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Afghanistan: Hierher kommt man, um zu sterben

Die westlichen Truppen gegen Taliban, Al-Kaida-Kämpfer und Selbstmordattentäter: Wer die Provinz Helmand kontrolliert, heißt es, der gewinnt den Krieg in Afghanistan. Doch der Blutzoll ist hoch, allein im Juli starben 45 alliierte Soldaten. Wie gefährlich und wie wichtig der Einsatz in der Region ist, berichtet Carsten Stormer. Er begleitet eine Einheit der US-Marines.

Die Arbeit bloß nicht zur Routine werden lassen! Das da draußen ist immer noch Kriegsgebiet; das Land der Taliban und der Drogenbarone. Tödlich, für jeden Fremden der unachtsam ist oder die Konzentration verliert. Auch wenn man schon Dutzende Male durch die Wüste gefahren ist; "der Feind ist irgendwo dort draußen und beobachtet dich", sagt Sergeant Jolanda Gillen vom 24. Marine Expeditionary Unit (24-MEU), einer Elite-Einheit der US-Streitkräfte, und trommelt dabei mit den Fingern auf den Schaft ihrer )-Millimeter-Pistole. Alle drei bis fünf Tage führt die 27-Jährige einen Konvoi aus zwölf gepanzerten Lastwagen und vier Humvees, geländegängigen US-Armeefahrzeugen, tief ins Innere der afghanischen Provinz Helmand. Beladen mit tonnenweise Trinkwasser in Halbliter Plastikflaschen, so genannten MREs, Meals Ready to Eat, die in Tüten verschweißten Fertigessen der amerikanischen Armee, Munition, Waffen und manchmal Kartons mit Feldpost aus der Heimat für die kämpfenden Truppen in den Außenposten an der Front, wo sich amerikanische Soldaten festgebissen haben und sich Gefechte mit der Turbanarmee der Taliban liefern.

Es ist kurz vor sechs Uhr morgens in Camp Bastion, dem gewaltigen Militärlager, das die Briten in ein menschenfeindliches Nichts gebaut haben; eine Festung aus Stacheldraht und Licht. Eine riesige Zeltstadt, in der Menschen und Material als Nachschub für den Krieg gegen den Terror gelagert werden. Außen herum nichts als Wüste; Sand und Staub. Kein Feind würde es wagen, das Lager anzugreifen. Im Osten steigt ein riesiger Feuerball aus dem Staubnebel, und das Thermometer zeigt schon jetzt 36 Grad. "Angenehm kühl", sagt Sergeant Gillen, grinst, setzt sich eine Skibrille auf und bindet sich ein Tuch um Nase und Mund, um sich vor Staub und Sand zu schützen. Ein Corporal montiert ein Maschinengewehr Kaliber 50 auf die Kanzel eines Humvees, jemand flucht angesichts der bevorstehenden Strapazen.

"Roger that, Sir"

Dann verteilt Jolanda Gillen Codewörter, Funkfrequenzen und die Koordinaten der heutigen Route. "Roger that, Sir", rufen 25 Männer im Chor, werfen sich in ihre schusssicheren Westen und stülpen Helme auf ihre kahlgeschorenen Köpfe. Ein Kaplan betet, dass Gott sie vor Hinterhalten und Sprengfallen beschützen möge und wünscht den Soldaten eine sichere Reise. Wenige Minuten später ruckelt der Konvoi in die Staub- und Sandwelt Helmands, der Unruheprovinz Afghanistans, in der zurzeit fast kein Tag ohne Opfer vergeht; amerikanische Soldaten, britische, Kanadier, afghanische Zivilisten. Fünf Tage soll die Tour de Force durch feindliches Gebiet dauern und hinter den mit Stacheldraht gesäumten Barrikaden und Minengürteln von Fort Bastion lauern Selbstmordattentäter, die in der einen Hand den Koran halten und um den Bauch einen Sprengstoffgürtel geschnallt haben. Nachts buddeln Taliban und Milizen der Mörderbande al Kaida selbstgebastelte Bomben in den Sand.

Helmand. Wer diese Provinz kontrolliert, gewinnt den Krieg, heißt es. Danach sieht es im Augenblick für die Koalitionstruppen nicht aus. Es mangelt schlicht an Truppen. Bislang versuchten rund 8.500 Briten die Taliban in den Griff zu bekommen, während Militärexperten raten, dass mindestens 25.000 Truppen in der Region nötig sind, um einigermaßen Sicherheit zu schaffen. Deshalb schickte die amerikanische Regierung Anfang April dieses Jahres 2200 Elite-Soldaten des US-Marine Corps, das 24-MEU, in den Süden Afghanistans, um die ausgelaugten und in der gesamten Provinz verteilten britischen Truppen zu unterstützen. Auch, weil sonst kein anderes Land bereit war, die Verbündeten zu unterstützen - denn nach Helmand kommt man, um zu sterben, wie die Afghanen sagen. Der Juni war mit 45 gefallenen alliierten Soldaten der verlustreichste Monat für US- und Nato-Truppen seit Beginn des Krieges.

