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Klimagipfel in Kopenhagen: "Wer Ökostrom ablehnt, schädigt das Klima"

Die Erderwärmung bedroht Millionen Menschen. Vor dem Beginn des Klimagipfels in Kopenhagen fordert Klimaforscher Hartmut Graßl im stern.de-Interview hundert Prozent erneuerbare Energien bis 2050.

Herr Graßl, die internationale Staatengemeinschaft will sich in ein paar Tagen in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es soll das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Was erhoffen Sie sich von der Konferenz?
Ich erwarte, dass es dort zu einem Abschluss kommt, in dem festgeschrieben wird, dass jedes Land nach seinen Fähigkeiten die Emissionen reduzieren muss. Im Kyoto-Protokoll haben sich die Industrienationen verständigt, die Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Sie müssen dies in Zukunft noch weitaus stärker machen, damit das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden kann. Zudem ist es an der Zeit, dass sich die Schwellen- und Entwicklungsländer beteiligen – wobei in den ärmeren Ländern die Maßnahmen, die zur Anpassung an die nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels nötig sind, durch die Industrienationen mitfinanziert werden müssen. Denn diese haben den Klimawandel verursacht.

Warum ist es aus wissenschaftlicher Sicht so wichtig, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen?
Auch die zwei Grad sind eine Prognose, ein Mittelwert und damit ein Kompromiss, um den Klimawandel und seine Folgen zumindest zu dämpfen. Seit 1900 ist die Temperatur global um durchschnittlich 0,8 Grad gestiegen. Irgendwo zwischen 1,5 und 2,5 Grad Erwärmung über dem jetzt erreichten Stadium beginnt das nicht mehr umkehrbare Abschmelzen des Grönland-Eises. Der Meeresspiegel würde um ein bis zwei Meter ansteigen, im schlimmsten Fall bis zu sieben Metern in mehreren Jahrhunderten. Das hätte wiederum negative Auswirkungen auf die besiedelten Küstenregionen. Wenn die Erde sich im Mittel um drei Grad erwärmt, ist das mit dem Temperaturanstieg zwischen einer Eiszeit und einer Zwischeneiszeit zu vergleichen, in der wir jetzt leben. Das waren knapp fünf Grad – in etwa 10.000 Jahren. Wir reden allerdings über drei Grad Erwärmung in zwei Jahrhunderten. Das ist die eigentliche Botschaft: Es geht viel zu schnell.

Und wir handeln zu langsam? Viele bezweifeln, dass in Kopenhagen ein grundlegendes Abkommen zustande kommt.
Es wird ein Abkommen geben, das ist sicher. Japan, die USA und Australien haben sich bisher nur wenig um den Klimaschutz gekümmert. Mittlerweile haben diese Länder Regierungen, die das Thema sehr ernst nehmen. Damit gibt es keine große Industrienation mehr, die bremst. Die Frage ist allerdings, wie lange die internationale Staatengemeinschaft brauchen wird, um das Kleingedruckte zu formulieren. Denn die Feinheiten werden nicht in Kopenhagen besprochen. Ich hoffe, dass es nicht so lange dauern wird wie beim Kyoto-Protokoll. Das wurde 1997 verabschiedet, 2005 trat es in Kraft.

Die USA, der damals größte Umweltsünder, haben das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert. Nun plant Amerika eine CO2-Minderung um 17 Prozent, allerdings gemessen am Stand von 2005. Der große Wurf ist das nicht, oder?
Richtig, das ist ein klägliches minus drei bis vier Prozent gemessen an 1990. Die Staaten der Europäischen Union haben sich dagegen verpflichtet, ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken.

Der Weltklimarat hat deutlich mehr gefordert, um die Zwei-Grad-Grenze zu erreichen. Sind die Angebote der USA daher nicht Augenwischerei?
Der Streit um das Jahr, auf das sich die Reduktionen beziehen, wird sicher auch in Kopenhagen weitergehen. Allerdings muss man bei dem Angebot der USA sehen, dass in Amerika unter der Regierung Bush fast ein Jahrzehnt lang der Klimawandel völlig ignoriert wurde. Daher ist es gut, wenn Obama in Kopenhagen überhaupt dabei ist. Verglichen mit seinem Vorgänger ist das fast phänomenal. Trotzdem befinden sich die USA in einem Dilemma. Das Ziel, das Obama für sein eigenes Land vorschlägt, ist dort höchst umstritten. Es ist noch nicht einmal sicher, ob er es durch den US-Kongress bringt, während es in Europa müde belächelt wird.

