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Interview

Nato-Panzer: "Wenn die Deutschen mit dem Leopard 3 loslegen, wird es mit dem Vorsprung des T-14 schnell vorbei sein"

Seitdem Russland den Super-Panzer T-14 Armata vorgestellt hat, arbeitet man auch im Westen an neuen Kampfpanzern. Der stern sprach mit dem britischen Militärexperten Nicolas Drummond über den Kampfpanzer der Zukunft. Der zweite Teil des Interviews.

Der Leopard 3 muss den T-14 Armata übertreffen.

Der Leopard 3 muss den T-14 Armata übertreffen.

Hersteller

Herr Drummond, Panzer wie der Leopard und der britische Challenger sind sehr schwer. Notwendige Modernisierungsmaßnahmen haben das Gewicht weiter erhöht. Können wir in Richtung "immer größer, immer stärker, immer schwerer" weitermachen? Im Zweiten Weltkrieg erwies sich die Entscheidung der deutschen Wehrmacht für sehr schwere Panzertypen als Sackgasse. 

Tanks, die 70 Tonnen oder mehr wiegen, ergeben keinen Sinn. Der Einsatz eines Regiments von 50 Kampfpanzern ist inzwischen zu einer kaum lösbaren Aufgabe geworden. Die Panzer müssen auf dem Seeweg anreisen. Wenn sie ihr Ziel erreicht haben, benötigen sie spezielle Transporter, um sie an die Front zu bringen. Selbst wenn sie das Schlachtfeld erreicht haben, können nur wenige Brücken ihr Gewicht tragen. Zweifellos müssen zukünftige Modelle viel leichter und mobiler sein.

Zweifellos? Heute haben selbst Schützenpanzer ein Gewicht von 40 Tonnen erreicht. Doch gleichzeitig gibt es eine Entwicklung hin zu viel leichteren Radpanzern, selbst mit schwerer Bewaffnung. Auch in Russland. Wozu dienen diese leichteren und mobileren Fahrzeuge? 

Die Konflikte der letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass wir uns zunehmend im Ausland engagieren, um dort Bedrohungen zu begegnen, bevor sie vor unserer Haustür auftauchen.

Armeen müssen heute als "Expeditions-Verband" aufgestellt werden. Das hat man erkennen müssen, als die US-Armee 1999 keine Task Force in den Kosovo entsenden konnte. Als diese endlich zusammengestellt war, war der bewaffnete Konflikt vorbei.

Mit ihren superschweren M1 Panzern und den vollkommen ungeschützten Humvees waren die Brigaden der US-Armee "zu fett zum Fliegen und zu leicht zum Kämpfen". Dieser peinliche Vorfall führte zur Entwicklung des Stryker 8x8 Radkampffahrzeugs und mittelschwerer Brigaden. Kampffahrzeuge auf Rädern wiegen 32-36 Tonnen, sind daher wendiger. Das geringere Gewicht ermöglicht es solchen Einheiten, auf eigenen Rädern in den Einsatzraum zu fahren. Diese Truppen hinterlassen einen sehr viel kleineren logistischen Fußabdruck. US-Stryker-Brigaden sind starke mobile Kräfte, die bei Bedarf schnell reagieren können.

Trotz einiger Schwierigkeiten beim Start antwortet auch der deutsche Boxer auf diese Herausforderung.

Genau. Jede Armee innerhalb der NATO entwickelt etwas vom mittleren Gewicht. Deutschlands innovativer Boxer hat sich zur Benchmark für 8x8 Radpanzer entwickelt. Er bietet ein hohes Maß an Schutz und Mobilität. Das moderne Plattformdesign beinhaltet austauschbare Missionsmodule. Diese können leicht ausgetauscht werden, sodass das Fahrzeug mit wenig Aufwand umgerüstet werden können.

Dabei ist ihre Überlebensfähigkeit ebenso gut - wenn nicht sogar besser - wie die vieler Kettenfahrzeuge. Mit ihrer Fähigkeit, Kanonen und Panzerabwehrraketen zu tragen, können Radfahrzeuge wie der Boxer viel dazu beitragen, den derzeitigen Mangel an Kampfpanzern auszugleichen. Deutschland hat immerhin 403 Boxer. Die britische Armee beabsichtigt, sich wieder dem Boxer-Programm anzuschließen und wird 500 Boxer erwerben, um ihre neuen Brigaden damit auszustatten.

