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Abschuss von vier Leopard-Panzern: Stählerne Särge – darum werden so viele Panzer in Syrien und Irak abgeschossen

Kampfpanzer waren der Schrecken des Schlachtfeldes und kaum zu überwinden. Nun verlor die Türkei erneut einen Leopard 2A4 mit zwei gepanzerten Begleitfahrzeugen. Woran liegt das?

Von Gernot Kramper

Abschuss eines M1 Abrams amerikanischer Bauart

Abschuss eines M1 Abrams amerikanischer Bauart

Einst galt der Panzer als unüberwindbar, nur andere Panzer mit ihren mächtigen Kanonen konnten ihm gefährlich werden. In den Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak werden die Kolosse nun in beträchtlicher Zahl abgeschossen. In den ersten Jahren des syrischen Bürgerkrieges verloren vor allem die Truppen von Präsident Assad Panzer durch amerikanische TOW-Raketen. Doch seit der Offensive der US-geführten Truppen auf Mossul und der Invasion der türkischen Truppen im Nordirak zeigt sich, wie verwundbar auch westliche Modelle sind. (Wir berichteten: "Türkei verliert drei Leopard 2 – erste Schlacht des deutschen Panzers wird zum Desaster" und "Tödlicher Raketentreffer – so verwundbar sind die schweren Panzer")

Die Kombo zeigt die Treffer auf einen Leopard 2A4, einen leichten Schützenpanzer FNSS ACV und einen gepanzerten Mannschaftstransporter vom Typ BMC-Kirpi.

Die Kombo zeigt die Treffer auf einen Leopard 2A4, einen leichten Schützenpanzer FNSS ACV und einen gepanzerten Mannschaftstransporter vom Typ BMC-Kirpi.

Nachdem in der Vorwoche drei Leopard 2A4 verlorengegangen sind, kam es am 21.12.2016 zum nächsten Desaster in der Nähe von Al-Bab. Diesmal griffen die Kämpfer des IS eine gepanzerte Gruppe der türkischen Truppen an. Auf einen Schlag schossen sie einen vierten Leopard, einen Schützenpanzer und einen gepanzerten Transporter ab. Woran liegt es?

Panzerabwehrwaffen

Die heute erfolgreich eingesetzten Anti-Panzer-Raketen unterscheiden sich gewaltig von den Waffen, wie sie vom zweiten Weltkrieg an benutzt wurden. Bazooka, Panzerfaust oder einfache Panzerbüchsen können nicht ins Ziel gesteuert werden, sie folgen der Flugbahn des Abschusses und haben nur eine geringe Reichweite. Der Schütze muss also relativ nah an seinem Ziel sein.

Wirklichen Erfolg als Panzerknacker haben in Syrien moderne Panzerabwehrraketen (anti-tank guided missile, kurz ATGM). Ihre Reichweite ist viel größer, der Gefechtskopf mächtiger und sie werden entweder aktiv ins Ziel gelenkt oder steuern es, einmal abgefeuert, selbstständig an.

Drahtgesteuerte Lenkwaffen

Die amerikanische TOW, die europäische Milan und russische Systeme wie die Korsun sind typisch für diesen Krieg. Sie werden jeweils von einem kleinen Startgestell aus abgefeuert, das Ziel muss während des Anfluges anvisiert werden und die Rakete wird mittels eines Drahtes in Ziel gelenkt. Starter und mehrere Raketen können von jedem Fahrzeug transportiert werden, aber ein einzelner Soldat kann sie nicht mehr tragen. Das Gewicht der TOW-Rakete liegt über 22 Kilogramm, ihre effektive Reichweite bei etwa 3,5 Kilometern.

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Der Leopard 2A6 kann sich in Vergleichsübungen der NATO Panzer regelmäßig gegenüber dem M1 Abrams durchsetzen. Hierbei kommt es aber vor allem auf die taktischen Fähigkeiten der Besatzung an. Im Panzerwettbewerb 2016 der USA hatten die beiden Army Teams mit ihren M1 keine Chance. Die drei Leopard-Mannschaften aus Deutschland, Dänemark und Polen belegten die ersten drei Plätze. Sieger wurde Deutschland.

Der Leopard 2A6 kann sich in Vergleichsübungen der NATO Panzer regelmäßig gegenüber dem M1 Abrams durchsetzen. Hierbei kommt es aber vor allem auf die taktischen Fähigkeiten der Besatzung an. Im Panzerwettbewerb 2016 der USA hatten die beiden Army Teams mit ihren M1 keine Chance. Die drei Leopard-Mannschaften aus Deutschland, Dänemark und Polen belegten die ersten drei Plätze. Sieger wurde Deutschland.

