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Weltbienentag: Wie sieht unsere Welt ohne Bienen aus?

Zum Weltbienentag: Menschen, die in Bäumen hocken und Blüten mit der Hand bestäuben und Bienenstöcke, die in Lastwagen durch das Land gefahren werden – wie sieht eine Welt aus, die sich durch das Ableben der Bienen rasant verändert?

Wie sieht unsere Welt ohne Bienen aus?

Wie sieht unsere Welt ohne Bienen aus?

Getty Images

Der Tag beginnt früh für Arbeiterin Tao, die ihre Schutzkleidung anzieht und von einem der Busse zu den Feldern gebracht wird. Die Sitze sind voll, zierliche Frauen sehen geradeaus, der Blick aus dem Fenster ist der gleiche wie an jedem Tag. Als der Bus hält, steigen sie aus und verteilen sich in alle Himmelsrichtungen. Ein Aufseher weist Tao einen der Bäume zu, bevor sie mit geübten, schnellen Bewegungen in seine Äste steigt. Ein Zweig knackt bedrohlich, der Aufseher sieht drohend in ihre Richtung. In einer Hand trägt sie eine Schale mit Pollen, in der anderen einen feinen Pinsel, mit dem sie die Blüten der Bäume bestäubt. Wenn die erste Pfeife ertönt, dürfen die Arbeiterinnen für eine halbe Stunde herunterkommen, um zu essen. Dann steigen sie wieder in die Äste, bis zum Abend, jeden Tag. Die Bäume reichen weiter als das Auge, es gibt keine freien Tage, es gibt nur diese Welt und die eine Stunde am Abend, die Tao mit ihrem Sohn verbringen kann. 


Hintergrund: Weltbienentag

Seit 2018 wird jährlich der Weltbienentag am 20. Mai begangen. Der Vorschlag kam von Slowenien und wurde von den Vereinten Nationen akzeptiert. Das Datum markiert den Geburtstag von Anton Janša. Der Slowene gilt als Wegbereiter der modernen Imkerei. 


Das Szenario, das Maja Lunde in ihrem Roman "Die Geschichte der Bienen" entwirft, ist düster. Sie erzählt von riesigen Obstbaumplantagen in China im Jahr 2098 und von nicht minder großen Arbeiterstätten, in denen Frauen und ihre Familien in kleinen Appartements leben, von dem wenigen Lohn, den sie mit der Bestäubung verdienen. Es gibt keine Bienen mehr, die ihre Arbeit übernehmen könnten.

Die Utopie, die keine mehr ist

Im vergangenen Jahr sorgte das Erstlingswerk der norwegischen Autorin für mächtig Furore und hauchte der bereits stattfindenden Debatte um das Bienensterben neues Leben ein. In diesen Tagen erinnert sich vielleicht der ein oder andere an ihre Worte, die im Lichte des kürzlich veröffentlichten UN-Berichts zur Artenvielfalt gar nicht mehr so utopisch wirken.

Alleine in Deutschland gilt die Hälfte des Wildbienen-Bestands als gefährdet, in China haben sich die Bienen durch den Einsatz von Pestiziden inzwischen soweit dezimiert, dass vielerorts schon per Hand bestäubt wird. Kein Gedankenspiel mehr, sondern Realität. Realität ist auch, dass Imker in den USA ihre Bienen in Lkws durch das ganze Land fahren zu den Bauern, die sie für eine kurze Zeit gemietet haben. Dann bestäuben sie dort die Pflanzen und werden wieder aufgeladen, zurück auf den Highway, zur nächsten bienenarmen Gegend. Die Imker bewachen ihre Schützlinge mit Argusaugen, sie fürchten das Phänomen "Colony Collapse Disorder" (kurz CCD), das in den USA das plötzliche Sterben ganzer Bienenvölker benennt.  

Die Geschichte der Bienen ist eine Geschichte von Zusammenhängen, von dem Leim, der das große Ganze zusammenhält. 90 Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion bestehen aus Pflanzen, 71 Prozent von ihnen sind auf die Bestäubung von Bienen angewiesen. Wie sieht eine Welt aus, in der Bienen nicht mehr existieren?

Mit den Bienen sterben die Pflanzen

Das Bestäuben per Hand ist zeitaufwendig, arbeitsintensiv und kostspielig. Je mehr Plantagen durch Menschen bestäubt werden, desto teurer werden die Früchte.

Einfache Lebensmittel wie Äpfel, Himbeeren, Tomaten und Nüsse geraten zu Luxusartikeln, die nicht mehr flächendeckend angeboten werden. 

Forscher der Harvard-T.H.-Chan-Hochschule für Gesundheitswesen in Boston kamen bereits vor vier Jahren zu dem Schluss, dass das Aussterben der Bienen zu jährlich 1,4 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen würde, weil die Ernteausfälle einen Mangel an Vitamin A und Vitamin B sowie die Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einigen Krebsarten befeuerten. 

Gallionsfigur eines erkrankten Systems

Während Menschen allerdings noch auf Vitaminpräparate, Ärzte und Medikamente zurückgreifen können, bleibt anderen Pflanzenfressern "nur" die Natur. Die Population der Tierarten geht schon jetzt deutlich zurück, weil viele Tiere nicht genug Futter finden. Zur Erinnerung: Bienen bestäuben 80 Prozent unserer Nutz- und Wildpflanzen. Der UN-Bericht aus Paris geht von einer Million Arten aus, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht sein werden. Schon jetzt sind neun Prozent aller Nutztierrassen ausgestorben. 

Die Biene ist zur Gallionsfigur dieser Entwicklung geworden, weil sie eine Schlüsselfunktion in unserem Ökosystem erfüllt. Es geht nicht um die aussterbende Riesenschildkröte, die fehlenden Blumen auf dem Kaffeetisch, den Vitaminmangel oder die Arbeiter, die zu Niedriglöhnen Pflanzen bestäuben. Sie sind nur Symptome eines erkrankten Systems. Wenn mit den Bienen 80 Prozent unserer Pflanzen sterben, stattdessen ein Heer aus Menschen in Schutzanzügen durch die Äste huscht und wir Pflanzen und Futter schon für die Tierwelt künstlich erzeugen müssen, will man das Jahr 2098 da noch erleben?

Quellen: Medizinisches Fachmagazin "The Lancet", Greenpeace, FONA - Forschung für nachhaltige Entwicklung, United Nations, "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde (btb Verlag), "World Bee Day"

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