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Afghanistan: Private Folterkammer in Kabul

In Kabul stehen drei Amerikaner vor Gericht, die mitten in Kabul Menschen verschleppt und gefoltert haben sollen. Die drei Kopfgeldjäger behaupten im Auftrag des Pentagons gearbeitet zu haben.

Mitten in Kabul sollen drei selbst ernannte amerikanische Anti-Terror-Kämpfer afghanische Zivilisten verschleppt und gefoltert haben - unter den Augen der US-Armee, der Internationalen Schutztruppe ISAF und der afghanischen Sicherheitskräfte. Am Donnerstag räumte die US-Armee ein, dass sie mindestens einmal mit den mutmaßlichen Kopfgeldjägern um Jonathan K. Idema zusammengearbeitet hat, denen in Kabul der Prozess gemacht wird. Die US-Regierung weist jede Verbindung zu den Männern zurück. Idema aber behauptet, er habe im Auftrag des Pentagons gearbeitet.

Männer mit langen Bärten waren die Opfer

Die drei Amerikaner mieteten ein Haus in einem guten Kabuler Viertel. Oben sollen die Schlafzimmer gewesen sein, im Keller sollen die früheren "Special Forces" der US-Armee ihre private Folterkammer betrieben haben. Besonders Männer mit langen Bärten, wie sie auch Fundamentalisten tragen, seien der Gruppe bei ihren Streifzügen durch die Vororte in die Fänge geraten, sagte ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums - sie sollten im brutalen Verhör gestehen, dass sie dem Terrornetzwerk El Kaida angehören. Auf die Ergreifung von Terroristen haben die USA hohe Belohnungen ausgesetzt, für El-Kaida-Chef Osama bin Laden etwa sind es 50 Millionen Dollar.

Von Schlaf- und Essensentzug und von Schlägen berichten die Verschleppten. Einer sagt, sie seien mit heißem Wasser übergossen worden. Die Selbstjustiz flog erst am 5. Juli auf, die drei Amerikaner und vier Afghanen wurden festgenommen, elf Zivilisten aus dem Haus befreit. Am Tag zuvor hatten die US-Streitkräfte eine Mitteilung verschickt, wonach "die Öffentlichkeit sich bewusst sein sollte, dass Idema nicht die amerikanische Regierung vertritt und wir ihn nicht beschäftigen". Nach Idemas Darstellung aber handelte die Gruppe im Auftrag der US-Regierung, die sie nun fallen ließ.

Kontakt zu Rumsfeld?

"Wir waren über Fax, E-Mail und Telefon in direktem Kontakt mit (US-Verteidigungsminister) Donald Rumsfelds Büro", sagte Idema am Rande seiner Anhörung vor Gericht. Seine Gruppe habe für das Pentagon "und einige andere Bundesstellen" gearbeitet. Sollte Idema tatsächliche Faxe, Mails oder andere Beweise dafür vorlegen können, käme die US-Regierung in arge Bedrängnis - besonders nach dem Folterskandal im Irak. Foltervorwürfe gibt es lange auch schon in Afghanistan. Ein Bericht der US-Armee dazu war für Mitte Juni angekündigt, wurde aber bis heute nicht veröffentlicht.

Kaum eine Frage ist, dass im Fall Idema die ausländischen Truppen in Kabul versagt haben. Die ISAF unterstützte im Juni auf Anfrage des 48-Jährigen drei illegale Razzien mit Sprengstoffexperten und Hunden, weil sie Idemas Männer für US-Spezialkräfte hielt - unklar ist, warum die Schutztruppe nicht bei der US-Armee nachfragte, wem die Soldaten da eigentlich halfen. Die amerikanischen Streitkräfte selber traten am Donnerstag die Flucht nach vorne an. Bereits Anfang Mai übergab Idema der Armee demnach einen vermeintlichen Terrorverdächtigen.

Niemand wusste was für andere Dinge er tat

"Das war ein Mensch, der einen Menschen übergab, von dem wir glaubten, er sei auf unserer Liste von Terroristen", sagte ein Armeesprecher. "Das heißt aber nicht, dass wir damals Herrn Idemas ganze Geschichte kannten oder wussten, was für andere Dinge er dort draußen tat." Beim Verhör habe sich herausgestellt, dass es sich gar nicht um den Terroristen handelte, den Idema übergeben haben wollte. Nach einem Monat Gefangenschaft sei der Unschuldige freigelassen worden - also einen ganzen Monat, bevor die selbst ernannten Anti-Terror-Kämpfer letztlich aufflogen.

Can Merey/DPA / DPA