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Heimtückische Waffe: USA verlassen das Ottawa-Abkommen – erlebt die Landmine nun eine Wiedergeburt?

Anti-Personen-Minen sind geächtet. Das ist das Vermächtnis von Lady Diana. Doch USA, Russland und China halten sich nicht an das Abkommen. Es besteht die Gefahr, dass neue, smarte Minen noch tödlicher sind als ihre Vorgänger.

Russische Truppen üben den Einsatz in Minen verseuchten Gebieten.

Russische Truppen üben den Einsatz in Minen verseuchten Gebieten.

Picture Alliance

Landminen sind eine Geißel der Menschheit. Sie töten unterschiedslos. Ob das Opfer ein Kind auf dem Weg zur Schule ist oder ein Soldat, das ist der Mine ganz egal. Zivile Opfer werden auch bei anderen Waffen in Kauf genommen, aber die Mine unterscheidet sich noch in einem anderen Punkt. Sie schert sich nicht um Waffenstillstand und Friedensschluss. Ist die Mine einmal ausgebracht, befindet sie sich immer im Krieg – gegen jeden. In Nordafrika sind heute noch Gebiete unpassierbar, in denen die britische Achte Armee und das Deutsche Afrikakorps Minenfelder angelegt haben. Die Zahl der Opfer von Landminen ist im Laufe der Jahre zwar stark zurückgegangen, aber auch 2018 wurden mindestens 2000 Menschen durch Minen getötet oder verwundet, so die Daten des Landminen- und Streumunitionsmonitors.

Heimtückische Waffe 

Hinzu kommt: Die Mine ist heimtückischer als andere Waffen. Minen werden so verlegt, dass sie nicht bemerkt werden. Pioniere planen Minenfelder und Minengärten absichtlich so, dass die Opfer möglichst tief in das verseuchte Gebiet eindringen, bis sie rettungslos von Minen umgeben sind. Sprengfallen werden unter Gefallenen angebracht, damit sie die Kameraden des Toten in die Luft sprengen, wenn sie die Leiche bewegen. Und vor allem haben es diejenigen, die Minen verlegen, auf alle abgesehen, die ihre Minen wieder räumen wollen. Für die Räumer werden spezielle Fallen angelegt, die explodieren, wenn eine Mine entschärft wird. Die Verlegung einer Mine kann wenige Euros kosten, die Räumung schnell 1000 Euro erfordern.

Je unübersichtlicher die Kriege sind, desto unbeherrschbarer wird diese tödliche Hinterlassenschaft. In der Ostukraine kämpfen prorussische Separatisten und die Truppen der Regierung in Kiew gegeneinander. Nach dem Abkommen von Minsk gibt es kaum Bewegungen. Die Frontlinie besteht aus einem Grabensystem wie im Ersten Weltkrieg. Das Gebiet dazwischen ist komplett minenverseucht, und wird auch lange nach einem Friedensschluss eine tödliche Zone sein. Noch schlimmer sind Guerillakriege in Afrika und Asien, in denen es überhaupt keine Frontlinie gibt. Hier werden Minen nicht ausgebracht, um eine eigene Stellung gegen einen militärischen Gegner abzusichern. In diesen Kriegen dienen Minen dazu, das Gebiet, welches der Gegner kontrolliert, unbewohnbar zu machen. Diese Minen richten sich hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung und werden in der Nähe von Wasserstellen und Pfaden verlegt. 

Letzter Einsatz durch die USA

Von den USA wurden im Golfkrieg von 1997 zum letzten Mal im großen Maßstab Landminen eingesetzt. Die USA brachten 117.000 Landminen über Kuwait und den Irak aus. Der Bestand des Pentagons soll bei 19 Millionen liegen. 1997 wurde dann das Übereinkommen über das Verbot von Antipersonenminen (Ottawa-Vertrag) verabschiedet, so sollten wenigstens diese kleinen und billigen Minen gebannt werden, die für unzählige Verstümmelungen in ehemaligen Kriegsgebieten verantwortlich sind. Der unermüdliche Einsatz von Lady Diana sorgte damals für öffentliches Interesse und baute so den Druck auf, der für das Abkommen notwendig war. Die militärischen Großmächte Russland und China haben jedoch nicht zugestimmt, die USA lange herumgedruckst. Unter Präsident Obama kam es zu einem Kompromiss. Die USA wollten auf Landminen verzichten – allerdings nicht auf der koreanischen Halbinsel. "Wir signalisierten unser klares Bestreben, dem Übereinkommen von Ottawa endlich beizutreten", sagte das Weiße Haus damals. Dieses Versprechen seines Vorgängers gilt unter Trump nun nicht mehr. Anfang Februar erklärte das Weiße Haus, unter "außerordentlichen Umständen" könne die US-Armee künftig Landminen weltweit einsetzen. Das Motiv des Präsidenten ist das gleiche wie bei anderen Rüstungsbeschränkungen. Trump akzeptiert schon aus Prinzip keine "Fesseln" für die USA, wenn Konkurrenzmächte wie China und Russland nicht gleichziehen.

