HOME

Verhaltensforschung: Schimpansen vergrößern ihr Revier mit Gewalt

Schimpansen rotten sich zu schlagkräftigen Gangs zusammen und greifen benachbarte Gruppen an. Dabei haben die Primaten ein Ziel, wie Wissenschaftler herausgefunden haben: Sie wollen ihr Territorium vergrößern. Um das zu erreichen, töten sie sogar die Wehrlosesten.

Für ein größeres Stammesterritorium töten Schimpansen ihre Artgenossen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universität Michigan, die zehn Jahre lang in Uganda untersuchten, warum sich die Menschenaffen gegenseitig umbringen. "Schimpansen töten einander. Sie töten ihre Nachbarn. Bisher wussten wir nur noch nicht, warum", erläuterte John Mitani in einem am Dienstag in der Zeitschrift "Current Biology" veröffentlichten Beitrag.

Forscher vermuteten schon länger, dass gewaltbereite Schimpansen Mitglieder anderer Gruppen ermorden, um ihren Lebensraum zu erweitern. Zwar hatten früher schon andere Wissenschaftler von Gewaltexzessen zwischen konkurrierenden Gruppen berichtet, darunter die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall. Aber alle hatten den Schimpansen Futter gegeben, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Dies könne das Verhalten der Tiere beeinflusst haben, bemängelten Kritiker bislang. Dieser Einwand, so glaubt Kevin Langergraber vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sei mit der neuen Studie vom Tisch. "Die Ngogo-Schimpansen wurden nicht von Menschen gefüttert", sagt der Primatenforscher. "Das dürfte die Kritik verstummen lassen, solches Verhalten sei unnatürlich."

Sogar Säugline getötet

Mitani und sein Kollege David Watts von der Yale Universität beobachten über zehn Jahre eine Schimpansengruppe im Kibale Nationalpark in Uganda. Innerhalb von zehn Jahren hatte die 150 Tiere starke Gruppe 21 Schimpansen anderer Familien getötet, darunter 13 aus einer Gruppe in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Für die Überfälle organisieren sich die Schimpansen zu einer schlagkräftigen Truppe, die zu Patrouillen in das Gebiet der benachbarten Gruppe eindringt. In einem typischen Fall beobachteten die Forscher, wie sich 27 Männchen und ein Weibchen für einen Streifzug in feindliches Gebiet zu einer Gruppe verbündeten. Nach zwei Stunden trafen die Schimpansen auf Weibchen der benachbarten Gemeinschaft. Sofort nach der Entdeckung attackierten die Männchen der Patrouille die weiblichen Affen, von denen zwei Säuglinge mit sich trugen. Die Angreifer töteten schnell eines der Kinder und kämpften dann 30 Minuten lang, um das zweite Jungtier von seiner Mutter zu trennen. Weil sie dabei erfolglos waren, nahmen sie Mutter und Kind gefangen und rasteten für eine Stunde, bis sie erneut zum Angriff übergingen. Die Forscher sind der Ansicht, dass sich die Angriffe nach kurzer Zeit auf die Säuglinge konzentrieren, da sie ein leichteres Ziel als ausgewachsene Tiere darstellen. Bei den meisten der dokumentierten Attacken im Kibale-Nationalpark wurden auch Affensäuglinge getötet.

Feindliche Übernahme

Im Sommer 2009 begannen die Primaten schließlich damit, das von der Nachbarhorde verlassene Gebiet zu nutzen. Sie durchstreifen die eroberte Region und verhielten sich dabei wie im eigenen Territorium: Sie pflegten ihre sozialen Kontakte und fraßen sich an ihren Lieblingsfrüchten und -nüssen satt. "Wir gehen daher von einem direkten Zusammenhang zwischen der tödlichen Gruppengewalt und der Erweiterung des Territoriums aus", sagte Mitani.

Auch wenn solche Gewaltexzessen an menschliche Aggressionen erinnern, bezweifelt Mitani, dass seine Beobachtung als Parallele zu menschlichen Kriegszügen taugt. "Krieg im menschlichen Sinne findet aus vielen verschiedenen Gründen statt", sagt Mitani. "Ich glaube nicht, dass es dabei um das Gleiche geht." Stattdessen zeige das Affenverhalten, was den Homo sapiens so einzigartig mache: Im Gegensatz zu anderen Spezies sei der Mensch gewöhnlich extrem kooperativ.

Max-Planck-Forscher Langergraber sieht dennoch Parallelen zwischen dem Verhalten des Menschen und dem der Schimpansen. "Bei diesen Aggressionen zwischen Gruppen ging es im Grunde genommen um Ressourcen", sagt er. "Auch wenn Menschen aus vielen anderen und oft komplexeren Gründen streiten, kann man dies als Bausteine menschlichen Verhaltens betrachten."

lea/DPA/APN/DDP / DPA