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Vermeintliche Hilfe in Lebenskrisen: So perfide verführt Scientology Menschen

Eine neue Doku zeigt die skrupellosen Machenschaften von Scientology. stern sprach mit dem Leiter der Scientology-Beratungsstelle Hamburg über Methoden, Mitglieder und Gefahren der Sekte.

Ein Interview von Mirja Hammer

Herr Napieralla, es ist bekannt, dass Scientolgy eine Organisation mit gefährlichen Praktiken ist. In Deutschland zählt sie etwa 3500 Mitglieder. Was macht die Sekte für diese Menschen attraktiv?

Von Scientology fühlen sich häufig Menschen in Lebenskrisen angesprochen, die nach Daseinserklärungen oder nach Problemlösungen suchen. Scientology verspricht den Menschen vermeintliche Hilfe, durch Kontakte, Gespräche und Kurse, sowie soziale Anerkennung - etwas, wonach wir letztlich ja alle streben. Stellen Sie sich da einen Menschen mit wenigen sozialen Kontakten vor, der zum Beispiel gerade eine Trennung hinter sich hat. Er wird von Scientology angesprochen, folgt der Einladung und wird dann von warmherzig scheinenden Menschen umschwärmt, die ihm das Gefühl geben, für ihn da zu sein. Scientologen trainieren über Jahre, wie sie andere geschickt für sich gewinnen und wie sie mit Menschen umgehen müssen, damit diese sich zunächst wohlfühlen.

Um sie dann zu manipulieren... Man weiß, dass Scientology ihre Mitglieder finanziell ausnimmt. Was wird mit dem Geld gemacht?

Es dient der Expansion. Am Anfang spürt man das als Betroffener noch kaum. Die ersten Kurse kosten wenig, vielleicht 50 oder 80 Euro und sind von allgemeinem Inhalt, sie betreffen Fragen der Lebenshilfe. Los geht es meist mit einem Kommunikationskurs. Je stärker man in die Gemeinde hineinwächst, desto teurer werden diese stufenartigen Kurse, in denen man zum vollkommenen Scientologen werden soll. Die Sekte sorgt zudem systematisch dafür, dass man den Kontakt zu kritischen Angehörigen beendet, sodass nur noch Scientologen das soziale Umfeld prägen. Der Ausstieg wird dann immer schwieriger.

Kann man Scientologen Naivität oder gar mangelnde Intelligenz unterstellen?

Im Gegenteil. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit mit Scientologen gesprochen. Viele waren qualifiziert und gebildet und steckten bei Eintritt in die Sekte in einer Lebenskrise. Eine Krise kann natürlich jeden treffen, doch womöglich neigen intelligente Menschen stärker dazu, sie zu hinterfragen. Im besten Fall steht uns in solchen schwierigen Zeiten jemand bei. Aber dieses Glück hat nicht jeder.

Auf welche Menschen hat es Scientology besonders abgesehen?

Im Grunde auf jeden, vordergründig aber auf Prominente und Personen mit gesellschaftlichem Einfluss. Das "Celebrity Center", eine Einrichtung, in der Prominente, häufig Schauspieler, hofiert werden, kümmert sich ausschließlich um solche Leute - in den USA zum Beispiel Tom Cruise oder John Travolta. In Europa ist Scientology bei Prominenten weniger erfolgreich, doch auch hier zielen sie auf Meinungsführer ab. Wenn die Sekte auf Veranstaltungen in Städten und Gemeinden auftritt oder Werbematerial verschickt, wendet sie sich vorzugsweise an politische Entscheidungsträger und Verantwortliche in Behörden.

Wie kann Scientology so unbehelligt auf Veranstaltungen auftreten?

