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Tierbabys: Die neuen Kinderstars

Knut, der Eisbär, war der Anfang. Jetzt kommt die nächste Generation von Tierbabys ins Außengehege, und die Zoos erwarten Besuchermassen. Was finden wir bloß so faszinierend am vierbeinigen Nachwuchs?

Von Nicolas Büchse, Werner Mathes

Mit 25 000 Besuchern hatten sie gerechnet. Rund um den Zoo 1500 zusätzliche Parkplätze mit ausgetüfteltem Verkehrsleitsystem angelegt und am Eingang weitere Kassen eingerichtet. Hatten eine Tribüne mit über 500 Stehplätzen aufgestellt, die von eigens dafür angeheuerten Ordnern im 15-Minuten-Takt geräumt und wieder aufgefüllt werden sollte. Tags zuvor waren noch über 400 Journalisten aus vieler Herren Länder dagewesen, hatten zahlreiche Fernsehsender Livebilder aus dem Gehege in alle Welt übertragen. Und dann das. Gerade mal knapp 2000 Besucher kamen in den Nürnberger Tiergarten, um am Mittwoch vergangener Woche das vier Monate alte und 21 Kilogramm schwere Eisbärbaby Flocke zu sehen. "Flocke ist ein Flop", freute sich der "Tagesspiegel". Musste er auch. Denn das Blatt erscheint in Berlin, und hier regiert Knut. Am Wochenende war dann aber Ruhe, denn Flocke lockte 13 000 Menschen vors Gehege - Rekord.

Knut, mit dem vor über einem Jahr alles anfing, hat inzwischen reichlich Konkurrenz bekommen. Da ist Flocke aus Nürnberg. Da ist Fu Long, das Pandabärenbaby aus dem Wiener Zoo. Wilbär, der kleine Eisbär aus der Stuttgarter Wilhelma, der im Dezember des vergangenen Jahres zur Welt kam. Und in Wuppertal schwingt Tamo seinen kleinen Rüssel - allein 10.000 zahlende Zuschauer reisten an einem grauen Februarsonntag an, um einen Blick auf den jungen Elefanten zu werfen. "Das ist alles unglaublich", sagt staunend Zoodirektor Ulrich Schürer. Unglaublich war schon Knuts Karriere, der am 5. Dezember 2006 geboren wurde. Seine Mutter verstieß ihn und seinen Bruder gleich nach der Niederkunft. Während das Brüderchen starb, wurde Knut, der da noch 810 Gramm wog, von Thomas Dörflein betreut, einem freakigen Tierpfleger mit zum Schwanz gebundenen langen Haaren und sauber gestutztem Bart. Der zog mit Matratze und seinem schneeweißen Zögling in den warmen Stall, gab ihm alle zwei Stunden die Flasche und spielte ihm auf der Gitarre Songs von Elvis vor.

Das ganz große Drama

Draußen forderten derweil Tierschützer den Tod des kleinen Knut - weil die Handaufzucht nicht artgerecht, sondern ein grober Verstoß gegen das Tierschutzgesetz sei. Was immer mehr Knut-Fans auf die Barrikaden und in den Zoo trieb. Und welch ein Plot! Das verstoßene Baby. Eine barbarische Mutter. Das tote Zwillingsbrüderchen. Ein liebevoller Adoptivvater. Und draußen zu allem entschlossene Fanatiker, die dem possierlichen Säugling ans Fell wollen. Alles rührende Ingredienzien für das ganz große Drama. Der Zoologische Garten Berlin machte damit Millionen und verdient immer noch daran. "The Cute Knut", der süße Knut, wie er in der Weltpresse genannt wurde, traf zielgenau den Nerv der Zeit und wurde zum Medienphänomen - auch wenn nüchterne Zeitgenossen gleich vorrechneten, dass allein in Deutschland seit 1980 rund 70 Eisbären geworfen und aufgezogen worden sind, weitgehend unbeachtet von Presse und Öffentlichkeit.

