HOME

Zoologie: Bienen als Minen-Spürhunde

Ohne Frage, Honigbienen sind nützliche Tierchen. Doch sie sorgen nicht nur für den süßen Brotaufstrich, sondern können auch Landminen aufspüren.

Honigbienen sollen Menschen in aller Welt von der lebensgefährlichen Plage der Millionen Landminen befreien. Denn die gemeine Biene ist nach Ansicht renommierter Wissenschaftler beim Aufspüren der todbringenden Minen effektiver als teure Suchgeräte und sensible Schnüffelhunde. Im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums in Washington haben die Biologen Jerry Bromenshenk und Colin Henderson von der Universität Montana die unglaublichen Möglichkeiten der kleinen Insekten erforscht.

Zu den großen Vorteilen der Biene gehört, dass sie großflächig Gebiete durchkämmen kann und zudem ihre segensreiche Kunst in gerade mal zwei Tagen erlernt. Hunde brauchen mindestens ein halbes Jahr, um für die Spürkommandos einsatzfähig zu sein.

Billige Bienen, teure Hunde

Zudem sind Bienen billig, Hunde teuer. Die durchschnittlichen Gesamtkosten für die Beseitigung einer Landmine in Afghanistan, die im Verkauf gerade mal drei Dollar (etwa 2,40 Euro) kostet, wird von den Vereinten Nationen (UN) mit 10 000 Dollar angegeben. Einen besonders hohen Anteil an den Kosten muss für Training und Unterhalt der Hunde aufgebracht werden.

Die Forscher in Montana müssen allerdings zugeben, dass ihr Bienen-Spezialisierungs-Programm noch nicht ganz ausgereift ist. Dabei wäre weltweit ein kostengünstiges Konzept zur Beseitigung der Landminen hochwillkommen. "Wir haben es eilig", betont Bromenshenk. "Jeden Tag, an dem sich dieses Projekt verzögert, werden Menschen durch Landminen umkommen".

Jährlich 20 000 Tote

Die UN schätzt, dass in mindestens 70 Ländern insgesamt 110 Millionen Landminen vergraben sind. Etwa 20 000 Menschen werden UN- Angaben zufolge jährlich von Landminen getötet oder verletzt. Laut einer Hochrechnung des angesehenen Forschungsinstitut RAND in Santa Monica (US-Bundesstaat Kalifornien) könnte es bis zu 450 Jahren dauern, bis alle Landminen gefunden und entschärft werden, optimistisch vorausgesetzt, es würden keine neuen Minen gelegt werden.

Erstmals wurden die Fähigkeiten der geschulten Bienen im August 2003 auf einem Minen-Testfeld des US-Militärs im Bundesstaat Missouri erprobt. Über 90 Prozent aller Minen seien von den Insekten gefunden worden, hieß es.

Bienen halten Minen für Nahrung

Das Konzept basiert auf der 80 Jahre alten Konditionierungs-Theorie Ivan Pawlows. Den Bienen bringt man bei, gewisse Gerüche - wie zum Beispiel Sprengstoff - mit Nahrungsquellen zu assoziieren. Wenn sie sich dann auf einen ihrer zahlreichen Nahrungsflüge machen, versammeln sie sich am geruchsintensivsten Ort. Ein Lasersystem erfasst ihre Bewegungen und Reaktionen und erstellt eine entsprechende Karte mit den mutmaßlichen Standorten der Landminen.

Weitere Tests sind trotz des anfänglichen Erfolges nötig, unterstreichen die Wissenschaftler. Auch das Lasersystem müsse noch verbessert werden. Deshalb schätzt Henderson, dass es noch zwei Jahre dauern werde, bis Bienen an einem realen Entminungs-Projekt mitwirken können. Für ihre Suchaktionen wollen die Wissenschaftler lokale Bienenvölker einsetzen, um keine fremden Organismen in andere Länder einzuschleppen.

Bromenshenk und Henderson wurden vor vier Jahren von einer Spezialabteilung des Pentagon angesprochen, die ständig auf der Suche nach ausgefallenen Ideen und Visionen ist. "Es gab früher schon Forschungen, um Bienen für das Militär einzusetzen", so die Sprecherin der Agentur für Fortschritte in der Verteidigungsforschung, Jan Walker. "Das war bei weitem nicht so abwegig, wie es am Anfang schien."

Bienen als Datensammler

Bromenshenk widmet sich schon seit 30 Jahren den haarigen Insekten. Bienen werden seit Jahrzehnten weltweit als Datensammler eingesetzt, in Deutschland zum Beispiel um Industrieverschmutzung zu messen. An den haarigen Beinen haften Partikel, die die Bienen zum Stamm zurückbringen. Mit Messgeräten können Wissenschaftler dann feststellen, ob diese Partikel gefährliche chemische oder biologische Wirkstoffe enthalten.

Eines Tages soll es möglich sein, dass Bienen nach Massenvernichtungswaffen oder auch nach Massengräbern suchen, so die Wissenschaftler. Schon heute ist erwiesen, dass Bienen auf die Chemikalie Zyklohexanon und das Gewürz Anis trainiert werden können.

Volker Bargenda, dpa / DPA