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Afghanistan: Wanderer fielen wohl Raubmord zum Opfer

Vor mehr als zwei Wochen waren sie zum Wandern ins Hindukusch-Gebirge aufgebrochen - und nicht zurückgekehrt. Jetzt scheint sicher: Die beiden vermissten deutschen Entwicklungshelfer wurden getötet. Das bedeutet auch einen Rückschlag für den Wiederaufbau Afghanistans.

Die beiden Deutschen gingen an ihrem freien Tag im Hindukusch-Gebirge wandern, dann verlor sich vor mehr als zwei Wochen die Spur der Entwicklungshelfer. Nun verkündeten die Behörden der afghanischen Provinz Parwan nördlich von Kabul eine bittere Nachricht: Nach ersten Erkenntnissen seien die Männer von Nomaden erschossen worden, sagte Provinzgouverneur Abdul Baschir Salangi. Er ging von einem Raubmord aus. "Ihre Ausrüstung wie Kameras und Ferngläser und Geld könnten zu ihrem Tod geführt haben."

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat erklärt, er müsse "leider bestätigen", dass in Afghanistan zwei Tote gefunden worden seien. Unklar sei jedoch noch, ob es sich dabei um die beiden vermissten Deutschen handele. Zunächst müsse nun die Identität geklärt werden. "Solange dies nicht zweifelsfrei geschehen ist, sind keine verlässlichen Aussagen möglich". Der Gouverneur allerdings hatte keine Zweifel an ihrem Schicksal, obwohl die Leichen zu dem Zeitpunkt noch nicht aus den Bergen gebracht worden waren. "Ich bin sicher, dass sie ermordet wurden", sagte er. Die Toten seien an einem entlegenen Ort entdeckt worden. "Niemand lebt dort, und es liegt überall Schnee. Das nächste Dorf ist wahrscheinlich 30 oder 40 Kilometer entfernt."

Die abgelegene Gegend könnte darauf hindeuten, dass die beiden Männer, die zu einem Tagesausflug aufgebrochen waren, zunächst verschleppt wurden. Allerdings hatten sich weder die Taliban noch kriminelle Banden zu einer Entführung bekannt - ungewöhnlich für Afghanistan, wo Geiselnahmen von Ausländern in der Vergangenheit schnell bekannt wurden. Aus deutschen Sicherheitskreisen hieß es ebenfalls, bis zuletzt habe es keine Hinweise auf eine Entführung der Männer gegeben.

Selbst ruhige Gegenden bleiben unberechenbar

Deutlich macht der Fall ein weiteres Mal, wie unberechenbar selbst vermeintlich ruhige Gebiete in Afghanistan sind - denn als solches galt Parwan. Die bergige Salang-Gegend, in der die Deutschen verschwanden, ist ein beliebtes Ausflugsziel von Afghanen. In der Vergangenheit wurde die Region auch von Ausländern frequentiert, die in Kabul arbeiten. Die beiden Deutschen sollen nach Angaben aus der Region häufiger dort wandern gewesen sein.

Bei den Opfern handelte es sich um einen 59-Jährigen Experten der staatlichen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und einen zehn Jahre älteren Mitarbeiter eines christlichen Hilfswerks. Zumindest die GIZ hat strikte Sicherheitsbestimmungen, die Wanderausflüge nicht vorsehen.

Schärfere Sicherheitsauflagen erwartet

Die Kontrolle, dass Mitarbeiter nicht gegen Sicherheitsauflagen verstoßen, dürfte nun noch weiter verschärft werden. "Gottseidank ist das die absolute Ausnahme", sagte ein deutscher Entwicklungsexperte, der ungenannt bleiben wollte. "Die große Masse der internationalen Entwicklungshelfer hält sich an die Regeln. Aber natürlich wird man nun noch stärker überprüfen müssen, dass sich alle daran halten."

Doch je schlechter die Sicherheitslage in Afghanistan ist - und je schärfer die Auflagen -, desto schwieriger wird es für Organisationen wie die GIZ, dringend benötigte internationale Experten zu rekrutieren. Immer weniger von ihnen sind willens, die persönlichen Einschränkungen hinzunehmen oder andernfalls ihr Leben zu riskieren.

"Wahnsinnig schwer, die richtigen Leute zu finden"

"Die Arbeit erfordert ein extrem hohes Maß an Disziplin - neben Fachlichkeit und kultureller Sensibilität", sagte der deutsche Entwicklungsexperte. "Es war schon davor wahnsinnig schwer, die richtigen Leute zu finden." Das werde nach dem jüngsten Vorfall noch schwieriger werden. Für den zivilen Wiederaufbau in Afghanistan - der eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung des Landes spielen soll - sind das schlechte Nachrichten. Denn niemand glaubt mehr daran, dass der Konflikt am Hindukusch militärisch entschieden werden wird.

Vor vier Jahren hatte die Entführung von zwei deutschen Bauingenieuren wochenlang für Schlagzeilen gesorgt. Sie waren im Juli 2007 verschleppt worden. Die Kidnapper erschossen eine der beiden Geiseln. Der zweite Ingenieur kam nach 85 Tagen Geiselhaft frei.

tkr/Can Merey/DPA / DPA