Was, um alles in der Welt, fasziniert uns so an Knut, Flocke, Fu Long, Wilbär oder Tamo? "Kindchenschema" nennen Psychologen die Kopfform, die so verzaubert: hohe Stirn, kleine Ohren, Stupsnase und diese hinreißenden Knopfaugen mit unschuldigem Blick. So sehen auch Kleinkinder aus, und deshalb lösen sie in uns einen automatischen Schutzreflex aus. Biologisch ist das durchaus sinnvoll, weil dieser Reflex der eigenen Arterhaltung dient. Und weil es so einfach ist, lassen wir uns dazu verleiten, im kleinen Tier auch ein Stück von uns selbst zu sehen - ein Kind, für das wir fühlen, das uns ans Herz geht. Das aber nachts nicht schreit und uns nicht aus dem Bett holt, nicht quengelt und uns rund um die Uhr auf Trab hält. Bei Knut und Konsorten greift neben dem Kindchenschema der Teddy-Faktor.

Bedürfnis an kindlicher Emotion

Mit dem Teddy sind wir als Kinder ins Bett gegangen und in den Urlaub gefahren, der Teddy war, als wir noch so klein waren wie Flocke und Wilbär, unser bester Freund. Jetzt haben wir ihn plötzlich leibhaftig vor uns. Nicht Steiff und leblos wie damals, sondern munter, verspielt, frech. Und dann noch ganz in Weiß. "Bei Eisbären wird die Wirkung noch durch das weiße Fell als Zeichen der Unschuld verstärkt", sagt der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin. Für den Rummel um Knut & Co vermuten forsche Fachleute sogar die wachsende Kinderlosigkeit als Ursache. Von der Mutter verstoßene Tierbabys weckten "ein ungeheures Bedürfnis an kindlicher Emotion", sagt der Nürnberger Psychoanalytiker Jörg Wiesse. Die kleinen Knuffis träfen in unserer unterkühlten Gesellschaft auf ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit.

Sicherheit, die ein veritabler Eisbär kaum mehr vermitteln kann. Beispiel Knut. Aus dem drolligen Petz ist inzwischen ein postpubertärer Brocken geworden, der drei Zentner auf die Waage bringt und täglich drei Kilo Gemüse, Fleisch und rohen Fisch frisst - zum Entsetzen der Zoobesucher neulich auch mal lebende Karpfen. Heute würde Knut, dessen Fell im Schlammbett immer wieder die weiße Unschuld verliert, wahrscheinlich auch über seinen ehemaligen Pfleger Dörflein herfallen. Dass der ihm noch vor ein paar Monaten was auf der Gitarre gezupft hat, zählt für den ausgewachsenen Ursus maritimus, wie der Eisbär wissenschaftlich heißt, nicht mehr. Auch Knut ist eben nur ein Raubtier. So weit ist Flocke noch nicht. Das Bärenmädchen aus Nürnberg wird aber ihrem Berliner Artgenossen schon noch die Schau stehlen. Bereits die Namensfindung brachte es in die Top-Nachrichten deutscher Fernsehsender. Das lief bei Knut noch in aller Stille. Sein Pfleger gab ihm damals heimlich den Namen. "Weil er aussieht wie ein Knut", so Thomas Dörflein, "hab ich ihn auch so genannt." Aha.

