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AFGHANISTAN: Die letzte Reportage

Zwei Tage vor seinem Tod schickte Volker Handloik den folgenden Bericht über die Kriegsherren im Norden Afghanistans, die vom Unfrieden profitieren. Am Wochenende wollte er ihn ergänzen. Bei der Recherche wurde er erschossen. Aus stern Nr. 47/2001.

Volker Handloik wollte sich am Sonntag in der stern-Redaktion in Hamburg melden, um über den letzten Stand der Offensive der Nord-Allianz im Frontabschnitt bei Dasht-e-Qaleh zu berichten. Zusammen mit fünf weiteren Journalisten ging er am Nachmittag auf einem Schützenpanzer der Oppositionstruppen auf Erkundungsfahrt. Ein örtlicher Kommandant hatte die Reporter dazu eingeladen. Dabei geriet der Schützenpanzer nicht weit außerhalb der Ortschaft in einen Hinterhalt der Taliban. Die eröffneten das Feuer mit Maschinengewehren und Granatwerfern. Bei dem Gefecht starben die französischen Rundfunkjournalisten Johanne Sutton, 34, und Pierre Billaud, 31. Auch der 40-jährige Volker Handloik wurde bei dem Angriff getötet. Sein Leichnam konnte erst gegen Morgen geborgen werden. Die Schilderung der Erkundungsfahrt sollte die folgende Reportage über Commander Hassan, seine Truppe und die anderen Bündnispartner des Westens einleiten.

Die unheilige Allianz

Vor Mamur Hassans weitläufigem Landgut liegt das Wrack eines Taliban-Flugzeugs, abgeschossen von seinen Männern. In seinem Garten schnäbeln Gänse, in seiner Voliere wandern Fasane am Gitter entlang, eine Platane spendet Schatten, und er, der Kriegsherr, sitzt - nein, er thront auf einer Holzbank, und hinter ihm steht sein Sohn Ata, der Kronprinz. Mamur Hassan, der »Warlord« im Grenzgebiet, hält Hof. Seine Lieutenants umringen ihn. Menschen bringen Bittbriefe, der Kriegsherr schreibt Passierscheine. Ein halbes Dutzend seiner Männer hält in Uniform Wache. Neben einem Obstgarten steht eine Zwillingsflugabwehrkanone, zwischen Gesindeküche und Gästehaus lagern tarngrüne Munitionskisten - ein friedvolles Kriegslager.

Mamur Hassan, 57 ist er (vielleicht, so genau weiß er das selbst nicht), hat eine erstaunlich junge Stimme, zwei Frauen, sieben Kinder, 1000 Pferde und 5000 treue Soldaten. Er ist notorischer Rebell, Mudschaheddin, einer der Gotteskrieger, die schon gegen die sowjetische Besatzung gekämpft haben, und unter den Mudschaheddin ein Gebietsfürst, ein so genannter Commander. Er ist ein guter Mann. Er ist ein weiser Herrscher. Und er symbolisiert die Nord-Allianz und ihr Feudalwesen und mit ihm alles Schlechte Afghanistans. Denn seine Macht, die er nie aufgeben wird, steht jeder zukünftigen Zentralgewalt entgegen.

Verwobener Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete

Männer wie er sind die letzte funktionierende Instanz in Afghanistan, aber so lange es ebendiese Männer gibt, wird das Land nie wirklich funktionieren. Männer wie er nehmen das Gesetz in ihre eigenen Hände, wenn sie es anderen entwunden haben. Sie sprechen Recht, wie an diesem Tag unter dem großen, schattigen Baum. Erst kürzlich ließ Mamur Hassan vier Männer, angeblich Mörder und Vergewaltiger, henken, öffentlich. Wie soll man auch anders richten in einem Land, das keinen Staat kennt, das ein unergründliches Feudalwesen ist? Das aus einem verwobenen Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete besteht, die Polizeigewalt ausüben, Steuern erheben, Wegezölle eintreiben. Schamlos plündern die örtlichen Fürsten sogar Hilfskonvois. Sie nennen es Transportzoll oder »Steuern«.

