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"Angliederung an Österreich": Ein griechischer Inselwitz

"Wir denken über eine Angliederung an Österreich nach." Dieser Satz aus Ikaria machte die Runde. Gefallen ist er tatsächlich. Ein Scherz mit Folgen - auch bei stern.de.

Von Luisa Brandl

Das bankrotte Griechenland und seine reizvollen Inseln:Immer wieder schossen in den vergangenen Monaten Spekulationen über den Verkauf der Ferienparadiese ins Kraut. Eine große deutsche Boulevardzeitung hatte das Verscherbeln der schönsten Strände bereits im März als Lösung für die Schuldenkrise des gebeutelten Mittelmeerstaates lanciert. Ein britisches Blatt behauptete drei Monate später, es gäbe chinesische und russische Investoren, die schon Schlange vor den Maklerbüros stünden. Die Inseln sind längst zu einem Reizthema geworden. Getoppt wurde das von einer Meldung von einem Eiland der nördlichen Ägäis. Es geht um die kleine Insel Ikaria, die sich angeblich für unabhängig erklären und Österreich angliedern wollte.

War alles nur erfunden?

In die Welt gesetzt hat es die italienische Zeitung "Libero", die über Frust auf Ikaria über die Regierung in Athen berichtete. Der Artikel schloss sinngemäß mit dem Satz: "Deshalb denken wir über eine Angliederung an Österreich nach." Das Zitat wurde von österreichischen Zeitungen aufgeschnappt, dem Sprecher des Bürgermeisters der Insel zugeschrieben und von österreichischen und deutschen Medien aufgegriffen, auch von stern.de. Niemand – journalistisch unsauber - fragte danach, ob das Zitat so gefallen sei und offizielle Haltung Ikarias sei.

Die Schlagzeilen überschlugen sich mit Behauptungen und Dementis, auch weil die griechische Botschaft in Wien darauf reagierte. Die "Salzburger Nachrichten" berichteten von einer bevorstehenden Volksabstimmung unter den gut 8000 Bewohnern der Insel, deren Name auf die griechische Sage von Ikarus und Dädalus zurückgeht. "Weltonline" schrieb von "großen Zukunftsplänen mit Österreich". Bei stern.de "liebäugelte" Ikaria mit Österreich. "Ägäis-Insel will angeblich zu Österreich", titelte der Standard auf seiner Website am Donnerstag um 12.45 Uhr und schrieb exakt 53 Minuten später, die Mär vom Anschluss sei geplatzt und prangerte den "Blödsinn in den Medien" an.

Hinterher waren alle schlauer. Bezweifelt wurde, ob je einer auf der Insel diesen einen entscheidenden Satz mit Österreich überhaupt gesagt habe. Der Journalist von Libero, Alvise Losi, bestätigt das im Gespräch mit stern.de. Und auch ein bedeutender Teil der Geschichte ist wahr: Viele Bewohner des Eilands sind voller Wut auf die Regierung in Athen und auch das Thema Unabhängigkeit wird diskutiert. Der Satz sei zwar scherzhaft gemeint gewesen, entspräche aber dem wachsenden Unbehagen des Inselvolks, das sich seit Jahren von Athen im Stich gelassen fühle, sagt der Mailänder Journalist, ein echter Kenner Ikarias.

Eine Unabhängkeit der Insel wäre reizvoll

Losi, der nach eigenen Angaben seit seiner Kindheit Urlaub im Sommerhaus der Eltern auf Ikaria macht, startete eine Telefonumfrage unter seinen langjährigen Freunden und Bekannten auf der Insel. Der Zeitraum passte: Am 17. Juli jährte sich zum 100. Mal der Aufstand, bei dem die Rebellen die osmanischen Fremdherrscher vertrieben und mit Griechenland ein Beitrittsabkommen geschlossen hatten. Dieses Abkommen von 1912 war zwar auf 100 Jahr befristet, wurde jedoch wenige Jahre später, 1923, durch die Verträge von Lausanne festgeschrieben. "Die Bewohner von Ikaria äußern immer wieder ihren Stolz auf die einst errungene Unabhängigkeit", sagt Losi. Nach der Vertreibung der Türken hätten sie sich dreieinhalb Jahre selbst verwaltet, ehe die Griechen das Zepter übernahmen. Der Rebellenführer Georgos Spanos werde von allen als Held der Insel verehrt.

Ein neuer Rebellenführer müsste her

Die Rückbesinnung auf Spanos nehme umso mehr zu, je mehr sich bei den Insulanern die Wut auf die politischen Pleitiers in Athen aufstaue, so Losi. Es gebe kein Krankenhaus auf der Insel und die Straßen würden seit Jahren nicht mehr ausgebessert. Dabei sei das Eiland lebenswichtig für Athen, weil sie einen Großteil für den Fischmarkt in der Hauptstadt liefere. Losi beobachtet, wie er berichtet, seit Jahren, wie sich der Unmut in Ikaria breit macht. In einem Telefongespräch am 10. Juli mit der italienischstämmigen Griechin Anna Caruzzo fragte Losi, ob es denn gerecht sei, dass die Insel zu Griechenland gehöre? Es gebe keine Alternative, antwortet die Frau, aber Athen müsse auf die Forderungen nach besserer Versorgung und Infrastruktur eingehen. Wenn weiter nichts passiere, könne man sich auch für die Unabhängigkeit entscheiden. "Würdet ihr euch dann etwa den Türken anschließen?", hakt Losi nach. "Nein, mit den Türken auf keinen Fall, dann schon eher mit Österreich", sagt die Interviewte.

Das sei natürlich ein Scherz gewesen, sagt Losi, und ein schöner Schlusssatz für seinen Artikel (ohne Hinweis, dass es ein Witz sein sollte). Er habe nicht damit gerechnet, dass die Nachricht derartige Wellen schlägt.

Schlagzeilen sind gut fürs Geschäft

Der Sprecher des Bürgermeisters Nicos Calamaras kann darüber nicht lachen: "Wir wollen nach wie vor zu Griechenland gehören. Die ausländischen Journalisten haben den Satz völlig verdreht", sagt er ärgerlich. Die interviewte Anna Caruzzo dagegen sagt, die Leute auf Ikaria seien genervt, weil die Fähren nach Athen vierzig Jahre alt seien, so alt wie das Passagierschiff "Express Samina", das im Jahr 2000 vor der Insel Paros gesunken war und 79 Menschen in den Tod riss. Und im Winter, wenn die See rau sei, gebe es nur alle zwei Tage eine Flugverbindung in die Hauptstadt. "Wir fühlen uns vernachlässigt und abgeschnitten", sagt Caruzzo. Hat sie damit gerechnet, dass Ikaria in den Schlagzeilen landet? "Nein, aber so erfährt die Welt von unseren Problemen", sagt die Wirtin einer Pension auf der Insel. Sie hofft nun, dass die Nachricht den Tourismus ankurbelt: "Für uns ist das Werbung."