Erdbeben in Italien "So was lässt sich nicht vorhersagen"


Wissenschaftler stellen sich gegen den Physiker Giampaolo Giuliani, der behauptet, er habe das Erdbeben in den Abruzzen vorhergesehen. Alleine auf die Radon-Messung, die keine neue Methode sei, könne man keine Vorhersage aufbauen. Erdbeben lassen sich bis jetzt nicht prognostizieren, so die einhellige Forschermeinung.
Von Luisa Brandl und Lea Wolz

Die Wissenschaftler in Italien stellen sich kompakt gegen den Physiker Giampaolo Giuliani, der behauptet, er habe das Erdbeben vorhergesehen. Die Methode der Messungen von ausströmendem Radongas wird dort von den Experten stark angezweifelt. Sie sei allenfalls der Anfang einer neuen Forschungsrichtung, aber nach derzeitigem Stand stifte sie mehr Verwirrung, als dass sie zur Aufklärung beitrage.

Die Vorhersage von Giuliani sei sehr vage gewesen, so Eugenio Coccia, Direktor des Forschungslabors im nationalen Institut für Nuklearphysik am Gran Sasso. Nach Giulianis Prognose hätte das Erdbeben bereits Ende März eintreten sollen und das Epizentrum an einem anderen Ort, in Sulmona, liegen sollen. „Wenn wir uns danach gerichtet hätten, hätten wir einen Bumerang-Effekt erzielt“, so Coccia. Denn es hätte bedeutet, die Gegend um Sulmona vor acht Tagen zu evakuieren und die Menschen nach L'Aquila zu bringen, wo sie heute unter den Trümmern liegen würden.

Keine neue Methode

Die Korrelation zwischen radioaktiven Gasen und der Möglichkeit von Erdbeben sei nichts Neues, sondern schon seit 50 Jahren bekannt und würde vielerorts erforscht. Aber niemand hätte das Thema mit so viel Naivität behandelt, so Coccia.

Gibt es Wege, um Erdbeben vorherzusehen? „Es gibt Modelle, die gerade perfektioniert werden mithilfe von digitalen Erhebungen. Aber es handelt sich im Wesentlichen um statistische Modelle, die weiter verfeinert werden mit jedem neuen Erdbeben." Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sei es nahezu ausgeschlossen, ein Desaster wie in L'Aquila vorauszusagen, so Coccia. Zum Schutz gebe es bis jetzt nur Prävention und die Limitierung der Schäden durch erdbebensicheren Bau.

"Die italienischen Kollegen haben richtig gehandelt", findet auch der Seismologe Jochen Zschau. "Es gab keine sichere wissenschaftliche Grundlage, um eine Erdbebenwarnung für diese Gegend herauszugeben." Jochen Zschau ist einer der führenden Seismologen Deutschlands. Der Direktor der Abteilung für Erdbebenrisiko und Frühwarnung am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam war vor einer Woche selbst in Italien. Italienische Kollegen hätten ihm damals schon von einer erhöhten seismischen Aktivität in der Abruzzen-Region berichtet, sagt er. Hätten die italienischen Behörden also doch hellhöriger sein müssen? Die Warnung des Erdbebenforschers Giuliano ernster nehmen müssen? Und so das Beben in Italien vorhersehen können oder sogar müssen?

Auf Radon-Zunahme muss kein Erdbeben folgen

"Nein", sagt der Potsdamer Wissenschaftler. "Es gibt bisher keine wissenschaftlich fundierte Methode, um ein Erdbeben vorherzusagen." Bei den beobachteten Vorläuferphänomenen gibt es keine Systematik, mal treten sie auf, dann wieder nicht." Die Radon-Zunahme zählt ebenfalls zu den sogenannten Vorläuferphänomenen eines Erdbebens. Von ihnen gibt es allerdings noch mehr: Sie reichen von ungewöhnlichem Tierverhalten über die elektrische Leitfähigkeit des Bodens bis zu Veränderungen im Magnetfeld der Erde oder einer Zunahme des Grundwassers. All das sind Anzeichen, die auf ein mögliches Beben hinweisen können. Können, aber nicht müssen, betont Zschau. Eine sichere Vorhersage für ein Erdbeben sind sie nicht. "Weltweit betrachtet, ist es nach der Messung von Radonanomalien in den meisten Fällen zu keinem Erdbeben gekommen." Allein auf die Radon-Messung, die keineswegs eine neue Methode sei, könne man daher keine Vorhersage aufbauen, sagt der Potsdamer Seismologe.

"Wir haben die physikalischen Hintergründe von Vorläuferphänomenen bei weitem noch nicht verstanden. Daher geht Herr Giuliano in der Interpretation seiner Daten wahrscheinlich zu weit." Generell sei es auch gefährlich, Vorhersagen nur auf einen Indikator aufzubauen.

Ob es jemals gelingen wird, ein Erdbeben wissenschaftlich fundiert vorherzusagen, ist auch dem Potsdamer Wissenschaftler zufolge fraglich. "Die Erde ist ein chaotisches System, genau wie das Wetter." Im Gegensatz zur Meteorologie stehen die Geologen aber vor dem Problem, dass sie die Sensoren nicht genau an den Ort des Geschehens, ins Erdinnere, bringen können. "Verglichen damit, ist es relativ leicht, die Bewegung der Luft zu messen. Wir können nur indirekt an der Erdoberfläche erfassen, was unter der Erde passiert", sagt Zschau. Stärke, Ort und der genaue Zeitpunkt eines Erdbebens könnten daher heute noch nicht vorhergesagt werden. "Was wir machen können, sind Wahrscheinlichkeitsangaben, wie gefährdet eine Region ist", sagt der Seismologe. "Aus dieser Sicht war auch klar, dass es sich bei den Abruzzen um eine hochgradig gefährdete Region handelt."

Gefährdungskarten gibt es für die meisten Regionen der Welt. Nun sollen auch Risikokarten erstellt werden. Seit Anfang 2009 hat die OECD ein globales Programm zur Erdbebenrisikoanalyse gestartet, in das unter anderem Informationen über die Bodenbeschaffenheit in bestimmten Regionen ebenso einfließen wie die aus früheren Erdbeben gewonnenen Erkenntnisse. Zusammen mit den Daten zur Bevölkerungsdichte und der Beschaffenheit der Gebäude soll es möglich sein, abzuschätzen, welche Gefahren für die Menschen und die Umgebung in bestimmten Regionen bestehen.

"Solange man Erdbeben nicht vorhersagen kann, sollte man zumindest in den gefährdeten Gebieten erdbebengerecht bauen", fordert auch Zschau. "Aber da fehlt es vielfach an Risikobewusstsein bei der Bevölkerung. Denn leider vergessen die meisten Menschen auch nach einer Katastrophe die Gefahren schnell wieder."


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