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Streit um die Hans-Insel: Der höflichste Krieg der Menschheitsgeschichte

Dänen kommen, nehmen Fahne weg, stellen Schnaps hin. Kanadier kommen, nehmen Fahne weg und stellen Schnaps hin. So geht das seit Jahrzehnten. Um die Hans-Insel tobt der wohl netteste Besatzungskrieg aller Zeiten.

Hans-Insel Dänemark Kanada

Die Hans-Insel im Polarmeer: Der unbemooste Felsen ist der graue Punkt in der Mitte des Bildes

Die Hans-Insel ist nicht mehr als ein Fels in der arktischen Brandung. Gerade einmal etwas größer als ein Quadratkilometer, unbewohnt natürlich und nicht einmal von einer anständigen Schicht Moos bewachsen. Es gibt dort nichts, was für irgendjemanden von Interesse sein könnte. Außer vielleicht die dort deponierten Schnapsflaschen - entweder aus Kanada oder aus Dänemark. Je nachdem, wer gerade dort das Sagen haben will.

Besatzungskrieg um Hans-Insel

Um das öde Eiland tobt sein Jahrzehnten der wohl entspannteste Krieg in der jüngeren Menschheitsgeschichte. Denn Interessenten an dem Gesteinsbrocken im Kennedy-Kanal nördlich von Grönland gibt es durchaus: Kanada und Dänemark eben, die sich schon seit 1933 darum streiten. Nur nicht mit Waffen, sondern mit Flaggen und Schnapsflaschen.

Ganz früher, als die Europäer die abgelegene Ecke noch nicht interessiert hat, wurde die Hans-Insel von den Inuiit Tartupaluk genannt, aber im Wesentlichen auch links liegengelassen. Dann kam ein dänisches Expeditionsteam und kartierte die Gegend. Ein paar Jahre später, 1933, wurde der Felsen Grönland zugeschlagen, worauf Dänemark bestand, weil Grönland dänisches Hoheitsgebiet war. So weit so gut. Danach passierte 40 Jahre lang das, was dort auch vorher passierte war: nichts.

Dänemark fing an mit dem Schnaps

Erst Anfang der 70er Jahre keimte wieder Streit auf. Dänemark und Kanada verhandelten über ihre gemeinsame Küstenlinie als die Nordamerikaner plötzlich erneut nach der Hans-Insel verlangten. Weil sich beide Seiten nicht einigen konnten wurde der Konflikt vertagt. Bis 1984 die Dänen Fakten schafften: Der damalige Grönland-Minister besuchte die Hans-Insel und rammte eine dänische Flagge ins Gestein – als sichtbares Zeichen dafür, wem der Felsen gehörte. Daneben stellte er eine Flasche Brandy.

Seitdem wird die Ödnis regelmäßig von den Soldaten der beiden Kontrahenten aufgesucht. Die Kampfhandlungen folgen immer den gleichen Muster: Die Kanadier tauschen die dänische Fahne gegen ihre aus und deponieren daneben eine Flasche Whiskey (Canadian Club). Dann kommen die Dänen, tauschen die kanadische Fahne gegen ihre aus und deponieren daneben eine Flasche Schnaps. So geht das seit Jahren und die Regierungen beider Staaten unternehmen nichts, um diesen Besatzungskrieg zu beenden.

Frieden ist tatsächlich in Sicht

Das heißt, doch. Im November 2015 wurde von dänischen und kanadischen Polarexperten ein Plan ausgetüftelt, der Bewegung in die Sache bringen könnte. Die Insel wird einfach von beiden Seiten verwaltet – und zwar zusammen. Oder aber, so der Alternativvorschlag der Universitätsgelehrten, Hans-Island wird in einen Naturpark verwandelt, für den sich Grönland und Kanada verantwortlich fühlen. Offiziell gibt es noch keine Entscheidung, was vielleicht auch ganz gut ist, denn der Umgang mit diesem Grenzkonflikt darf gerne als Vorbild für andere ähnliche Auseinandersetzungen dienen. 

nik