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Als der T-14 zum ersten Mal gezeigt wurde, lachten viele Kommentatoren im Westen über ein liegengebliebenes Modell. Wie beurteilen Sie die Fähigkeiten Russlands im Panzerbau?

Da gibt es keinen Grund zum Lachen. Russland blickt auf eine lange Geschichte exzellenter Panzer zurück. Der legendäre T-34 kombinierte eine Reihe von fortschrittlichen Funktionen, die andere Panzer dieser Zeit weit übertrafen. Ähnlich innovativ waren auch die Modelle aus dem Kalten Krieg wie T-62, T-64 und T-72.

Heute ist der T-14 ein weiteres bahnbrechendes Design. Auch wenn einige Merkmale des T-14 bereits bei Entwürfen – auch aus dem Westen – vorkamen, die dann nicht gebaut wurden.

Westliche Experten haben noch nie einen echten T-14 aus Metall untersucht. Doch deuten alle Berichte darauf hin, dass der Panzer eine avancierte Entwicklung ist und die Produktion bereits jetzt ausgereift ist. Eine Bewertung der britischen Armee des T-14 besagt, dass der T-14 die bestehenden NATO-Designs übertrifft. 

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Wir sollten schon besorgt sein. Vor allem, wenn der Panzer in großen Stückzahlen hergestellt wird. Doch obwohl Russland einmal die Absicht angekündigt hat, 2000 Panzer zu bauen, bleibt abzuwarten, ob diese Zahl finanziert werden kann.

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Der Leopard 2A6 kann sich in Vergleichsübungen der NATO Panzer regelmäßig gegenüber dem M1 Abrams durchsetzen. Hierbei kommt es aber vor allem auf die taktischen Fähigkeiten der Besatzung an. Im Panzerwettbewerb 2016 der USA hatten die beiden Army Teams mit ihren M1 keine Chance. Die drei Leopard-Mannschaften aus Deutschland, Dänemark und Polen belegten die ersten drei Plätze. Sieger wurde Deutschland.

Der Leopard 2A6 kann sich in Vergleichsübungen der NATO Panzer regelmäßig gegenüber dem M1 Abrams durchsetzen. Hierbei kommt es aber vor allem auf die taktischen Fähigkeiten der Besatzung an. Im Panzerwettbewerb 2016 der USA hatten die beiden Army Teams mit ihren M1 keine Chance. Die drei Leopard-Mannschaften aus Deutschland, Dänemark und Polen belegten die ersten drei Plätze. Sieger wurde Deutschland.

Der T-14 Armata ist der derzeit modernste Kampfpanzer. Was haben die Russen richtig gemacht? Was kann der Westen vom T-14 lernen?

Der T-14 Armata besitzt vier herausragende Eigenschaften:

1. Er hat eine zentrale Kapsel für die Besatzung mit zusätzlicher Panzerung. Sie bietet einen sehr hohen Schutz für einen kleinen  Raum.

2. Die Hauptwaffe befindet sich in einem unbemannten Turm, der ferngesteuert wird. Die Besatzung ist vollständig vom Munitionslager getrennt.

3. Diese Konfiguration mit einem unbemannten Turm erhöht nicht nur die Überlebensfähigkeit der Besatzung, sondern ermöglicht auch eine deutliche Gewichtsreduzierung auf ca. 48-50 Tonnen. Das führt zu einem erstaunlichen Leistungsgewicht und zu mehr Mobilität.

4. Eine neue 152-mm-Kanone soll die jetzige 125-mm-Kanone des T-14 ersetzen. Wenn dies geschieht, wird der T-14 in der Lage sein, alle NATO-Panzer, einschließlich Leopard 2, zu bekämpfen, ohne in deren Reichweite zu geraten. Wenn das geschieht, sind unsere Panzer hoffnungslos unterlegen.

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Welche Fähigkeiten sollte ein Nachfolger des Leopard 2 besitzen - aus heutiger Sicht?

