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Machtübernahme in Kabul Ein düsteres Jahr liegt hinter Afghanistan. Ihre Versprechen haben die Taliban nicht gehalten

Taliban sitzt mit Maschinengewehr auf Bürostuhl
Mit Maschinengewehr auf dem Bürostuhl – kein seltenes Bild, seit die Taliban in Afghanistan die Herrschaft übernommen haben
© Wakil Kohsar / AFP
Seit einem Jahr sind die Taliban in Afghanistan an der Macht. Sie versprachen die Wirtschaft anzukurbeln, für Sicherheit zu sorgen und die Menschenrechte zu wahren. Der Blick ins Land zeigt ein anderes Bild.

Kabul am 15. August 2021. Die Taliban stürmen den Präsidentenpalast und übernehmen die Kontrolle in Afghanistan – nur wenige Wochen, nachdem die USA und ihre Verbündeten begonnen hatten, die Truppen abzuziehen. Am Flughafen der Hauptstadt kommt es in den darauffolgenden Stunden zu dramatischen Szenen, als Hunderttausende panisch versuchen, das Land zu verlassen. Dutzende werden ihr Leben auf dem Rollfeld lassen.

Ein Jahr später spricht der Sprecher der militant-islamistischen Taliban-Regierung von einem "Tag des Sieges und des Glücks für die afghanischen Muslime und das Volk". In der Hauptstadt ist die Straße zum Flughafen mit den weißen Fahnen des Islams geschmückt. Auf dem Massud-Platz nahe der geschlossenen US-Botschaft versammeln sich am Montag Hunderte Kämpfer zu einer Kundgebung anlässlich des Jahrestages. Immer wieder ertönen Siegesparolen.

Dabei gibt es für die Menschen in Afghanistan wenig Grund zum Feiern. Nach ihrer Machtübernahme hatten die Taliban ein gemäßigteres Vorgehen als unter ihrer Schreckensherrschaft in den 1990er Jahren versprochen. Man habe sich verändert, so die Botschaft. Doch zwölf Monate später sind Schulen und Arbeit für Frauen Geschichte, Musik ist offiziell verboten und Bärte sind für Männer zur Pflicht geworden. Eine Bilanz der leeren Versprechen.

Afghanistan steckt in schwerer Wirtschaftskrise

"Wir werden daran arbeiten ... unsere Wirtschaft wiederzubeleben, für unseren Wiederaufbau, für unseren Wohlstand". Das waren die Worte des damaligen Taliban-Sprechers Zabihullah Mujahid kurz nach der Machtübernahme. Ein Jahr später steckt das Land tief in der Krise. Seit der Übernahme der Taliban ist die afghanische Wirtschaft um 30 bis 40 Prozent geschrumpft, bilanziert der UN-Sicherheitsrat im Juni. Die Aussetzung der meisten internationalen Hilfen sowie das Einfrieren von Vermögenswerten und dem Zusammenbruch des Bankensektors haben die Wirtschaft einstürzen lassen. Auch der Ausschluss von Frauen aus vielen Berufen sorgt für hohe Verluste.

Als Ausgleich versuchen die Taliban, ihre Steuereinnahmen zu erhöhen und Kohleexporte zu steigern, um von den weltweit erhöhten Preisen zu profitieren, wie die "BBC" berichtet. So zeige ein im Januar veröffentlichtes Budget, dass die Regierung zwischen September und Dezember 2021 knapp 400 Millionen US-Dollar an Inlandseinnahmen erzielt haben soll. Finanzexperten äußern jedoch Bedenken hinsichtlich der mangelnden Transparenz bei der Erhebung dieser Zahlen.

Schwere Dürren, die globale Lebensmittelinflation und eine sich rapide verschlechternde Wirtschaftslage haben zu einer Hungerkrise im Land geführt. Die derzeitige Krise könnte laut dem International Rescue Commitee (IRC) mehr Menschen in Afghanistan das Leben kosten als die vergangenen 20 Jahre Krieg. "43 Prozent der afghanischen Bevölkerung lebt von weniger als einer Mahlzeit am Tag", fasst es das IRC zusammen. Die Lage der meisten Menschen sei "unerträglich hart", vor allem in den Provinzen, warnt auch der Deutschland-Chef des UN-Welternährungsprogramms (WFP), Martin Frick, und fordert ein neues Entwicklungsprogramm.

"Katastrophale menschenrechtliche Bilanz" der Taliban

Doch nicht nur die Wirtschaft, auch die Lage der Menschenrechte sieht einem neuen Amnesty-Bericht zufolge düster aus. "Vor einem Jahr haben sich die Taliban öffentlich dazu verpflichtet, die Menschenrechte zu schützen und zu fördern", erklärte Theresa Bergmann, Asien-Expertin bei der Organisation in Deutschland. "Ein Jahr später ist die menschenrechtliche Bilanz jedoch katastrophal." Willkürliche Inhaftierungen, Folter, Verschwindenlassen oder Hinrichtungen im Schnellverfahren seien an der Tagesordnung. 

