Waldbrände "Nach der Entzündung bleiben 30 Minuten"


Griechenland ist vom Feuer verwüstet - doch die Landschaft wird sich erholen, sagt der Feuerökologe Christophe Neff. Im stern.de-Interview spricht er über Ursachen und Folgen der verheerenden Brände und den Einfluss des Klimawandels.

Herr Neff, wie schätzen Sie als Feuerökologe die Brände in Griechenland ein?

Tatsächlich sind die derzeitigen Flächenbrände in Griechenland außergewöhnlich groß. Aber dass es brennt, ist grundsätzlich nicht verwunderlich: Im Mittelmeerraum wird Biomasse vor allem über Waldbrände abgebaut. Bei uns vermodern Laub, totes Holz, abgestorbene Pflanzen - im Mittelmeerraum fehlt dafür die Feuchtigkeit. Wenn es in den Jahren zuvor selten gebrannt hat, häuft sich mehr und mehr Biomasse an und es kommt zu Großbränden.

Was kann man tun, um das zu verhindern?

Viele Experten meinen, dass kontrolliertes Feuer sinnvoll sein kann, um Wälder und Buschlandschaften zu säubern. Aber dieses Verfahren sollte man nur in Gegenden anwenden, die nicht so dicht besiedelt sind, und außerdem braucht man eine hoch professionelle Feuerwehr, falls die Brände außer Kontrolle geraten. Für Griechenland würde ich das weniger empfehlen.

Welche Alternativen haben die Griechen dann?

Sie sollten Geld investieren für eine professionelle Feuerwehr, Luftraum-Überwachung und amphibische Löschflugzeuge. Außerdem brauchen sie eine intelligente Wald- und Flächen-Bewirtschaftung, damit sich nicht zu viel Biomasse ansammelt. Möglich ist etwa, die Biomasse zu nutzen, um Biodiesel herzustellen.

Kennt die Wissenschaft Gegenmaßnahmen, wenn ein derart verheerender Brand erst einmal ausgebrochen ist?

Wenn es erst einmal so weit ist wie jetzt in Griechenland, dann ist schlicht die Feuerwehr gefordert. Nach der Entzündung bleiben 30 Minuten, um den Brand zu entdecken und ihn einzudämmen. Deshalb ist Luftraum-Überwachung so wichtig.

Inwiefern hängen Klimawandel und Waldbrandgefahr zusammen?

Wenn es wärmer wird, entzündet sich die Biomasse leichter. Daher steigt die Gefahr für Waldbrände. Doch bisher sieht es nicht so aus, als sei der Mittelmeerraum überproportional von Temperaturveränderungen betroffen. Die Brände der letzten Jahre lassen sich also nicht mit dem Klimawandel erklären. Der Klimawandel wird aber in der Zukunft die relativ hohe Feueranfälligkeit des Mittelmeerraumes noch erhöhen.

Wo liegen denn dann die Gründe für die Brände der letzten Jahre?

Es liegt vor allem daran, dass es immer mehr Grün gibt, immer mehr Biomasse. Die traditionelle Bewirtschaftung der ländlichen Flächen lohnt sich ökonomisch nicht mehr, daher wandern viele Leute ab in die Ballungsräume, das Land liegt brach und verbuscht.

Und dann kommen die Touristen und machen Lagerfeuer...

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Kalifornisation: Der Mensch als wirtschaftender Mensch zieht sich aus der Fläche zurück, aber Touristen und soziale Aufsteiger dringen in eben diese Gebiete vor - weil es dort so schön ist und so grün. Das Umweltverhalten, das Sie ansprechen, ist nur eines der Probleme. Da die Feuerwehr den Auftrag hat, zu allererst Menschenleben zu retten, können im Brandfall keine einheitlichen Fronten zur Feuerabwehr gebildet werden. Stattdessen konzentriert sich die Feuerwehr darauf, die Häuser in den Wäldern zu schützen.

UN-Umweltkommissar Dimas fürchtet, dass es nach den Bränden nun zu Überschwemmungen kommen könnte: Der verbrannte Boden sei so trocken, dass das Regenwasser nicht versickern könne. Wie sehen Sie das?

Im Mittelmeerraum fallen im Herbst stets die stärksten Niederschläge, daher kommt es unabhängig von Bränden immer wieder zu Überschwemmungen. Viel gefährlicher sind aber die Bergrutsche, die ausgelöst werden können, wenn in den Gebieten überproportional viel Starkregen fällt.

Kann es solch verheerende Brände auch in Deutschland geben?

Anders als im Mittelmeerraum besagen tatsächlich fast alle Studien, dass der Klimawandel die bisher mäßige Waldbrandgefahr für Deutschland merklich erhöht. Man geht davon aus, dass trockene Sommer und auch Trockengewitter zunehmen werden. Im Hitzesommer 2003 etwa gab es zehnmal so viele durch Blitzschlag ausgelöste Waldbrände wie in anderen Jahren. Vermutlich wird der Klimawandel die Waldbrand-Häufigkeit in Mitteleuropa stärker erhöhen als im Mittelmeerraum.

Einige Experten befürchten die Versteppung der vom Brand verwüsteten Gebiete. Teilen Sie diese Angst?

Sicher, die Bilder, die uns aus Griechenland erreichen, sehen schlimm aus. Für die Menschen, die dort leben, ist es zweifellos eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes. Aber die Buschwälder werden sich in fünf bis zehn Jahren erholt haben - der Mittelmeerraum ist eine Feuerlandschaft, das Ökosystem hervorragend an Feuerereignisse angepasst. Die Region braucht das Feuer sogar: Es säubert die Wälder von abgestorbenen Pflanzen und schafft dadurch Platz, damit neue Pflanzen wachsen können. Wir müssen also keineswegs befürchten, dass wir übermorgen die Sahara in Griechenland haben.

Der Geograf und Feuerökologe Christophe Neff arbeitet am Institut für Geografie und Geoökologie der Universität Karlsruhe. Sein Forschungsschwerpunkt sind Feuer in mediterranen Ökosystemen

Interview: Angelika Unger

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