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Putins Krieg Das Leiden der Zivilisten – warum der moderne Krieg so viele zivile Opfer fordert

Menschen stehen in den Trümmern eines Mehrfamilienhauses
Charkow: So sieht ein großes Haus nach einem Treffer aus.
© Lyaxander / Picture Alliance
Alle Militärs behaupten, die Zivilsten schonen zu wollen. Tatsächlich bezieht der moderne Krieg die Zivilbevölkerung immer mehr in seine Planungen ein – und die Zahl der zivilen Opfer steigt. So auch in der Ukraine.

Russland beschießt zivile Ziele und Wohngebiete – diese Schlagzeilen bestimmen die Nachrichten seit Tagen und sie sind nicht falsch. Doch was bedeutet "zivil" eigentlich im Krieg? Und da wird es in der Tat kompliziert, denn in der modernen Welt lassen sich Militär und Zivilgesellschaft kaum trennen. Vor allem dann nicht, wenn ein Staat wie die Ukraine angegriffen wird und alle Ressourcen für die Verteidigung nutzt.

Diese Trennung ist die Grundidee der "zivilisierten" Kriegsführung. Doch die Haager Landkriegsordnung stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Aus einer Zeit, in der die militärischen Entscheidungen, wenn irgend möglich, in Schlachten auf dem offenen Feld gesucht worden sind.

Heute vermischen sich die Dinge. Das beginnt bei einfachen Dingen wie den Handynetzen. Eigentlich eine rein zivile Einrichtung, die auch von Soldaten benutzt wird, vor allem dann, wenn es einen Mangel an eigenen militärischen verschlüsselten Funkgeräten gibt. Doch die Nutzung zum Zweck der Kriegsführung verändert den Status der Installationen dieser Netze.

Lange Liste militärischer Einrichtungen

Das mag noch eine Grauzone sein, andere Fälle sind offensichtlicher. Standorte der Rüstungsindustrie sind militärische Ziele, Militärverwaltungen, Rekrutierungsbüros ebenso. Doch heute liegen diese Einrichtungen meistens in gemischten Zonen. Militärbüros werden in normalen Verwaltungsgebäuden untergebracht. Das ist keinesfalls nur in der Ukraine so, diese Praxis ist allgemeiner Usus. Nicht aus einem perfiden Kalkül heraus, sondern weil es im Frieden praktischer ist und viele Länder die früher komplett abgeschirmte Welt des Militärs stärker in die Zivilgesellschaft integrieren wollten. Im Kriegsfall wird diese Integration zum Problem.

Wenn heute eine Brauerei aus patriotischen Gründen beginnt, Molotowcocktails auf ihren Anlagen abzufüllen, gehört sie nicht mehr zu den Orten der Lebensmittelversorgung, sondern zur Verteidigungsindustrie. Und liefert den russischen Invasoren mit ihrem Mut machenden Post auch gleich die passenden Zielkoordinaten. Die Liste kann man endlos fortführen. Werkstätten, die statt Mähdrescher nun Panzer und Militär-Lkw instandsetzen, Betriebe der Metallverarbeitung, die Panzersperren produzieren. Sind das noch zivile Einrichtungen?

Bewaffnete Zivilisten in der Ukraine

Die ganze Welt nimmt Anteil am Mut der Ukraine, sich den Aggressoren entgegenzustellen. Da werden auch Dinge gefeiert, die tatsächlich sehr problematisch sind. Etwa Zivilisten zu bewaffnen. So, wie es in Kiew in der Panik der ersten Tage geschehen ist. Um es hart zu sagen: Ein bewaffneter Zivilist ist kein Zivilist mehr, er ist ein Partisan. Und ein irregulärer Kämpfer ist im Kriegsrecht noch viel schlimmer dran als ein Soldat. Alle Schutzvorschriften zugunsten von Kriegsgefangenen gelten für ihn nicht. Wer Zivilsten bewaffnet, verwischt mit Absicht die Grenzen zwischen Kämpfern und Nicht-Kämpfern und das betrifft nicht allein die tatsächlichen Partisanen. Wenn man sich am Wehrwillen ganz normaler ukrainischer Frauen erfreut, die in den Innenhöfen von "ganz normalen" Gebäuden Molotowcocktails anmischen, sollte man dazu sagen, dass es dann keine "ganz normalen" Gebäude mehr sind.

Warum ist die Verteidigung von Städten problematisch?

Die unterlegene Kriegspartei, hier die Ukraine, meidet Schlachten oder größere Gefechte im offenen Gelände, weil ihre Truppen dort von der überlegenen Feuerkraft des Gegners ausgelöscht werden. Im Gelände und im locker bebauten Gebiet verlegt man sich auf eine Überfall-Taktik, meist aus einer verdeckten Stellung heraus. In Deutsch hat sich für diese legitime Form der Kriegsführung das abwertende Wort "Hinterhalt" eingebürgert. Festen Halt findet die Verteidigung in Städten, genau genommen in größeren Städten, die der Gegner nicht so leicht umgehen kann. Die Unübersichtlichkeit, die feste Bebauung und Positionen in Hochhäusern begünstigen den Verteidiger. Noch im 19. Jahrhundert endete die Bebauung meist abrupt an der Stadtgrenze, heute mäandern die Großstädte immer mehr ins Umland mit einem Teppich von Vororten, Shoppingzonen und Industriegebieten.