Die Organisation »Cap Anamur« wurde im Oktober gezwungen, die Lastwagen für ihre 40-Tonnen-Lieferung, inklusive

Klinikausrüstung, an der tadschikischafghanischen Grenze zu wechseln: Kosten 1400 Dollar. Dann erhoben die Gebietsfürsten am Grenzposten bei Ai Khanoum noch einmal 1400 Dollar »Einfuhrzoll« für Medikamente, Milchpulver und Wärmedecken, die für die 70 000 Flüchtlinge auf dem Gebiet der Nord-Allianz bestimmt waren. Ein leitender Funktionär des »Außenministeriums« der Nord-Allianz in Chodja Bahauddin kaufte sich kürzlich vier neue japanische Jeeps. Erworben mit dem Geld, das örtlichen Dolmetschern und Fahrern von Hilfsorganisationen abverlangt wird, bis zu 20 Prozent ihrer Einnahmen. Kasse wird bei allem gemacht: Unterkunft für Journalisten, Passierscheine, Flussüberquerungen. Der Dollar verlor wundersamerweise innerhalb von vier Wochen die Hälfte seines Wertes.

Doch selbst dieses Außenministerium ist ein Nichts. Wirklich Geld verdient der Provinzfürst Mohammed Kabeer Marzban, Herr von Chodja Bahauddin, ein alter Mudschaheddin und Kumpel von Mamur Hassan, welcher bei Dasht-e-Qaleh sitzt, inmitten seiner Fasane und Gänse und treuen Usbeken-Milizen. Wenn Marzban heute nicht mehr will, zieht das »Außenministerium« morgen aus. Durch Marzbans Gebiet läuft der Hauptexportweg afghanischen Opiums Richtung Tadschikistan.

»Das Land der Seufzer«

Der örtliche Warlord ist das Gesetz. Der ferne »König« - in diesem Fall Präsident Burhanuddin Rabbani - wird kaum wahrgenommen. Verwildertes Afghanistan - »das Land der Seufzer«, wie es in der Landessprache, in Paschtu heißt. »Hat sich

jemals jemand um uns geschert, bevor New York in Flammen aufging?», fragt Mamur Hassan und lacht sein jungenhaftes Lachen. «Wir werden niemals müde zu kämpfen.» Es gibt hier Schlimmere als diesen Mamur Hassan, Bessere kaum.

Soziale Verantwortung in dem durch 22 Jahre Krieg und Besetzung demoralisierten Landstrich kennt niemand. Es existieren zwar »Ministerien«. Doch bis auf das Verteidigungs- und das Sicherheitsministerium sind sie Chimären: Lehrer und Ärzte gibt es kaum, oder sie werden nicht bezahlt. Das Flüchtlingselend wird durch westliche Hilfsorganisationen und das Nachbarland Iran gemildert.

Nur der heutige Tag zählt

Eine Million Tote, unzählige Verkrüppelte durch einst 50 Millionen Landminen haben die Menschen in ein modernes Mittelalter gestoßen, in dem nur der heutige Tag zählt. Intelligenz und Mittelschicht wurden ausgerottet oder sind geflohen. In den Bürgerkriegswirren entwickeln sich Verhältnisse, wie man sie in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr kennt. Eine Familie aus Chodja Bahauddin zum Beispiel wechselt seit 21 Jahren alljährlich ihre Wohnstatt, zieht von hier nach da, geht mit der Front und den Wechselfällen des Lebens, die sie weder verstehen noch beeinflussen kann.

In der Zeit gestrandete Polizisten in altersmüder Uniform und wackeliger Schirmmütze stapfen durch den Wüstendreck,

versuchen einen Verkehr zu regeln, den es nicht gibt, Ordnung zu halten, die niemanden mehr interessiert. Zurückgeblieben bei dieser Lebensweise auf dem Gebiet der Nord-Allianz sind arme Bauern und brotsuchende Soldaten und kleine Geschäftemacher.

