt in der Größe von Hamburg zu infizieren, müsste schon ein Flugzeug den ganzen Tag große Mengen der Bakterien versprühen.

"Für jemanden, der Terror verbreiten will, gibt es einfachere Methoden: zum Beispiel Sprengstoff oder Giftgas", meint Schmitz. Denn Krankheitserreger können entgegen geläufiger Annahmen nicht einfach Zuhause im Hobby-Labor gezüchtet werden. Die Produktion von waffentauglichen Viren und Bakterien ist schwierig. Ein gut ausgerüstetes Labor macht noch keine B-Waffen-Schmiede: Spezialisten, geeignete Erreger, Sicherheitsvorkehrungen und vor allem viel Geld sind nötig. Die Entwicklung von Biowaffen braucht Zeit, teilweise sogar einige Jahre. Ohne staatliche Hilfe sei das kaum finanzierbar, erläutert van Aken. "Die größte Gefahr geht nicht von Terroristen aus, sondern von Staaten." Allerdings haben nur wenige Staaten die technischen Möglichkeiten, Biowaffen zu entwickeln.

"Gesichert wissen wir, dass die USA an B-Waffen forschen", sagt van Aken. Nach Angaben des Sunshine Projects entwickeln Forscher im Auftrag der Vereinigten Staaten derzeit Mikroorganismen, die Material zerstören können. Als mögliches Einsatzgebiet käme der Schutzanstrich von feindlichen Tarnkappenbombern in Frage, damit diese auf dem Radarschirm sichtbar werden. Außerdem arbeiten die USA an bio-chemischen Betäubungsgasen. Ähnliche Gase setzten russische Einsatztruppen im Oktober 2002 beim Sturm auf das Moskauer Theater ein, das tschetschenische Terroristen besetzt hatten. Damals starben über 150 Menschen. "Im Sprachgebrauch werden diese Gase als nicht-tödliche Chemie-Waffen bezeichnet. Das ist purer Euphemismus", kritisiert van Aken.

Damit verstoßen die USA nachweislich gegen die UN-Biowaffenkonvention. In ihr verpflichten sich die 163 Unterzeichnerstaaten auf die Entwicklung, Produktion, Lagerung oder Beschaffung von biologischen oder Toxin-Waffen zu verzichten. Kontrolle oder Ahndung bei Verstößen gibt es jedoch nicht. Der Versuch Kontrollmaßnahmen einzuführen, scheiterte im November 2002 am Widerstand der USA.

Gefahr: gentechnisch-veränderte Erreger

Besonders gefährlich ist die fortschreitende Technologie. "Mittlerweile sind Waffen möglich, die es vor zehn Jahren noch nicht gab", merkt van Aken an. Mithilfe von Gentechnik entwickeln Wissenschaftler künstliche, aber viel tödlichere B-Waffen: Antibiotika-resistente Milzbrand-Erreger oder giftige Darmbakterien. Der Forschung sind keine Grenzen gesetzt - auch finanziell nicht. "Geld spielt keine Rolle", weiß Schmitz von seinen amerikanischen Kollegen. Die Karrieresucht einiger Wissenschaftler hingegen schon.

Mit gewagter Forschung versuchen sie Anerkennung und Finanzmittel zu erhaschen. Die Grenzen zwischen defensiver und offensiver Forschung verschwimmen. Jan van Aken bezeichnet dies als schizophrene Wissenschaft: "Sie bauen sich ein Monster, um es dann wieder zu bekämpfen." So haben Forscher der US-Armee die "Spanische Grippe" mit Hilfe von Gentechnik wieder belebt. Die Grippe-Epidemie wütete 1918 und tötete rund 27 Millionen Menschen. Auch Schmitz hält solche Experimente für gefährlich und unnötig: "Es darf nicht einfach ins Blaue hinein geforscht werden", ermahnt er. Denn auf diese Weise liefern Wissenschaftler anderen Staaten oder terroristischen Organisationen das Rezept für B-Waffen in die Hand. Daraufhin müssen Erstere weiter forschen, um noch vor potenziellen Anschlägen eine Behandlungsmethode zu besitzen. Es entsteht eine selbst gemachte biologische Rüstungsspirale, die dazu führt, dass immer gefährlichere Erreger entstehen.

Moralische Schranken fallen

"Die USA sind nicht die einzigen Bösewichte, aber es ist schwer über andere Länder Informationen zu bekommen", erläutert van Aken. Nur eins ist sicher: Deutschland hat eine weiße Weste. Dennoch akzeptiert die Bundesrepublik stillschweigend die Biotechnik-Programme der Amerikaner. "Damit setzt die Regierung eindeutig die falschen Zeichen", kritisiert van Aken. Andere Staaten sehen, dass die USA ohne Konsequenzen gegen internationale Vereinbarungen verstoßen kann und ahmen das nach. "Die moralischen Schranken fallen".

Für die Zukunft sieht van Aken schwarz. Seiner Einschätzung nach forschen seit etwa zwei Jahren einige Staaten massiv an Biowaffen. "Da diese Programme geheim laufen, werden wir es erst merken, wenn es zu spät ist". Die Bundeswehr sorgt jedenfalls schon mal vor. Sie selber betreibt biologische Verteidigungsforschung, d.h. sie entwickelt Verfahren, um Erreger zu identifizieren und zu therapieren. Im Jahr 2003 flossen nach Information von Astrid Matschulat vom Sanitätsdienst der Bundeswehr rund neun Millionen Euro an die bundeswehreigenen Institute, aber auch an zivile, vor allem universitäre Einrichtungen.

Das Sunshine Project kritisiert die defensive Forschung der Bundeswehr, denn sie kann zwangsläufig auch offensiv genutzt werden. Um die Wirkung der Nachweisverfahren und der Impfstoffe zu überprüfen, müssen die entsprechenden Erreger produziert oder zumindest von anderen Einrichtungen besorgt werden. Deshalb geht die Organisation davon aus, dass die Bundeswehr und ihre Auftragnehmer zumindest kleinere Mengen von biologischen Kampfstoffen besitzen. "Kleine Mengen von Erregern können allerdings nicht als Kampfstoffe genutzt werden", beruhigt Schmitz.

Irena Güttel

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