Die Kämpfe in solchen Gebieten sind völkerrechtlich nicht verboten, das Problem tritt auf, weil diese Zonen zum Kriegsgebiet werden, obwohl sie nicht von Zivilsten geräumt worden sind. In der Geschichte wurden teilweise absichtlich die Evakuierung von Zivilsten verhindert. Ihre Anwesenheit sollte den Widerstandswillen der Soldaten erhöhen. Das ist in der Ukraine nicht der Fall. Im Gegenteil, die Regierung bemüht sich, die Zivilisten aus Charkow und Kiew herauszubringen. Zumindest Frauen und Kinder, Männer im wehrfähigen Alter dürfen nicht fliehen. Sobald Städte – wie Mariupol – eingeschlossen sind, geht die Evakuierung nur, wenn Belagerer und Verteidiger zusammenarbeiten. Das funktioniert in den meisten Konflikten nicht und wenn, dann nur unter Vermittlung neutraler Dritter wie dem Roten Kreuz.

Verteidigung inmitten der zivilen Bebauung

Doch Stand heute sind Charkow und Kiew nach wie vor voller Zivilisten und sie werden in Kämpfe um diese Städte hineingezogen werden, weil es nicht möglich ist, die Städte fernab von ihnen zu verteidigen. Es wird häufig betont, dass die russischen Invasoren überhaupt nicht die Personalstärke haben, um Großstädte im Häuserkampf einzunehmen. Und das ist richtig. In der eigentlichen Schlacht um die Stadt Berlin nahmen über eine Million Rotarmisten teil. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass auch die ukrainischen Truppen viel zu schwach sind, um einen echten Verteidigungsring um diese Städte zu legen. Sie können nur versuchen, den Gegner mit Stützpunkten an den Einfallstraßen und großen Straßenkreuzen aufzuhalten. Orte, mitten in der zivilen Bebauung.

Die Menschen in den von Krieg und Gewalt betroffenen Gebieten in der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Die Stiftung stern arbeitet mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, die von uns geprüft wurden. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug weiter. Über diesen Link kommen Sie direkt zu unserem Spendenformular.
Die Menschen in den von Krieg und Gewalt betroffenen Gebieten in der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Die Stiftung stern arbeitet mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, die von uns geprüft wurden. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug weiter. Über diesen Link kommen Sie direkt zu unserem Spendenformular.

So eine Stellung besteht nicht aus einem Punkt mitten auf der Kreuzung, sie ist ein Netz verbundener Positionen, um die Kreuzung herum. Derartige Stellungen werden verstärkt, indem der Verteidiger die hohen Gebäude nutzt, um dort Scharfschützen, Panzerabwehrraketen und Manpads zu postieren. Von dort aus finden sie ein weites Schussfeld entlang der Straßenachsen bzw. in den Luftraum. Aus einem Schützenloch heraus kann man die kilometerweite Reichweite der Panzerabwehrraketen überhaupt nicht ausnutzen. Lange Rede: Die zivile Bebauung wird in die Verteidigungsstellung integriert. Anders ist es gar nicht möglich. Würden sich die Verteidiger allein auf Gewerbegebiete konzentrierten, würde der Gegner einfach andere Straßen benutzen.

Die Neutralität des Kriegsrechts

Im modernen Kriegsrecht gilt immer der Grundsatz der "Verhältnismäßigkeit". Und das ist ein Feld der Auslegung und es kann wenig wundern, dass jede Seite für sich selbst eine großzügige Auslegung findet, bei den Aktionen des Gegners sehr streng urteilt. Was heißt das? Es ist sicher unverhältnismäßig und damit illegal, in Städten Wasserversorgung und Strom für die Bevölkerung lahmzulegen, weil auch die Truppen des Gegners davon profitieren. Anders sieht es aus, wenn Militärstützpunkte des Gegners bekämpft werden. Niemand kann sich unangreifbar machen, indem er seine Truppen und Zivilisten mischt. Was ist verhältnismäßig und was nicht? "Wir" blicken dann nach Aleppo oder auch nach Grosny, weil diese Orte die Unmenschlichkeit der russischen Kriegsführung vor Augen führen. Schaut man nach Falludscha und Mossul, wird man beim Ausmaß der Zerstörungen keinen Unterschied feststellen können. Der liegt dann in den Wertungen, weil die Verteidiger das eine Mal als wackere Unabhängigkeitskämpfer und das andere Mal als Terroristen bezeichnet werden.

Wertungen sind richtig und wichtig, die Ukraine wurde überfallen, darum gehört ihr unsere Solidarität und Sympathie. Das Kriegsrecht ist formaler und das ist auch gut so. Es dient dazu, die Kriegshandlungen beider Seiten zu zügeln. Und bei allen Verstößen hat es sich in vielen Konflikten bewährt, weil es zumindest als Leitfaden die Gewalt bremst. Ein Kriegsrecht, das darauf hinausliefe, dass die "Guten" alles tun dürfen, die "Bösen" hingegen gar nichts, hätte den Beifall auf seiner Seite, würde aber überhaupt nichts bewirken.


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