Afghanistan-Kommandant "Deutsche müssen töten dürfen"


Deutschland schickt eine schnelle Eingreiftruppe nach Afghanistan. Was kommt auf die Soldaten zu? Werden sie töten müssen? Wie soll die Öffentlichkeit mit dem riskanten Einsatz umgehen? Im Interview mit dem stern sagt ein norwegischer Kommandant, was auf die Deutschen zukommt.

Im Sommer sollen deutsche Fallschirmjäger und Panzergrenadiere die norwegischen QRF-Soldaten ablösen. Sind die Bundeswehr-Truppen der Aufgabe gewachsen?

Diese Einheiten sind für eine schnelle Eingreiftruppe gut geeignet. Aber sie brauchen ein glasklares Mandat: Sie müssen wissen, was sie dürfen und was nicht.

Im Moment dürfen die deutschen Soldaten in Afghanistan nur schießen, wenn sie angegriffen werden. Reicht das für QRF?

Nein. Für QRF brauchen die Deutschen mehr Möglichkeiten. Sie müssen schon auf feindliche Absichten reagieren können. Nur so kann man unnötige Opfer vermeiden.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich mit einer Fahrzeug-Kolonne durch ein Tal fahre und auf den Hügeln oberhalb von uns Taliban auf Motorrädern sehe, die uns beobachten und telefonieren. Dann weiß ich: Die bereiten sehr wahrscheinlich einen Hinterhalt vor. Und dann möchte ich gegen die Typen auf den Motorrädern vorgehen können, bevor uns etwas passiert. Nicht unbedingt mit tödlicher Gewalt, aber wenn es notwendig ist auch damit. Ich will nicht abwarten müssen, bis meine Leute unter Feuer geraten.

Anfang November 2007 lieferten sich norwegische QRF-Soldaten schwere Gefechte mit Taliban, die aus dem gefährlicheren Süden des Landes eingesickert waren. Kann so etwas auch den Deutschen passieren?

Ja, das ist wahrscheinlich. Ich rechne damit, dass die Aufständischen mit Beginn des Frühjahrs wieder aktiver werden.

Was heißt das für die QRF-Soldaten?

Sie müssen sich bewusst sein, dass der Einsatz sie das Leben kosten kann und sie müssen bereit sein zu töten, wenn es die Situation verlangt.

Sollte die Bundeswehr also generell aggressiver vorgehen und sich mehr auf die Niederschlagung der Aufständischen kümmern, als um humanitäre Hilfe wie es US-Verteidigungsminister Gates unlängst gefordert hat.

Die US-Strategie in Afghanistan möchte ich lieber nicht kommentieren. Nur soviel: Die Idee Wiederaufbau-Teams in den Provinzen zu stationieren, stammt ursprünglich von den Amerikanern. Meiner Meinung nach müssen die Isaf-Soldaten beides sein: humanitäre Helfer und Kampftruppe. Beide Aufgaben gehen Hand in Hand.

Trotzdem sprechen deutsche Politiker im Zusammenhang mit Afghanistan immer viel vom Wiederaufbau und wenig vom Kämpfen.

Die deutschen QRF-Einheiten können in Situationen kommen, in denen sie kämpfen müssen. Das muss den Menschen in Deutschland ganz klar sein - und die Politiker, müssen es ihnen erklären. Es nützt nichts, darüber zu philosophieren, wie unwahrscheinlich ein Kampfeinsatz ist. Kämpfen gehört zum Job.

Aber viele Deutsche sind gegen die Afghanistan-Mission. Sie wollen nicht, dass Soldaten der Bundeswehr bei Kampfeinsätzen am Hindukusch ihr Leben riskieren.

Wir sind hier, um diesem Land wieder auf die Beine zu helfen. Dafür haben wir ein Mandat der Vereinten Nationen. Um diese Aufgabe zu erledigen, brauchen die Soldaten die Unterstützung der Bevölkerung zu Hause. Wenn sie die nicht haben, ist das ein ernstes Problem - für die deutschen Soldaten, aber auch für ihre Kameraden aus anderen Ländern.

Warum auch für die Anderen?

Weil sie sich auf die Deutschen verlassen können müssen. Die QRF-Truppe ist die Lebensversicherung für die Isaf-Stützpunkte in Nord-Afghanistan. Die Soldaten dort müssen sich sicher sein können: Wenn es hier brenzlig wird, dann kommen die Deutschen und hauen uns raus.

Sind die Einheiten der anderen Nationen denn glücklich darüber, dass gerade die Deutschen mit ihrer sehr eingeschränkten Lizenz zum Kämpfen die QRF-Truppe übernehmen?

Darüber habe ich mit meinen Kollegen in den lokalen Wiederaufbau-Teams der Isaf bisher nicht gesprochen. Von Soldat zu Soldat ist das Vertrauen sicher da. Aber mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.

Interview: Steffen Gassel

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