Es gibt sechs wesentliche Faktoren bei der Entwicklung eines Panzers:

  • Firepower: Wie tödlich ist er?
  • Schutz: Wie überlebensfähig ist er?
  • Mobilität: die Beweglichkeit auf der Straße und im Gelände.
  • Connectivity: die Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen Fahrzeugen
  • Nachhaltigkeit: seine Zuverlässigkeit, Effizienz und der logistische Fußabdruck
  • Flexibilität: das meint die Anpassungsfähigkeit der Plattform

Die wichtigste Voraussetzung für jedes zukünftige Tankdesign ist die Reduzierung von Größe und Gewicht, ohne die Überlebensfähigkeit zu beeinträchtigen. Dies wird zu Panzern mit einem kleineren, geschützten Rauminhalt führen. Um dies zu erreichen, wird die Besatzung verkleinert, möglicherweise auf nur 2 oder 3 Personen.

Eine weitere Anforderung an den zukünftigen Schutz der Besatzung ist die Trennung vom Munitionslager. Das ist möglich - wenn die Kanonen in einen ferngesteuerten Turm mit einem automatischen Lader montiert werden.

Angesichts der Kosten für die Entwicklung gepanzerter Fahrzeuge und der kleinen Serienstückzahlen, muss der nächste Kampfpanzer auch als Plattform für Schützenpanzer und selbstfahrende Artillerie verwendet werden.

Eine der größten zukünftigen Entwicklungen im Design von Kampffahrzeugen wird die Umstellung von Ketten auf Rädern sein.

Man hört ja viel Zukunftsmusik. In der Zukunft soll es Panzer mit Elektromotoren geben. Anstatt Stahl soll die Panzerung aus Carbon bestehen – was sagen Sie zu solchen Konzepten?

Das sind Visionen. Mit dem Einbau von elektrischen Nabenmotoren in jedes Rad, wird ein Radpanzer mobiler sein als ein gleichwertiges Kettenfahrzeug. Da ein elektrischer Antrieb sehr viel kleiner als Dieselmotoren ist, hätte das viele Vorzüge. Aber da wir wahrscheinlich ein Jahrzehnt von einer entsprechenden Batterietechnologie entfernt sind, wird die nächste Tankgeneration sicher noch einen Dieselmotor besitzen. Aber die Panzer werden leichter werden. Neue, besonders leichte Verbundpanzerungen sind in der Entwicklung. Graphen und andere Kohlenstoff-Allotrope wiegen nur einen Bruchteil des Gewichts von Stahl, können aber um ein Vielfaches stärker sein. Wir erwarten aber auch innovative Entwicklungen bei den auf Panzern montierten Waffen. Hochgeschwindigkeitsraketen mit Hyperschall könnten den aktiven Schutz moderner Panzer überwinden. Auch elektromagnetische Impulswaffen (EMP) könnten die Panzerkriegsführung revolutionieren. Sie könnten alle elektrischen Systeme zerstören und einen Panzer stilllegen, ohne die Besatzung zu töten.

Immer wieder hört man von Roboter-Panzern. Auch wenn der Begriff etwas übertreibt, denn es handelt sich bislang um ferngesteuerte kleine Drohnen-Panzer.

Die vielleicht wichtigste Entwicklung der nahen Zukunft sind unbemannte Landfahrzeuge (UGVs). Ferngesteuerte Panzer benötigen weniger Schutz, können bei hoher Kampfkraft also kleiner und leichter werden. Sie sind mobiler, einfacher zu implementieren und kostengünstiger.

Ein Zukunftskonzept, das derzeit erprobt wird, sind Panzer-Paare. Wobei nur noch ein Panzer eine Besatzung hat und der andere unbemannt ist. Der zweite Tank dient als "Wingman", der ein effizientes gemeinsames Feuer ermöglicht.

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T-14 Armata

Die Innenausstattung des Panzers ist wenig luxuriös, aber dafür soll der T-14 besonders sicher sein.

Wird der Nachfolger des Leopard 2 so einem radikalen Design folgen? Eines, das diese Elemente aufnimmt?

Möglicherweise. Doch was man auch machen möchte, der Panzer muss vor allem effektiv und zuverlässig im Kampf sein. Ich denke, dass wir eher eine evolutionäre als revolutionäre Entwicklung erleben werden.

Natürlich ist Russlands Erfolgsbilanz in der Panzerentwicklung sehr beeindruckend. Doch kein Land hat mehr Erfahrung und Kompetenz als Deutschland. Ich gehe davon aus, wenn die Deutschen mit dem, Leopard 3 loslegen, wird es mit dem Vorsprung des T-14 schnell vorbei sein.

Hier finden Sie Teil I des Interviews: