Interview mit Arved Fuchs "Die Polarregionen verzeihen keine Fehler"


Auf den Spuren von Scott und Amundsen liefern sich britische und norwegische Forscher einen Wettlauf durchs ewige Eis des Südpols. Der Abenteurer Arved Fuchs war bereits Ende der 80er Jahre dort. Er erzählt, wie sich Expeditionen seit der Entdeckung des Südpols verändert haben.

Wie unterscheiden sich heutige Polarexpeditionen von denen zur Zeit von Scott und Amundsen?

Damals ging es um Entdeckungen, um territoriale Ansprüche, um nationales Prestige für König und Vaterland. Heutige Expeditionen müssen sich damit nicht mehr belasten. Es geht vor allem darum, Naturlandschaften wiederzuentdecken und die weißen Flecken auf der ganz persönlichen Landkarte zu tilgen.

Amundsen setzte bei seiner Expedition zum Südpol Skier und Schlittenhunde ein, Scott motorisierte Schlitten und Ponys. Wie bewegen sich heutige Südpolexpeditionen fort?

Wissenschaftliche Expeditionen setzen auf modernste Technologie - Motorschlitten, Pistenbullys, Flugzeuge, Eisbrecher. Sportlich orientierte Expeditionen versuchen meist mit einem Minimum an Technik auszukommen. Zuviel Technik schafft Distanzen und das trügerische Gefühl der Beherrschbarkeit - aber wissenschaftliche Expeditionen haben ja eine andere Mission zu erfüllen. Wer mit Ski und Hundeschlitten unterwegs ist, kann am besten mit der polaren Landschaft verschmelzen. Hunde sind heute aber aus Gründen des Naturschutzes in der Antarktis nicht mehr gestattet.

Welche technischen Orientierungshilfen standen Scott und Amundsen damals zur Verfügung und welche Hilfsmittel nutzen Sie für Ihre Expeditionen?

Die frühen Polarexpeditionen haben sich mittels Kompass, Sextant und künstlichem Horizont orientiert. Bis Ende der achtziger Jahre war das die einzige verlässliche Möglichkeit, seine Position zu bestimmen. Das ist nicht ganz einfach, erfordert navigatorisches Verständnis und Erfahrung. Ich selbst habe noch während meiner Nordpol- und Südpol-Expedition auf diese Weise navigiert. Bei der Südpol-Expedition hatte ich das erste mobile GPS-Gerät dabei. Es waren aber noch nicht alle Satelliten verfügbar, somit war das Verfahren noch sehr unsicher. Heute nutzen alle Expeditionen GPS.

Woher wussten Scott und Amundsen überhaupt, wo sie sich befanden?

Amundsen hatte mit immer neuen astronomischen Standortbestimmungen sichergestellt, dass er sich wirklich auf 90 Grad südlicher Breite befand. Seine Messungen waren sehr präzise. Als Scott etwa vier Wochen nach Amundsen am Südpol ankam, fand er ein Zelt mit einer Nachricht von Amundsen. Scott hat den Weg dorthin also mit der gleichen navigatorischen Sorgfalt gefunden wie sein norwegischer Kontrahent.

Durch den technischen Fortschritt scheinen Expeditionen heute ein weit kleineres Wagnis als früher.

Die moderne Technik hat Expeditionen sicherer und kalkulierbarer gemacht, aber minus 40 Grad Celsius fühlen sich heute noch genauso kalt an wie zur Zeit Scotts und Amundsens. Nur wer das Handwerk des polaren Reisens beherrscht, sich keinen Illusionen hingibt und genau weiß, worauf es ankommt, hat eine Chance durchzukommen. Die Polarregionen verzeihen keine Fehler - daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wie lange kann es ein Mensch ohne den Schutz eines Gebäudes am Südpol überhaupt aushalten?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Er braucht aber auf jeden Fall Schutzkleidung, ein Zelt, einen Schlafsack, ausreichend Nahrung, Brennstoff und Erfahrung. Wir haben bei unserer Antarktisdurchquerung 92 Tage ohne großen Probleme im Freien gelebt. Aber ohne Schutz hätte man keine Überlebenschance.

Scott und seine Begleiter wurden bei ihrer Rückkehr zum Basislager von einem Kälteeinbruch überrascht und sind erfroren. Wie kann so etwas passieren?

Scott war er nicht zum ersten Mal in der Antarktis, er musste daher sehr wohl wissen, was auf ihn und seine Männer zukommen würde. Stürme und Kälteeinbrüche gehören einfach dazu. Wer sie nicht einplant, macht einen fatalen Fehler. Scotts Expedition war zu behäbig und hat Fehler gemacht. Dass Ponys als Transporttiere in der Antarktis ungeeignet sind, hatten schon andere Expeditionen erfahren müssen. Trotzdem setzte er sie ein. Statt sich rechtzeitig von den schweren Gesteinsproben zu trennen, zogen die erschöpften Männer stoisch ihre Last und brachten sich damit um die lebensrettende Geschwindigkeit. So tragisch das alles war - es war vermeidbar!

Interview: Felix Altenhoven

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