Helmand war Brotkorb Afghanistans

Helmand, mit dem Helmand-Fluss als Lebensader und knapp einer Million Einwohnern, war einst der Brotkorb Afghanistans. Dreißig Jahre, wechselnde Herrscher und über einer Million Tote später ist die Provinz vor allem eines: die Opiumkammer des Landes. Afghanistan liefert 93 Prozent des Opiums für den Weltmarkt. Mehr als zwei Drittel stammt aus Helmand, und der Erlös fließt in die Kriegskasse der Gotteskrieger. Das Uno-Büro für Drogen und Gewalt (UNODC) schätzt, dass die Taliban allein im vergangenen Jahr 200 bis 400 Millionen Dollar durch die Besteuerung der Drogenschmuggler und Opiumbauern einnahmen. Im Niemandsland des Terrors nutzen die Gotteskrieger und ihre Verbündeten die unzugänglichen und abgeschiedenen Täler im gebirgigen Norden der Provinz als Transitrouten für Drogen, Waffen und Verstärkung für die Turbanarmee. Ungehindert und in Massen sickern sie aus Pakistan in Afghanistan ein.

In einem sind sich Experten der Alliierten, Hilfsorganisationen und der afghanischen Regierung einig: Wer die Taliban besiegen will, muss zuerst den Krieg um das Opium gewinnen. Weil man so die frommen Männer mit ihren Kalaschnikows und Sprengstoffgürteln von ihren Einkommensquellen abschneidet. Catch 22, wie die Amerikaner sagen - eine ausweglose Situation. Was man auch macht, es ist falsch. Verbrennt man die Mohnfelder, nimmt man den Bauern die Existenzgrundlage und treibt sie in die Arme der Taliban, die ihnen als Paschtunen ohnehin näher stehen als die ungläubigen Krieger aus dem Ausland oder die weit entfernte und schwache Regierung in Kabul. Lässt man sie gewähren, kaufen die Taliban weiterhin fröhlich Waffen und Sprengstoff ein, um den Traum ihres Gottesstaates zu verwirklichen.

Das große Gemetzel steht noch bevor

Wie dramatisch sich die Situation auch anhören mag, Afghanistan geht es ungleich besser als vor einigen Jahren. Immer mehr Mädchen besuchen eine Schule, das Gesundheitswesen verbessert sich ständig in den Städten, die Wirtschaft boomt, und Flüchtlinge kehren zurück. Doch der Taliban-Widerstand im Süden und Osten Afghanistans, mit Helmand als Epizentrum, gefährdet die zarten Fortschritte und den Aufschwung in anderen Teilen Afghanistans. Schlimmer noch, er droht auf sie überzugreifen, wie die gestiegene Zahl an Selbstmordanschlägen in Kabul oder im relativ sicheren Norden beweisen

Mit militärischen Mitteln können die Taliban den Krieg gegen die technologisch überlegenen Nato Truppen und der inzwischen gut ausgebildeten afghanische Armee ohnehin nicht gewinnen. Müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie den Krieg in die Länge ziehen, ihn aussitzen; ein Scharmützel hier, ein Selbstmordattentäter dort. Mit dieser Taktik hoffen sie, dass Nato und Amerikaner irgendwann entnervt und entkräftet Afghanistan verlassen. Die meisten Afghanen sind inzwischen ohnehin davon überzeugt, dass die Gotteskrieger länger durchhalten werden. Das große Gemetzel steht noch bevor, befürchten sie. Amerikaner oder Briten gewinnen zwar jede Schlacht - aber nur für ein paar Stunden oder Tage. Dann kehren sie in ihre sicheren Festungen und die Taliban in die Dörfer und Widerstandsnester zurück. Es fehlt an Truppen, um die Gegend langfristig zu befrieden, damit Hilfsorganisationen folgen können; Ärzte, Lehrer, Polizisten, die nicht korrupt sind. Ohne Sicherheit kein Aufbau - das Gleiche gilt auch umgekehrt.

Sergeant Sergeant Jolanda Gillen hat andere Sorgen. Nach fünf Stunden erreicht der Konvoi das erste Etappenziel, Fort Dwyer. Immer wieder musste man anhalten, weil Fahrzeuge oder Motorräder entgegen kamen. Die Fahrer mussten aussteigen, während Maschinengewehre auf sie gerichtet waren und Soldaten Insassen und Fahrzeuge nach Sprengstoff und Waffen durchsuchten. Bloß kein Risiko eingehen! Das Thermometer zeigt 49 Grad, und Gillen wischt sich Schweiß und Staub aus dem Gesicht. "Ich will nur unsere Jungs versorgen und meine Männer heil nach Hause bringen", sagt sie.

Schon mehrfach fuhr einer der Wagen auf eine Mine oder eine IED (Improvised Explosive Device), eine in den Sand gegrabene Sprengfalle. "Bisher ist alles gut gegangen. Ein paar Kratzer, das war alles", sagt sie und ihr Mund lächelt; die Augen nicht. Zwei Tage später rollt ein Humvee auf eine IED - dem Fahrer werden die Beine abgerissen.