Demnach gebe es zahlreiche Berichte über Taliban-Soldaten, die Menschen verprügelten und folterten, die gegen Erlasse verstoßen haben sollen oder der Zusammenarbeit mit der früheren Regierung beschuldigt werden, schreibt die Menschenrechtsorganisation. Auch Fälle von Rachemorden und Hinrichtungen von mutmaßlichen Widerstandskämpfern seien bekannt geworden, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Bericht "Die Herrschaft der Taliban: Ein Jahr voller Gewalt, Straflosigkeit und falscher Versprechen".

Zudem verfolge die radikalislamische Regierung Minderheiten, setze Gewalt gegen Aktivisten und Journalisten ein und schlage friedliche Proteste nieder. Verbrechen wie Folter, Morde aus Rache und Vertreibungen blieben dabei oftmals straflos. Den größten Teil widmet der Amnesty-Bericht jedoch dem "düsteren Status" von Frauenrechten.

Frauen aus Jobs – Mädchen aus Schulen verbannt

Seit ihrer Machtübernahmen hat das Taliban-Regime die Freiheiten von Frauen stark eingeschränkt. Angefangen von Kleidungsregeln – Frauen werden gezüchtigt, wenn sie in der Öffentlichkeit nicht von Kopf bis Fuß in Burkas gehüllt sind – bis hinzu strikten Ausgangsvorschriften – keine größeren Entfernungen ohne einen männlichen Verwandten. Selbst in Cafés, Parks und anderen öffentlichen Räumen gibt es nun nach Geschlecht getrennte Bereiche oder Öffnungszeiten. "Frauen erfahren in nahezu jedem Lebensbereich systematisch Diskriminierung", bringt es Amnesty- Expertin Bergmann auf den Punkt.

Noch im August vergangenen Jahres hatten die Taliban zugesichert, Mädchen den Schulbesuch und das Studium weiterhin zu erlauben. Doch im März, als das neue Schuljahr begann, wurde auch dieses Versprechen gebrochen. Der Besuch der weiterführenden Schule war für Mädchen ab sofort verboten. Zwar bieten einige öffentliche Universitäten wieder Kurse für Frauen an, ein richtiges Studium bleibt den meisten jedoch verwehrt.

War die Erwerbstätigkeit von afghanischen Frauen von 1998 bis 2019 noch von 15 auf 22 Prozent gestiegen, brauchten die Taliban kein Jahr, um die Uhr mehr als ein Jahrzehnt zurückzudrehen. Durch neu erlassene Gesetze mussten Tausende Anwältinnen, Journalistinnen und Polizistinnen ihren Job aufgeben. Die Erwerbstätigkeit fiel laut der Weltbank wieder auf 15 Prozent. Berufstätige Frauen sind nun auf Posten im Bildungs- oder im Gesundheitswesen beschränkt, wo sie nur unter anderen Frauen arbeiten dürfen. Viele fühlen sich zurück in die Zeit des alten Taliban-Regimes versetzt. "Ich dachte immer, mein Leben wäre besser als das meiner Mutter", berichtet die 23-jährige Marwa Quraishi der "New York Times". "Aber jetzt sehe ich, dass das Leben für mich, für sie – für uns alle – viel schlimmer werden wird."

Angesichts der Wirtschaftskrise, den Einschüchterungen der Taliban und dem Gefühl vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein, haben viele Afghaninnen und Afghanen den Glauben an eine bessere Zukunft aufgegeben. "Viele Menschen haben ihr Sicherheitsgefühl und ihre Ausdrucksfähigkeit verloren", fasst es Heather Barr, stellvertretende Direktorin für Frauenrechte bei "Human Rights Watch", zusammen. "Sie haben ihre Stimme verloren – jedes Gefühl, dass sie Teil des Aufbaus eines Landes sein könnten, das so aussieht, wie sie es sich wünschen."

Und dennoch gibt es jene, die sich nicht unterkriegen lassen. Erst am Samstag protestierten rund 30 Frauen auf einer der Hauptstraßen in Kabul. Mit Solidaritätsplakaten in den Händen forderten sie lautstark "Brot, Arbeit, Freiheit", "Wir wollen politische Teilhabe" und "Nein zur Versklavung".

Ein kleiner Protest. Aber einer, der zeigt, dass noch nicht alle in Afghanistan aufgegeben haben.

Quellen: "NY Times", "BBC", "IRC-Bericht", "Amnesty-Bericht", mit AFP-Material


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