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AFGHANISTAN-KONFERENZ: Wilde Kämpfer wollen Frieden machen

Die Delegierten wirkten erschöpft, ihre Augen strahlten dennoch. Für das kriegszerrüttete Afghanistan steht eine neue politische Ordnung – zumindest auf dem Papier. Der Härtetest in der Realität steht noch bevor.

Umarmungen, Küsse, zufriedene Mienen. Die turbulenten Verhandlungen über die politische Neuordnung Afghanistans hätten nicht besser enden können. »Das ist ein großer Tag«, sagte Bundeskanzler und Gastgeber Gerhard Schröder. Zum Abschluss schüttelte er einem Mann mit mächtigem schwarzen Turban die Hand.

Die Delegierte Rona Mansuri wirkt, wie alle Konferenzteilnehmer nach neuntägigem Marathon, erschöpft. Dennoch strahlen ihre Augen. »Ich bin sehr zufrieden«, sagt die elegant gekleidete Frau mit Chiffon-Schal über das Ergebnis insgesamt und im Besonderen für die Frauen Afghanistans. Ob es schwer gewesen sei, auf die Rechte der Frauen zu pochen? »Nein, erstaunlicherweise war das kein Problem«, antwortet sie. Die neue Gesundheitsministerin Suhaila Seddiqi sei eine »ganz fantastische Person«, schwärmt eine andere Beobachterin. »Vor ihr hatten sogar die Taliban Respekt.«

»Das nehmen wir als gutes Omen mit«

Auf dem Petersberg herrscht Aufbruchstimmung. Männer mit Turbanen steigen in einen Hubschrauber. »Wir haben uns wie zu Hause gefühlt«, bedankt sich der Chefdelegierte Abdul Sattar Sirat. Dies sei ein neuerlicher Beleg für die historische Freundschaft zwischen Afghanistan und Deutschland. »Das nehmen wir als gutes Omen mit.«

»Ich bin sehr glücklich«, verkündet der Enkel des greisen afghanischen Exilkönigs. Sein 87 Jahre alter Großvater Sahir Schah werde jetzt von Rom wieder nach Afghanistan zurückkehren, so Mustafa Sahir. Und zwar innerhalb den nächsten sechs Monate.

»Im Namen Gottes«

»Im Namen Gottes«, sagt ein Delegierter. »Im Namen Gottes«, beginnt auch der westlich gekleidete neue Innenminister Junis Kanuni seine Abschlussrede. »Was wir hier bewiesen haben ist, dass Afghanen nicht nur gute Kämpfer sind, sondern auch Frieden schließen können.« Die Afghanen seien die »Champions des Friedens«, meint Kanuni - nach mehr als 20 Jahren Krieg in seiner Heimat am Hindukusch.

Dabei standen die Verhandlungen noch wenige Stunden vor dem Abschlusszeremoniell auf der Kippe. Am Rande der Konferenz verlautete, die Maschine des Kanzlers und des Außenministers Joschka Fischer sei bereits startklar auf einem Flughafen in Berlin gewesen. Da sei es am frühen Morgen auf dem Petersberg zur »Krise« gekommen.

Fischer und Schröder warteten demnach auf einen Anruf vom Petersberg. Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, habe schließlich grünes Licht gegeben. Was der genaue Anlass dieser letzten Krise hinter verschlossenen Türen war, wusste draußen niemand so recht. Erst gegen 08.00 Uhr habe die Kanzlermaschine starten können.

Viele Aufs und Abs

Ursprünglich sollte die Konferenz wenige Tage dauern, es wurde gut eine Woche daraus. Mit vielen Aufs und Abs, vor allem zu nächtlicher Stunde. »Im Fastenmonat Ramadan verschieben sich die Gefüge«, erläutert ein westlicher Diplomat. »Da ist nächtliche Arbeit nicht ungewöhnlich.«

Zusätzlich kam Störfeuer aus Kabul seitens des amtierenden Präsidenten Burhanuddin Rabbani. Die Folge: Optimismus am Abend, Katerstimmung am Morgen. Eine Beobachterin: »Ich kam mir manchmal vor wie im Film ?Und ewig grüßt das Murmeltier?.«