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Andreas Petzold: #DasMemo: Ach, Hellas! Warum?

Die Griechen haben mit Nein gestimmt, das alte Europa ist Geschichte. Die Nein-Sager sind den Utopien der eigenen Regierung zum Opfer gefallen, der Weg aus dem Euro ist beschritten. Dem Land droht eine nie da gewesene Verarmung.

Ein großes Nein zu Europa steht auf einem Schild

Die Griechen haben mit Nein gestimmt, die Idee eines einigen Europas hat Schaden genommen

Griechenland hat sich von Europa verabschiedet. Das haben die Wähler mit deutlicher Mehrheit entschieden. Das Ergebnis ist ein tief gespaltenes Land, das orientierungslos auf einen kompletten sozialen, ökonomischen und politischen Kollaps zusteuert. Denn Versprechen, dass nach einem Nein eine bessere Einigung mit den Gläubigern erzielt werden kann, wird sich schnell in Luft auflösen. Spätestens dann, wenn die Eurogruppe bei ihrer Sitzung in dieser Woche beschließt, Verhandlungen über einen Vertrag über den Austritt Griechenlands aus dem Euro aufzunehmen. Das wird nach stern-Informationen in Kreisen der EZB und der Euro-Finanzminister erwogen. 

In zehn Jahren noch werden sich Historiker, Ökonomen und Publizisten mit der Frage beschäftigen, wie es so weit kommen konnte, dass eine kleine Volkswirtschaft, die etwa zwei Prozent der Wirtschaftsleistung in die Eurozone einbrachte, vom Rest Europas nicht gerettet werden konnte. Schuldige finden sich leicht auf allen Seiten, doch das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. 

Opfer der eigenen Regierung

Warum nur, fragt sich der Rest Europas, haben sich die Griechen nun von Europa los gesagt? Die "Nein"-Sager fielen den Utopien einer Regierung zum Opfer, die mit putinesken Verdrehungen wochenlang öffentliche Gehirnwäsche betrieben hatten. Alles, was schief gelaufen ist, geschlossene Banken, gekappte medizinische Versorgung, blockierter Handel, gedrosselte öffentliche Versorgung, wurde von Tsipras auf das Konto der Gläubiger gebucht.  Zum anderen steckt hinter dem "Nein" ein tief wurzelnder Drang, die Ablehnung von Reformen mit nationaler Identität zu verwechseln, wie der Publizist Nikos Dimou erklärt: "Griechenlands Gesellschaft ist sehr konservativ. Jedes Mal, wenn reformiert werden sollte, reagierten die Leute so, als handele es sich um eine ausländische Invasion."

Die humanitäre Katastrophe beginnt erst jetzt

Ein weiterer Grund ist banaler: es gibt inzwischen viele mittellose Griechen, denen es egal ist ob sie keine Euro oder keine Drachme haben. Weniger als nichts geht nicht, denken sie. Dann wählen wir wenigstens unsere Würde als Griechen, unseren Nationalstolz, den uns niemand abkaufen kann. Man will nicht mehr Europas Bettler sein und nimmt das unabsehbare Chaos in Kauf. Denn die wirkliche, von Alexis Tsipras so oft zitierte humanitäre Katastrophe beginnt jetzt. Und er hat sie verschuldet! Er trägt nun die Verantwortung für den Rücksturz seines Landes in die totale Verelendung.

Es deutete sich schon Anfang Februar, zwei Wochen nach der Wahl an, als ich mit meinen Kollegen Alexis Tsipras in Athen interviewte und fragte, ob die Drohung eines Grexits ernst gemeint ist. Er bejahte das. "Man muss diese Möglichkeit im Kopf haben, sonst kann man nicht ernsthaft verhandeln." Wohl einer der ganz seltene  Sätze von Tsipras, der heute noch Gültigkeit hat

Eine vernünftige Agenda gab es nie

Die Frage ist jetzt müßig, ob Syriza konsequent ihren alten Umverteilungstraum verwirklichen wollte und sich mit  monatelangen Finten und Winkelzügen konsequent aus dem Euro raus verhandelt hat. Oder ob eine Kaskade von Fehleinschätzungen der Regierung an dem Desaster Schuld ist. Eine vernünftige (!) Agenda jedenfalls gab es nie. Nur Ideologie - die des linksradikalen Gesellschaftsmodells, geprägt von frühen lateinamerikanischen Sozialismus-Phantasien.

Zumindest ist nun eine unwiderrufliche Entscheidung gefallen. Der Rest der Welt weiß nun, dass Europa und die Eurozone keine unumkehrbare Idee mit Ewigkeits-Garantie ist. Was in Zukunft nicht nur höhere Zinsen für Staatsanleihen, sondern politische Glaubwürdigkeit kosten wird. Deshalb werden nun die Regierungsschefs der Eurozone und der (noch) 28 EU-Staaten zusammenkommen müssen und darüber beraten, wie die Zukunft aussehen soll. Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, im Kern die Eurozone, in der Peripherie Staaten wie England, die dem Model nicht so recht trauen? Über die geordnete Abwicklung insolventer Staaten muss beraten werden - eine lange, steile Lernkurve liegt vor dem Europäischen Rat. Am Ende ist es gut so. Denn aus den großen Krisen Europas ist noch immer eine engere Verzahnung entstanden, die Europas Völker den Wohlstand im globalen Wettbewerb sichern.

Häme ist unangebracht, Hilfe nötig

Die Griechen wollten nicht mehr dabei sein. Verkneifen wir uns jegliche Schadenfreude, jegliche Häme. Die Menschen dort sind nicht das erste Volk, das von einer Regierung in die Irre geführt worden sind. Und die kommenden Wochen und Monate werden sehr bitter für das griechische Volk. Es mündet nun, aller Voraussicht nach, in weiterhin geschlossene und demnächst verstaatlichte Banken, eine Parallelwährung mit Schuldscheinen bis zu Einführung der Drachme, einen Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung mit Medizin, Öl und Benzin, still gelegten Produktionen, Entlassungen und einer nie da gewesenen sichtbaren Verarmung. Europa ist, weil es sich als Wertegemeinschaft versteht, verpflichtet, diesen Opfern einer selbstsüchtigen, verblendeten Politik zu helfen.