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Lebensmittel: Gentechnik im Supermarkt

Wenn zukünftig "Ohne Gentechnik" auf Eiern oder Käse steht, hat das Tier kein genverändertes Futter gefressen. Vitamine und andere Zusätze dürfen aber von veränderten Mikroorganismen stammen. Wo diese bei der Lebensmittelproduktion am Werk sind - und wieso auch Gentechnik-Kritiker sie schätzen.

Von Nina Bublitz

Der Bundestag hat eine neue Kennzeichnung für gentechnikfreie Produkte beschlossen. Im Februar muss der Bundesrat der Neuregelung noch zustimmen. Die Kennzeichnung "ohne Gentechnik" soll in Zukunft auf tierischen Erzeugnisse wie Milch, Fleisch, Eier und Käse stehen dürfen, wenn die Tiere kein genverändertes Futter erhalten haben. Erlaubt bleiben allerdings Zusätze wie Vitamine und Enzyme, die durch gentechnische Verfahren gewonnen wurden. Voraussetzung ist, dass es keine Alternativen gibt. Tatsächlich stecken nicht nur im Tierfutter, sondern auch in vielen Lebensmitteln Zusätze, bei deren Produktion die Gentechnik eine Rolle spielt.

95 Prozent des Vitamin C werden heute mithilfe der "weißen Gentechnik" hergestellt, schätzt Professor Klaus-Dieter Jany vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. "Die weiße Gentechnik spielt in der Lebensmittelherstellung eine große Rolle, das wird nur in Deutschland nicht thematisiert."

Einige weitere Beispiele: Zur Käseherstellung etwa verwendete man früher Lab aus Kälbermägen - heute produzieren Mikroorganismen die nötigen Enzyme. Mehr als 80 Prozent aller in der Lebensmittelherstellung genutzten Enzyme werden mithilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen erzeugt. "Die Produktion einiger Enzyme lässt sich konventionell kaum bewerkstelligen", sagt Jany. "Auch Aminosäuren, die Grundbausteine von Eiweißen, werden von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt." Um sich die Dimension klarzumachen: Im Jahr werden weltweit etwa 800.000 Tonnen Lysin produziert, der größte Teil von Mikroben.

Kein Unterschied zu bemerken

Im Supermarkt ist die Gentechnik also längst angekommen, allerdings nur indirekt. Weiße Gentechnik bedeutet, dass veränderte Mikroorganismen bestimmte Substanzen produzieren - Vitamine und Enzyme etwa. Die eingesetzten Mikroben sind nicht immer gentechnisch verändert- aber häufig. Die Bakterien, Pilze oder Hefen gelangen selbst nicht in die Lebensmittel, nur die Stoffe, die sie erzeugt haben. Aus diesem Grund müssen die Produkte auch nicht gekennzeichnet werden. Das im Bakterienbottich erzeugte Vitamin C unterscheidet sich nicht von dem aus der Zitrone gepressten oder chemisch synthetisierten.

Die Technologie spielt nicht nur bei der Herstellung von Lebensmitteln eine Rolle, sondern auch bei der Synthese von Arzneiwirkstoffen. In Zukunft wollen Forscher mittels weißer Gentechnik unter anderem Bakterien züchten, die zum Beispiel Ölteppiche auf dem Meer verspeisen oder Kunststoffe abbauen. Einige Wissenschaftler haben dafür ambitionierte Pläne -wie Genforscher Craig Venter, der ein komplett im Labor erzeugtes Bakterium herstellen will. Ein Bakteriengenom hat er bereits zusammengebaut - die lebendige Mikrobe gibt es indes noch nicht. Meist setzen Biotechnologen den Mikroorganismen einfach ein Gen ein, welches die Produktion des gewünschten Stoffes steuert, oder sie effizienter werden lässt.

Weniger Abfall

Die Vorteile der "weißen" Technologie in der heutigen Produktion liegen klar auf der Hand: Sie löst in vielen Fällen aufwendige chemische Prozesse ab, die nicht nur mehr Kosten verursacht haben, sondern auch die Umwelt stärker schädigten. Vitamin B2 wurde bis Anfang der 90er-Jahre in einem komplexen achtstufigen Verfahren chemisch synthetisiert. BASF entwickelte ein Verfahren, in dem der Pilz Ashbya gossypi das Vitamin direkt aus Pflanzenöl erzeugt. Dies soll die Abfälle um 95 Prozent reduziert haben, die Kohlendioxid-Emission um ein Drittel und den Rohstoffverbrauch um 60 Prozent. Dass damit auch die Produktionskosten sinken, versteht sich von selbst.

Laut Jany errechnete der Konzern Boehringer Mannheim (heute Roche Diagnostics) vor Jahren, wie der Einsatz einer gentechnisch veränderten Hefe die Herstellungskosten eines Medikamentenwirkstoffs reduzierte und die Umweltbilanz verbesserte. Die Produktionskosten sanken von 160.000 DM auf 9000, die produzierten Abfälle und Abwässer von 200 Tonnen auf 40. Und der Energieverbrauch der Produktion war um 80 Prozent geringer.

Geschlossenes System

Während die "grüne Gentechnik", die Veränderung von Pflanzen stark umstritten ist, schätzen auch deren Kritiker meist den Mikroben-Einsatz: "Die weiße Gentechnik ist weniger problematisch als die grüne, weil sie in einem geschlossenen System stattfindet und gut kontrolliert werden kann", sagt etwa Andreas Eickelkamp, Pressesprecher von Foodwatch. Die Organisation tritt für Verbraucherrechte und Transparenz des Lebensmittelmarkts ein. Eine "Ohne Gentechnik"-Kennzeichnung trotz des Einsatzes weißer Gentechnik sieht die Organisation daher nicht als Problem. "

Klaus-Dieter Jany kritisiert den Ansatz allerdings: "Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Hinweis 'Ohne Gentechnik' falsch, wenn bei der Produktion gentechnisch veränderte Mikroorganismen eingesetzt wurden", sagt der Biotechnologie-Experte. "Eine Kennzeichnung 'Ohne gentechnisch veränderte Pflanzen' oder 'Ohne gentechnisch veränderte Futtermittel' hätte ebenso einen Markt für gentechnikfreie Futterpflanzen geschaffen."