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Ostsee-Expedition: Krisensitzung auf hoher See

Auf der Ostsee untersuchen Kieler Forscher, wie das Plankton auf die immer saurer werdenen Meere reagiert. Sie und ihre gigantischen Mesokosmen müssen widrigstem Wetter trotzen. Fahrtleiter Ulf Riebesell meldet sich von Bord der "Alkor" bei stern.de.

Schon der Beginn unserer Fahrt war stürmisch: Wegen kräftiger Winde in der westlichen und südlichen Ostsee mussten wir am Sonntag sogar im Windschatten der dänischen Insel Bornholm Schutz zu suchen. Und als wir am Montag das Expeditiongebiet auf der Höhe von Danzig erreichten, standen die Wellen so hoch, dass wir die Mesokosmen nicht zu Wasser lassen konnten.

Das Forschungsschiff "Heincke" stieß am Nachmittag zu uns und mit ihr Wissenschaftler vom Institut für Ostseeforschung und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Unsere drei Institute und das Max-Planck-Institut für Atmosphärenchemie in Mainz arbeiten bei dem Mesokosmen-Experiment eng zusammen.

Nach Mitternacht erschöpft in die Koje

Am Dienstag konnten wir schließlich die Mesokosmen nahezu ohne Probleme zu Wasser lassen. Wie die Perlen an einer überdimensionierten Kette reihen sich die knallrot aus dem Wasser ragenden Auftriebskörper in einer 500 Meter langen Reihe auf, zwischen zwei Mesokosmen liegt ein Abstand von knapp hundert Metern.

Danach ließen wir die Schläuche herab, um zwanzig Meter lange Wassersäulen aus dem Meer zu stechen. Vier Taucher stellten sicher, dass die Schläuche korrekt verschlossen sind, so dass kein Wasseraustausch stattfinden kann. Auch dies verlief ohne Komplikationen. Noch am selben Tag nahmen wir die ersten Proben, um den Ausgangszustand vor der Anreicherung des Mesokosmenwassers mit Kohlendoxid zu dokumentieren.

Glücklicherweise spielte das Wetter mit: Bei Windstärken um 3 Bft war die Arbeit von den Schlauchbooten aus zwar mühsam, aber möglich. Irgendwann nach Mitternacht fielen wir erschöpft in die Kojen, mit dem Gefühl, einen guten Schritt vorangekommen zu sein.

Wellenalarm an den Mesokosmen

Das gute Gefühl verflog schnell, als wir am nächsten Morgen den ersten Blick auf die Ostsee warfen. Über Nacht hatte sich bei Windstärken zwischen 4 und 5 ein unerwartet hoher Seegang aufgebaut, bis 1,5 Meter hoch waren die Wellen. Die höchsten schwappten schon bis zum oberen Rand unserer Mesokosmenschläuche - ein halber Meter mehr und die Wellen würden Wasser in die Mesokosmen spülen.

Eigentlich hatten wir das Wasser in den Mesokosmen am Mittwoch mit Kohlendioxid anreichern wollen, aber in Anbetracht der unsicheren Wetterlage machte das wenig Sinn - zumal die Wettervorhersage für die Nacht noch einmal zunehmende Winde voraussagte.

In einer ad hoc einberufenen Krisensitzung auf "Heincke" berieten alle Wissenschaftler gemeinsam, wie wir dieser Situation begegnen können. Es gab Vorschläge, die Mesokosmenkonstruktion so anzupassen, dass sie Wind und Wellen besser widerstehen. Doch diese Ideen wurden schnell wieder verworfen: Technisch ist das hier an Bord nicht machbar oder aber nicht ausreichend, um den erwarteten Wellenhöhen zu trotzen. Am Ende blieb die Erkenntnis, dass es besser ist, mit der Natur zu leben, als sie bezwingen zu wollen.

Hält das Wetter für die CO2-Anreicherung?

Schnell haben wir nachreisende Kollegen in Warnemünde benachrichtigt: Sie sollen einige Reagenzien mitbringen. Wenn wir sie dem Wasser zugeben, werden sie es uns ermöglichen, den Austausch von Mesokosmenwasser durch überschwappende Wellen zu beziffern.

Gegen Mittag machte sich "Heincke" auf den Weg nach Gdingen, um die vier Taucher abzusetzen und die Warnemünder Wissenschaftler an Bord zu nehmen. Am Donnerstagmorgen wird "Heincke" wieder im Untersuchungsgebiet erwartet. Wenn es das Wetter zulässt, werden wir dann das Wasser mit Kohlendioxid anreichern. Im Moment, Mittwoch, 23.25 Uhr, hat sich die Ostsee beruhigt. Hoffentlich hält es sich Wetter noch bis morgen Mittag.

Bis Sonntag ist leider keine wesentliche Wetterbesserung in Sicht. So oder so, wir werden unser Bestes geben, das Experiment trotz der unerwartet widrigen Wetterverhältnisse fortzusetzen. Soweit der momentane Stand. Wir sind gespannt auf die nächsten Tage.