Tolles Artillerie-Duell

Geschäfte: Über die angeblich so hart umkämpfte Frontlinie wird Benzin in das Gebiet der Nord-Allianz gebracht, gutes Benzin, das zuvor die Turkmenen an die Taliban verkauft haben. Um Geld von den jeweiligen Sponsoren zu erhalten, werden auch schon mal Gefechte abgesprochen; »National Geographic« zuliebe, so berichten es die Milizionäre, wurde im vergangenen Jahr ein tolles Artillerie-Duell aufgeführt, das schlagartig ein Ende fand, als das Kamerateam seine Ausrüstung einpackte: Zweck erfüllt.

Handel: Die gesamte Nahrung, alles außer Reis, wird aus dem Taliban-Gebiet mit Eselskarawanen eingeschmuggelt. Auch daran verdienen die örtlichen Machthaber, die fast alle emporgekommene Mudschaheddin sind. Zurück über die Grenze gehen Edelsteine aus den berühmten Bergwerken Badachshans und das Rohopium, mit dem die Warlords ihre Soldaten bezahlen. Immer wieder gibt es Berichte, dass die Kriegsherren sich in den Flüchtlingslagern Nachwuchs für ihre Hausmacht pressen. Auffällig oft werden Soldaten der Allianz älter gemacht, als sie sind. Auffällig auch, dass manche Freiwillige keine Waffen erhalten, nicht allein mit Journalisten reden dürfen, sich kaum bewegen können. Manche geben zu, dass ihre Eltern nicht

wissen, wo sie sind.

Krieg ist Alltag geworden. Krieg ernährt Krieg. Die Flüchtlingslager selbst werden als Artilleriestützpunkte missbraucht, am Lager Nowabad, in dem etwa 7000 Menschen leben, hat ein Commander eine 130-Millimeter-Kanone russischer Bauart eingegraben, die lustig ins 30 Kilometer entfernte Taliban-Gebiet feuert.

Wen es dort trifft, Bauern oder Soldaten, interessiert weder ihn noch die vierköpfige Besatzung. Und dass die Antwort der Taliban, ihre Granaten oder Raketen, dann im Flüchtlingslager einschlagen könnten, nehmen sie in Kauf.

Krieg ist Krieg

Krieg ist Krieg. Auch wenn er nur Theater ist, Brauchtum fast, ein Gegner findet sich immer. Erst kämpften sie untereinander, dann gegen die Sowjets, dann erneut untereinander. Wenn die Taliban verschwunden sein sollten, wieder untereinander. Die Nord-Allianz selbst wird dafür sorgen. Mamur Hassan und seine Usbeken wollen nach Westen, um sich bei Mazar-i-Sharif mit General Dostum zu vereinigen. Präsident Rabbani oder der Exilkönig ist ihnen völlig egal.

Die Tadschiken unter General Fahim - auch er ein Ex-Kommunist wie Dostum - streben nach Süden, ins Pandschirtal und in Richtung Kabul. Dort hat man ihnen die Zerstörung der Stadt, die Plünderungen und Massenvergewaltigungen noch nicht

verziehen. Nach Belagerung und dem Sturz des von den Russen eingesetzten Herrschers Nadschibullah waren sie 1992 als Eroberer und nicht als Befreier einzogen. Unvergessen auch die Orgie von 1988 an der »befreiten« Zivilbevölkerung von Kunduz, keine zwei Autostunden von Mamur Hassans Landsitz entfernt, als tadschikischstämmige Truppen sich genauso verhielten, wie man es an der Front der Nord-Allianz über die Taliban hört: Alte verbrannt, Kinder zertreten, Frauen missbraucht und abgeschlachtet. Eine Frauenrechtlerin in Chodja Bahauddin sagt durch ihre Burka hindurch: »Bei den Taliban muss ich aus religiösen Gründen verdeckt sein, bei den Mudschaheddin aus Sicherheitsgründen, denn sonst würden sie jede hübsche Frau vergewaltigen.«

