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STERN 30/2002: Gefährliche Attacken aus dem Unterholz

Sie sind eklig, heimtückisch - und bedrohlich: Verseuchte Zecken können lebensgefährliche Erreger übertragen. Die Risikoregionen werden immer größer.

Ein erwachsenes Weibchen trinkt bis zum 200Fachen seines Gewichts

Sechs Wochen lang quälte sich Reinhold Egger mit Kopf- und Gliederschmerzen, litt unter Fieberschüben und »einer Müdigkeit zum Umfallen«, aber der Hausarzt konnte nicht sagen, was ihm fehlte. Dann ging alles ganz schnell: Erst hörte der 54-Jährige ein seltsames Knistern in seinem Kopf. Kurz darauf konnte er zwei Finger der linken Hand nicht mehr bewegen. Einige Stunden später fiel Egger ins Koma. Als er nach acht Tagen Bewusstlosigkeit auf einer neurologischen Intensivstation erwachte, erfuhr der Österreicher, was ihn niedergestreckt hatte: die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Gehirnentzündung, ausgelöst durch einen Zeckenstich.

Die Spinnentiere lassen sich nicht - wie immer wieder behauptet wird - von Bäumen auf ihre Opfer fallen, sondern lauern im Unterholz, in halbhohen Büschen oder auf Grashalmen. Von dort aus orten sie ihre potenziellen Wirte durch minimale Wärmeschwankungen, Erschütterungen oder Schweißgeruch und klammern sich dann fest.

Von den Stichen selbst merken die Geschröpften meist nichts, weil der gemeine Holzbock beim Blutsaugen einen Cocktail aus schmerzstillenden Substanzen in die Wunde spritzt. Ein erwachsenes Weibchen trinkt so unbehelligt bis zum 200Fachen seines Gewichts und kann bis auf Bohnengröße anschwellen. Aber auch kleine, beißfreudige Jungtiere, die so genannten Nymphen, setzen dem Menschen schwer zu.

Gefährlich werden die Insekten durch die Erreger, die viele von ihnen übertragen: das Bakterium Borrelia burgdorferi sowie das FSME-Virus. FSME kommt vor allem in bestimmten Regionen Österreichs, Bayerns und Baden-Württembergs vor, aber die Bedrohung breitet sich aus: Im Juni dieses Jahres stufte das Berliner Robert-Koch-Institut neun süddeutsche Landkreise als neue »Risikogebiete« ein, weil dort vermehrt Erkrankungen registriert worden waren. Auch in Brandenburg, Hessen und Rheinland-Pfalz hat es bereits FSME-Fälle gegeben.

Drei bis sechs pro Jahr überleben die Infektion mit dem FSME-Virus nicht

Wissenschaftler räumen ein, dass in den Gefahrenzonen weitaus mehr Blutsauger von dem Erreger befallen sind, als man jahrelang angenommen hatte. »Bisher galt in den Risikogebieten: Je nach Entwicklungsstadium tragen bis zu drei Prozent der Tiere das Virus in sich«, sagt Jochen Süss, Zeckenexperte vom Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin. »Eine neue Untersuchung zeigt jedoch, dass bis zu zehn Prozent der Zecken, die bereits am Menschen gesogen haben, vom FSME-Erreger befallen sind.«

Ist das Virus einmal in den Körper eingedrungen, lassen sich lediglich die Symptome mildern. 30 Prozent der Betroffenen leiden unter Fieber, Kopfweh und Abgeschlagenheit, einer vermeintlichen Sommergrippe. Bei einem erheblichen Anteil entzünden sich die Hirnhäute, Teile des Gehirns oder des Rückenmarks - wie bei Reinhold Egger, der nach dem Koma lange weder sprechen noch schlucken konnte und wegen verschiedener Lähmungen im Rollstuhl gefahren werden musste. Immerhin: Nach eineinhalb Jahren Krankenhaus war das Zeckenopfer wieder fit, nur der linke Arm blieb dauerhaft geschädigt. Ein bis zwei Prozent der jährlich bis zu 300 FSME-Erkrankten in Deutschland überleben die Infektion nicht.

Dabei kann man sich gegen FSME per Impfung schützen. Wissenschaftler empfehlen inzwischen nicht mehr nur Bauern und Förstern in den gefährdeten Gefilden, sich immunisieren zu lassen, sondern auch Touristen und Einheimischen, die draußen unterwegs sind. In Österreich konnte die Erkrankungsrate durch Impfungen von 1000 auf unter 100 pro Jahr gesenkt werden. Meist werden die Kosten sogar von der Krankenkasse übernommen.

60.000 Menschen erkranken jährlich an Borreliose

Keine Prophylaxe gibt es gegen das zweite Leiden, das Zecken übertragen - die Lyme-Borreliose. In den USA wurde im Frühjahr dieses Jahres der einzige existierende Impfstoff wieder vom Markt genommen. Die Nachfrage sei zu gering, hieß die offizielle Begründung des Herstellers. Deutsche Forscher vermuten hingegen, dass das Unternehmen Angst vor Schadensersatzforderungen hatte, weil in 170 Fällen Gelenkentzündungen aufgetreten sind, angeblich eine Folge der Impfung.