Scientology hat viele Organisationen, die scheinbar ehrenwerte Ziele verfolgen. Etwa die Gruppe "Sag nein zu Drogen. Sag ja zum Leben", oder "Jugend für Menschenrechte". Diese und andere Organisationen engagieren sich vermeintlich für Bildung, gegen Drogen, Krieg und Gewalt und geben sich einen vordergründig humanitären und sozialen Anstrich. Auch die Internetauftritte dieser Organisationen sind hoch professionell gestaltet. Dass dahinter die verfassungsfeindliche, totalitäre Scientology-Organisation steht, bleibt unerwähnt. So können erste Kontakte angebahnt werden. Daher informieren wir regelmäßig über solche Schein- und Lockangebote, damit die Organisation eben nicht so unbehelligt auftreten kann.

Sind Jugendliche besonders gefährdet, von Scientology angeworben zu werden?

Es sind häufig junge Erwachsene, die mit Anfang 20 in einer Sinn- oder Lebenskrise stecken, die dann in Kontakt zur Organisation geraten. In diesem Alter gibt es die meisten Eintritte.

Wirbt Scientology auch systematisch im Internet? Ich denke da an den IS, der Jugendliche über Facebook und Foren anspricht, um sie von seinen Idealen zu überzeugen.

Tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten und Parallelen, was die Funktion der Medien betrifft. Außerdem bietet Scientology orientierungslosen Menschen in Problemsituationen Sinnangebote, genau wie der IS oder auch andere extremistische Gruppierungen - allerdings mit anderen Heilsversprechen.

Dennoch, Scientology verliert weltweit an Popularität und Mitgliedern. Woran liegt das?

Unter anderem das Buch "Going Clear" von Lawrence Wright und die gleichnamige Doku haben die zweifelhaften Methoden von Scientology öffentlich gemacht. Heute gibt es zudem mehr Beratungsstellen, die den Ausstieg erleichtern und die Menschen vor Nachstellungen schützen - Ex-Scientologen trauen sich nun eher zu sprechen. Scientology muss heute stärker um ihren Ruf fürchten, daher kann sie nicht mehr so aggressiv gegen Aussteiger vorgehen. Zudem hat sie gewissermaßen ihr Alleinstellungsmerkmal verloren: Menschen, die nach Lebensverbesserung und Sinnhaftigkeit streben, haben heute eine viel größere Auswahl an Coachingangeboten oder Therapien. Außerdem sorgt die Aufklärung im Internet mit dafür, dass die Organisation an Zuspruch verliert.

Ist Scientology damit weniger gefährlich geworden?

Zumindest bekommt man einen Ausstieg mithilfe der Beratungsstellen und eines Anwalts heute besser hin. Doch ich halte Scientology nach wie vor für eine große Gefahr. Eine scientologische Gesellschaft ist mit unserer Demokratie nicht vereinbar, daher wird Scientology mit Recht vom Verfassungsschutz beobachtet. Zudem opfern die Mitglieder der Organisation vieles von ihrem Leben, ihrem sozialen Umfeld, ihrer Ausbildung und manchmal auch ihrer Gesundheit. Scientology arbeitet äußerst systematisch daran, ihre Expansion voranzutreiben. Dagegen hilft vor allem Aufklärung und professionelle Beratung.

Was bieten Sie als Beratungsstelle an?

Bei unserem Angebot geht es um Ausstiegshilfe, Beratung von Hilfesuchenden, die einen Partner oder Verwandten an Scientology verloren haben, um Probleme, die Scientology in der Wirtschaft oder in sozialen Zusammenhängen verursacht und vieles mehr. Jährlich erreichen uns rund 400 bis 500 Anfragen - vorwiegend aus Hamburg und Umgebung, aber auch aus dem übrigen Bundesgebiet und zum Teil aus dem Ausland.

Scientology ist eine verfassungsfeindliche Organisation, die seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In einer "scientologischen Gesellschaft", wie sie von den Scientologen angestrebt wird, wären wichtige Grundrechte wie etwa die Menschenwürde, Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung außer Kraft gesetzt.

Mehr Informationen zur Ideologie und den Methoden sowie umfangreiche Beratungsangebote für Aussteiger und Angehörige finden Sie auf der Seite des Verfassungsschutzes.

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