Wilddiebe in Uniform

Wilddiebe in Uniform. Verrat ist das falsche Wort für ihre Handlungen. Überleben ist eben alles. General Rashid Dostum ist ein farbiges Beispiel. Direkter Zögling des letzten kommunistischen Präsidenten, verließ er diesen zwei Monate vor seinem Sturz und schloss sich General Massud an, dem »Löwen vom Pandschir«, der acht Offensiven der Sowjets trotzte. Der Usbeke Dostum kam durch Verrat, und er ging durch Verrat. Zwischenzeitlich hatte er einen Ministaat um Mazar-i-Sharif errichtet, mit eigener Fluglinie, eigenen Briefmarken, einem Palast mit Plastebäumchen und niedlichem Springbrunnen. Er trank maßlos Alkohol, schneiderte sich eine hübsche Uniform und hielt sich einen Kulturminister. Jetzt ist Dostum aus dem türkischen Exil zurück, zur rechten Zeit, und alles soll so sein wie früher.

General Fahim, Tadschike, Nachfolger des Märtyrers Masoud, war Geheimdienstchef zweier Herren: Erst diente er Nadschibullah, dann Masoud. Er war in Kabul bekannt für seine harte Hand.

Ein afghanisches Sprichwort sagt: »Hinter jedem Berg sitzt ein König.« Nach General Massouds Ermordung durch zwei angebliche Journalisten trauten sich die Warlords des Nordens nicht zu ihren Verbündeten ins Pandschirtal im Süden zur Beisetzung des charismatischen Führers - zu groß war ihre Angst vor möglichen Rivalitäten. Massud war es übrigens, der dem »Commander-System« ein Ende bereiten wollte, dieser Quelle aller Zwistigkeiten in einem Land, von dem seine Bewohner sagen: Wenn drei Afghanen sich einig sind, können zwei davon keine Afghanen sein.

Verrat, Bestechung und Intrige

Die Taliban selbst haben die meisten ihrer Landgewinne nicht durch Eroberungen gemacht, sondern durch Verrat, Bestechung und Intrige. Vor allem an der Frontlinie um Taloqan - im Norden des Allianz-Gebietes - haben viele Mudschaheddin mehrfach die Fronten gewechselt. Geld war der Grund: Die Kommandeure hatten von Massud für 3000 Mann Sold genommen, 200 bezahlt, den Rest in die eigene Tasche gesteckt und dann die Fronten gewechselt.

Heute will die Allianz davon nichts mehr wissen und täuscht Einigkeit gegenüber dem Westen vor. Als ob Afghanistan je einig gewesen wäre, 40 Jahre Frieden hat das Land in den letzten Jahrhunderten gekannt, 40 Jahre unter einem milden König, der

von seinem eigenen Schwager fortgejagt wurde, als er zum Einkaufsbummel in Rom weilte.

Allah ist groß!

An diesem sonnigen Tag sitzt neben Mamur Hassan, der einst Agrartechnik studierte, bevor er in die Berge ging und Mudschaheddin wurde, ein Mann mit scharfen Zügen und dunklen Augen. Sein Cousin, der Mann von Hassans Nichte, der Mörder von Hassans Mutter, sein Gegner während 14 Jahren, Ex-Kommunist, Nadschibullah-Soldat. »Wir müssen vergeben lernen«, sagt der Kriegsherr, »Afghanistan kommt zuerst, und unsere Feinde müssen wir vertreiben, so ist das eben im Krieg.«

Und man sieht an seinen Augen und an der Körperhaltung seiner Lieutnants und in den würdevollen Gesichtern seiner Wesire, dass sie es sein werden, die entscheiden, wer Freund und wer Verbündeter ist, wer Feind und wer Taliban, wenn sie übermorgen wieder in Kunduz sind oder in Mazar-i-Sharif. Und dann weiß man, dass da der Westen nichts, aber auch gar nichts mitzureden hat. Allah ist groß!

Volker Handloik