Hierzulande erkranken nach Schätzungen jährlich 60.000 Menschen an Borreliose. In den deutschen Wäldern - nicht nur im Süden - trägt beinahe jeder dritte Blutsauger die korkenzieherförmigen Borrelien-Bakterien im Darm.

Zwar lässt sich der Erreger mit Antibiotika bekämpfen. Doch viele Patienten erinnern sich gar nicht mehr an den ungebetenen Gast, wenn Wochen später die Beschwerden beginnen. Und auch Labortests führen nicht immer zu eindeutigen Diagnosen. So bleibt als sicherstes Warnzeichen die so genannte Wanderröte: ein roter Ring oder Fleck, der sich etwa zwei Wochen nach der Zeckenattacke kreisförmig um die Einstichstelle herum ausbreitet. »Die Wanderröte ist nicht immer zu beobachten«, sagt Dieter Hassler, Allgemeinarzt und Zeckenspezialist aus dem baden-württembergischen Kraichtal, »aber immerhin in 60 bis 70 Prozent der Fälle.«

Bei Eva Steiger* aus Hamburg hatte niemand einen roten Fleck gesehen. Nach einem Ausflug fühlte sich die Achtjährige kränklich und tastete am Hinterkopf einen kleinen Hautknubbel, eine Zecke fand die Mutter beim Absuchen der Kopfhaut jedoch nicht. Sechs Wochen später bekam das Mädchen kurzzeitig Fieber und Kopfschmerzen, die Familie tippte auf eine Grippe.

* Name geändert

Die Borreliose gilt als Chamäleon der Medizin

Die Zwischenfälle waren schon beinahe vergessen, als es Eva einige Wochen später richtig schlecht ging: Sie hatte 40 Grad Fieber, weinte ununterbrochen, wand sich vor Kopfschmerzen und konnte ihren Rücken nicht mehr krumm machen. Als sie bereits in der Kinderklinik lag, fiel zusätzlich ein Gesichtsnerv aus, der linke Mundwinkel hing herunter. Die Untersuchung von Evas Blut und Rückenmarksflüssigkeit erbrachte eindeutige Hinweise auf Borreliose. Antibiotika, die das Mädchen bekam, halfen gegen die Schmerzen und das Fieber, doch der angegriffene Nerv blieb zunächst gelähmt. Erst viele Monate später, nach intensiver Krankengymnastik, konnte Eva wieder essen und trinken, ohne zu schlabbern.

Die Borreliose gilt als Chamäleon der Medizin, eine Krankheit, bei der unterschiedlichste Symptome auftreten können: Fieber, extremer Nachtschweiß, Schwindelattacken, unerträgliche Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen, heftiger Pulsschlag. Nach Wochen und Monaten befallen die Bakterien womöglich Herz, Augen oder Nervensystem, verursachen hartnäckige Lähmungen und Gelenkschmerzen oder nisten sich im Bindegewebe ein. Weil die Wanderröte nicht bei jedem auftritt und die Symptome in verschiedenen Kombinationen vorkommen, haben viele Gepeinigte eine Odyssee durch Praxen und Kliniken hinter sich, werden als Hypochonder abgestempelt - oder falsch behandelt.

Den Holzbock mit Kleber, Nagellack oder Öl zu betäuben, ist Unsinn

So sind Fehldiagnosen wie Gicht oder Rheuma keine Seltenheit. »Bei manchen Patienten mit akuter Borreliose der Nerven wird auch auf einen Bandscheibenvorfall getippt«, sagt Professor Reinhard Kaiser, Neurologe am Städtischen Klinikum Pforzheim. »Und es gibt Infizierte, die monatelang mit der Diagnose Multiple Sklerose im Rollstuhl saßen.« Sogar auf dem OP-Tisch landen Borrelien-Opfer, denen mit Medikamenten hätte geholfen werden können: Bei Patienten mit Rhythmusstörungen bauten Mediziner Herzschrittmacher ein; ein Mann stand schon auf der Liste für eine Herztransplantation.

Solange es keine Impfung gibt, ist die sinnvollste Borreliose-Vorbeugung die schnelle und fachkundige Entfernung von Zecken nach dem Stich - und das scheinen mehr und mehr Menschen zu wissen. »Früher habe ich pro Jahr 30 Patienten von den Tieren befreit, inzwischen sind es jährlich über 300«, sagt Dieter Hassler. Der Arzt hebelt die Schmarotzer mit einem Skalpell aus der Haut, denn »gerade für die Nymphen finde ich die Zeckenzangen zu grob, damit werden sie beim Rausziehen eher leer gequetscht«. Wer selbst Hand anlegen will, sollte darauf achten, den Parasiten gerade und vollständig, also samt seinem mit Widerhaken besetzten Stechapparat, herauszuziehen. Den Holzbock mit Kleber, Nagellack oder Öl zu betäuben, ist Unsinn - denn dann speit der gestresste Mini-Vampir im Todeskampf sein Sekret in die Wunde.

Anika Geisler