Auch China, der mittlerweile größte CO2-Luftverschmutzer, ist nicht gerade ein Klima-Musterschüler.
Das stimmt, der chinesische Treibhausgasausstoß wird den vor Kopenhagen veröffentlichten Zielen zufolge weiter wachsen - nur nicht mehr so schnell wie ursprünglich angenommen. Doch das, was an Klimaveränderungen sichtbar ist, ist nicht von China verursacht, sondern von uns Industrieländern.

Bei der Debatte um den Klimawandel wird immer zuerst der CO2-Ausstoß genannt. Haben wir das Problem gelöst, wenn wir diesen in den Griff bekommen?
Natürlich spielen auch andere Gase eine Rolle, zum Beispiel Methan. Doch das Kohlendioxid ist der wesentliche Faktor, da die ganze Industrie auf der Nutzung von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdöl und Erdgas aufbaut.

Klima ist eine langfristige Sache. Wenn wir heute etwas verändern und zum Beispiel den CO2-Anstieg bremsen, wann zeigen sich die Auswirkungen?
Von den Beschlüssen, die jetzt in Kopenhagen gefällt werden, würde man etwa in drei Jahrzehnten etwas sehen. Vorher nicht. Denn das, was die Natur in den kommenden Jahren zeigt, ist die Reaktion auf das, was wir bereits in der Vergangenheit verursacht haben.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich die zukünftigen Horrorszenarien vorzustellen. Warum nicht einfach weitermachen wie bisher, fragen sich einige – und darauf vertrauen, dass wir am Ende schon irgendwie mit den neuen Gegebenheiten zurecht kommen?
Will man wirklich hundert Millionen Flüchtlinge aus Afrika in Europa in Kauf nehmen? Ungefähr so viele werden ihre Lebensgrundlagen in den Trockengebieten der Welt verlieren. Das ist schlimmer als alles, was die Menschheit bisher erlebt hat. Verglichen mit der Anzahl an Menschen, die unter dem Klimawandel leiden werden, sind die weltweit von Kriegen Betroffenen wenig. Dabei trifft es vor allem die Armen. Die Erderwärmung produziert Ungerechtigkeiten auf dieser Welt in einem Maßstab wie wir sie bisher nicht gekannt haben: Die Industrienationen haben etwas verursacht, worunter vor allem andere leiden. Daher steht in Kopenhagen so viel auf dem Spiel, weil es darum geht, wie viele Millionen Menschen in naher und ferner Zukunft durch Nichthandeln geschädigt werden. Etwas von dieser Tragweite hat die Menschheit noch nie entschieden.

Welche Ziele müssen wir uns setzen?
Hundert Prozent erneuerbare Energien bis 2050. Das ist ganz einfach.

Es klingt eher nach einem ehrgeizigen Ziel.
Möglich wäre es. Würde der Staat die fossilen Energien nicht subventionieren, wäre zum Beispiel jetzt schon die Windenergie günstiger. Die erneuerbaren Energien werden sich durchsetzen, aber es braucht immer Jahrzehnte, bis der Wandel langsam in die Köpfe sickert, bis neue Politiker kommen und die Industrie umdenkt.

Und bis dahin werden wir am besten alle zu Vegetariern und tauschen die Glühbirnen gegen Energiesparlampen aus?
Energiesparlampen bringen aufs Ganze gesehen lächerlich wenig Reduktion. Es hilft zwar, aber die Beleuchtung macht nur zwei Prozent unseres Energieeinsatzes aus. Rund 30 Prozent brauchen wir zum Heizen. Also müssen wir da anfangen und zum Beispiel den Hausmännern und -frauen einmal beibringen, wie man richtig lüftet. Das allein würde schon fünf bis zehn Prozent der Heiz-Energie einsparen. Wer keinen Ökostrom bezieht, schädigt zudem das Klima und verlangsamt den Umbau. Allerdings ist erst einmal die Politik dran: Sie muss die Rahmenbedingungen so ändern, dass das normale Handeln klimaschützend wirkt. Wenn dann irgendwann die Mehrheit der Industrie kapiert hat, dass klimaschützendes Verhalten schwarze Zahlen bringt, dann brauchen sie keine Konferenzen wie Kopenhagen mehr.

Was passiert, wenn Kopenhagen scheitert?
Die nächsten zehn oder zwanzig Jahre wird keiner etwas merken. Erst in der weiter entfernten Zukunft wird sichtbar, welchen Schaden wir damit angerichtet haben. Aber dann ist es zu spät.

Lea Wolz