Der ostentative Rückzug der westlichen Führungsmacht vom Ottawa-Abkommen bedeutet nicht, dass die USA nun im großen Maßstab Minen einsetzen werden. Trumps Entschluss hat vor allem eine hohe symbolische Bedeutung: Wenn die führenden Militärmächte der Welt nicht auf Antipersonenminen verzichten können, warum sollten dann kleinere und ärmere Staaten diese vergleichsweise billige Waffe aus dem Arsenal verbannen? Kann man noch von Ächtung sprechen, wenn die Militärgiganten nicht mitmachen?

Blockieren großer Angriffsverbände

Tatsächlich haben die USA seit geraumer Zeit keine Antipersonenminen mehr verwendet. In den Konflikten der USA ist der eigentliche Anwendungsfall nicht eingetreten. Minen werden eingesetzt, um gegnerische Truppen aus bestimmten Gebieten weg und in andere Zonen zu lenken. Die Panzerschlacht bei Kursk gilt als Paradebeispiel, wie durch Minen und andere Mittel, die Angriffsrichtung des Gegners bestimmt werden kann. (Lesen Sie hierzu: "Offensive bei Kursk - das Grab der deutschen Panzerwaffe".) Im Kalten Krieg kam eine neue Einsatzmöglichkeit hinzu. Während im Zweiten Weltkrieg Minen von Hand vergraben wurden, konnten Minen nun aus der Ferne verlegt werden. Sie wurden in Clustern von Raketenwerfern abgeschossen oder man ließ von Flugzeugen abwerfen. Mit der Methode konnte man große Gebiete in kurzer Zeit unpassierbar machen. So hoffte die NATO, den Vormarsch der Panzerarmeen des Warschauer Paktes zu blockieren.

Warum hat Trump also entschieden, dass die USA jetzt Minen benötigen? Das Pentagon spricht davon, das ein "langfristiger, strategischer Wettbewerb" wieder auftaucht. Das bedeutet wohl, dass die USA davon ausgehen, eventuell doch wieder große Angriffsarmeen aufhalten zu müssen. Vermutlich denken sie dabei weniger an Putins neue Panzerarmee, sondern an die Lage auf der koreanischen Halbinsel, wo der mit den USA verbündete Süden im Falle eines Krieges einer zahlenmäßigen Übermacht von Truppen aus dem Norden gegenüberstehen würde. Das entspricht der Lage im Kalten Krieg. (Lesen Sie hierzu: "1. Garde Panzer Armee - "Der Hammer, der jede Verteidigung zerschlägt".)

Kommen nun die smarten Minen?

Keine Großmacht plant einen Krieg mit starren Verteidigungsstellungen, alle gehen von hochmobilen Einsätzen aus. Es macht daher keinen Sinn, Minen im Voraus zu verlegen, es ist auch ganz sinnlos, dass sie jahrzehntelang scharf bleiben. Das Pentagon setzt daher auf nicht "nicht dauerhafte" Landminen. Nach etwa 30 Tagen deaktivieren sie sich selbst. Der Mechanismus gilt als - relativ - zuverlässig. Für die Explosion wird eine elektrische Ladung benötigt und die eingebaute Batterie entlädt sich im Laufe der Zeit und hat nach 30 Tagen nicht mehr die Kraft für die Zündung. So zumindest die Theorie. "Wenn die Technologie auf das Schlachtfeld gebracht wird, sehen wir, dass die tatsächlichen Daten nicht mit den Versprechungen übereinstimmen", sagte Erik Tollefsen, Leiter der Waffenkontamination des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zum "Economist".

Neben dieser "klassischen" Anwendung ist zu befürchten, dass die Landmine eine Renaissance als smarte Mine erleben wird, wenn die führenden Militärmächte sich nicht länger an das Abkommen halten. Bei der Entwicklung selbstständiger Tötungsmaschinen wird häufig über Drohnen oder über Roboterpanzer diskutiert. Dabei liegen smarte Minen viel näher. Bei den Seeminen gibt es diese Entwicklung bereits. Seeminen sind größer und dürfen auch teurer sein als Landminen, da ihre Ziele vergleichsweise wertvoll sind. Moderne Seeminen dümpeln nicht einfach im Wasser und warten darauf, dass sie irgendein Boot anstupst. Man kann sie eher mit einem Raubfisch wie der Moräne vergleichen. Sie lauern in einem Gebiet, verbergen sich so gut es geht und scannen diese begrenzte Zone. Haben sie ein Schiff in diesem Gebiet erfasst, bleiben sie nicht an Ort und Stelle, sie schießen auf das Ziel los, um es zu versenken.

Man braucht kein KI-Prophet zu sein, um zu ahnen, dass der Weg zu einem autonom agierenden Kampfroboter, der die komplexe Rolle eines Soldaten übernehmen soll, noch weit ist. Doch eine kleine Maschine, die irgendwo am Boden im Feindesland lauert, um sich auf ein Ziel zu stürzen, dass sich in ihre Überwachungszone wagt, dürfte technisch keine große Herausforderung darstellen.

Quelle: EconomistU.S. Naval War College 

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