Die Realität sieht anders aus

"Ich versuche es positiv zu sehen", sagt Helmut Mägdefrau, der stellvertretende Direktor des Nürnberger Tiergartens, "weil es schon beruhigend ist, in einem Land zu leben, das es sich leisten kann, lang und breit über den Schnupfen eines kleinen Eisbären zu diskutieren." Sein Chef Dag Encke berichtet von postnatalen Pressekonferenzen, in denen es stets um die gleichen Fragen gegangen sei: "Wie viel hat Flocke gefressen, wie viel hat Flocke geschissen? Das hatte schon einen satirischen Charakter." Doch so richtig zum Lachen fand Direktor Encke das alles nicht: "Es geht ja schon lange nicht mehr um das Tier, sondern um das Bild vom Tier - das ist ein Unterschied." Und sein Kollege Helmut Mägdefrau assistiert: "Zoos sind eben keine Bambi-Welt." In der Tat. In den Zoos wird die mitunter grausame Natur zwar nur simuliert, aber auch dort geht es um Leben und Tod. Indes nicht so oft. Unter natürlichen Bedingungen überlebt zum Beispiel nur jedes fünfte Tigerbaby. Die anderen werden verstoßen, sie verhungern oder sind leichte Beute für gefräßige Hyänen.

Anders im unzäunten und geschützten Zoo. "Warum sind Sie so herzlos, Herr Zoodirektor?", fragte im Januar eine Boulevardzeitung, als man in Nürnberg zögerte, die da noch namenlose Flocke von ihrer Rabenmutter zu trennen. Die hatte, wie Knuts Mama, ihr Neugeborenes nicht angenommen. Der öffentliche Druck war groß, doch der Zoo griff erst ein, als die Mutter ihr Neugeborenes mehrfach fallen ließ. "Das Verhalten der Mutter war bis zu diesem Zeitpunkt ganz normal", sagt Helmut Mägdefrau. "Die Tiere haben eben keine Schwangerschaftsberatung, keine Hebamme, keine Stillgruppe." Dafür aber jede Menge Verhütungsmittel. Denn Zootiere pflanzen sich normalerweise eifrig fort, ihre Nachkommen gedeihen prächtig, und sie leben in menschlicher Obhut deutlich länger als in freier Wildbahn. Kein Feind bedroht sie. Wenn sie krank sind, hilft der Tierarzt. Und weil sie auch noch große artgerechte Freigehege brauchen, wird es eng in unseren zoologischen Gärten.

Abwechslung im monotonen Gehegeleben

Eine Lösung des Problems hält Michael Flügger, Tierarzt im Hamburger Tierpark Hagenbeck, in der Hand. Fünf Zentimeter lang ist die gelbliche Kapsel, die er gerade aus dem Kühlschrank geholt hat. "So ein Hormonpräparat zur Schwangerschaftsverhütung, das wir Löwinnen einpflanzen, wirkt zwei Jahre lang." Für Orang Utans und Leoparden tun es handelsübliche Antibabypillen aus der Apotheke, für tonnenschwere Flusspferdweibchen tun sie’s nicht. Die bekommen Pillen von der Größe eines Briketts ins Maul gesteckt. "Manchmal ist es auch einfach besser, Tiere Nachkommen zeugen zu lassen und die dann schmerz- und angstfrei zu töten, bevor sie geschlechtsreif werden", sagt Helmut Mägdefrau. Warum nicht gleich nach der Geburt? Die Aufzucht, kontert Mägdefrau, sei Teil einer artgerechten Haltung und bringe Abwechslung ins ansonsten monotone Gehegeleben.

Seit ein paar Jahren werden in Nürnberg überzählige Antilopenhirsche, Bisons und Büffel eingeschläfert und an Raubkatzen verfüttert - wenn auch nicht am helllichten Sonntag. Tröstlich, dass es auch noch eine andere Möglichkeit gibt - immer wieder nämlich gelingt es, Zootiere in ihren ursprünglichen Lebensräumen auszuwildern. Vorerst braucht Flocke weder Einschläferung noch Auswilderung zu fürchten. 13.000 Besucher an einem Wochenende, das schafft so schnell keiner. Und wenn die Sonne scheint und es wärmer wird, werden es wahrscheinlich noch mehr. Wenigstens so lange, bis Flocke das wird, was Knut in Berlin schon ist: ein ganz normaler Eisbär.

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