Einfach ausgedrückt: Eine Rakete wie die TOW besitzt eine Zerstörungskraft wie die mächtige 8.8-Flak der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, aber sie ist so klein, dass man sie in einem alten Golf transportieren und entsprechend leicht tarnen und verstecken kann. Die 8.8 wog mit Fahrgestell hingegen 7,5 Tonnen und war über sieben Meter lang.

Wirkungsweise des Sprengkopfes

Abwehrraketen versuchen nicht mit der Wucht des Aufpralls die Panzerung zu durchschlagen, sondern setzen Hohlladungen ein. Prallt die Ladung auf eine Panzerung, entsteht ein glühend heißer, gebündelter Strahl. Er schweißt sich einen Weg durch die Panzerplatten hindurch. 

So wollen Panzer sich schützen

Panzer versuchen, sich mit verschiedenen Methoden zu schützen. Die klassische Art ist eine dicke Panzerung: Sie ist aber nur bei einem schweren Kampfpanzer stark genug, um einer ATGM zu widerstehen. Andere gepanzerte Fahrzeuge (Panzerhaubitzen, Schützenpanzer, gepanzerte Mannschaftstransporter) besitzen so eine mächtige Panzerung nicht. Und auch bei einem klassischen Kampfpanzer ist meist nur die schräge Front vor einem Durchschlag geschützt. Seitliche oder rückwärtige Teile können diesen Raketen nicht standhalten. Moderne Kompositpanzerungen aus mehreren Materialen erhöhen allerdings die Schutzwirkung.

Um die tückischen Hohlbrandladungen abzuschütteln, werden Panzer mit einer Reaktivpanzerung versehen. Manchmal sind die Ladungen in einer Kompositpanzerung integriert.  Besser zu erkennen sind die kleinen Boxen, die außen am Panzer montiert werden. Trifft eine Rakete, schneidet sich ihr tödlicher Strahl durch die Box, dort löst er eine Explosion aus und wird durch sie umgelenkt. Neuere Abwehrraketen reagieren, in dem sie eine zweiteilige Ladung einsetzen.

Veraltete Panzer in Syrien und dem Irak

Die eingesetzten Kampfpanzer sind größtenteils veraltet. Auch wenn Baureihen wie der M1 Abrams oder der Leopard 2 in der Bundeswehr und der US-Army nach wie vor in Dienst sind, haben diese modernisierten Varianten außer dem Grundaufbau wenig mit den Panzer der irakischen, syrischen oder türkischen Streitkräfte zu tun. Diese befinden sich größtenteils noch auf dem Niveau, das zur Zeit des kalten Krieges herrschte. Sie haben eine veraltete Panzerung, häufig keine Reaktiv-Panzerung und erst recht keine aktiven Abwehrsysteme. Einzige Ausnahme scheint die kleine Zahl von T-90 Panzern zu sein, die Russland an Assads Elitetruppen lieferte.

TOW Launcher amerikanischer Bauart in Syrien.

TOW Launcher amerikanischer Bauart in Syrien.

Alte Raketen gegen alte Panzer

Bitter: Auch die Abwehrraketen sind nicht wirklich neu. Es handelt sich meist um Entwicklungen der 70er-Jahre. Daraus darf man schließen, auch ein Panzer wie der viel gerühmte Leopard 2A4 wäre, als er nagelneu war, von diesen Raketen geknackt worden. Es kam nur darum nicht dazu, weil der Panzer damals in kein echtes Gefecht rollte.

Statischer Einsatz macht Panzer verwundbar

Noch mehr als die alte Technik gefährdet die Art des Einsatzes die Panzerbesatzung. Ursprünglich wurden Panzer für Großkampflagen und Bewegungsgefechte konzipiert. Konzentrierte Panzerspitzen sollten mit Unterstützung anderer Waffengattungen feindliche Linien und Gruppen durchstoßen und zerstören, genauso viel Wert wie auf die Panzerung wurde auf Geschwindigkeit und Feuerkraft gelegt.

Im Irak und Syrien werden die Panzer hingegen als fahrbare Artillerie eingesetzt. Sie fahren hinter Wällen oder Hügeln auf und nehmen von dort aus Positionen des Gegners unter Feuer. Statisch positioniert werden sie selbst zum leichten Ziel, wenn sich Panzerabwehrgruppen des Gegners in ihrem Rücken befinden. Das weite Gelände, die vergleichsweise geringe Zahl an Soldaten und die hohe Reichweite der Panzerabwehrraketen machen Verluste fast unausweichlich, wenn die Feuerpositionen nicht extrem umsichtig gewählt werden.


Ergänzung: Der IS verbreitet Videos und Fotos, die einen eroberten türkischen Stützpunkt in der Nähe von Al-Bab zeigen. Neben türkischen Verlusten kann man erkennen, dass dem IS dabei ein Schützenpanzer türkischer Bauart und mehrere Leopard 2A4 in die Hände gefallen sind. Äußerlich sehen die Panzer unbeschädigt aus.

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