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Agnes Heller im Interview: Ungarische Philosophin kritisiert Ministerpräsident Orban

Die ungarische Philosophin Agnes Heller sieht sich einer Hetzkampagne in der rechtsnationalen, regierungsnahen Presse ausgesetzt. Im Interview spricht sie über die Regierung Orban und die politische Atmosphäre im Land.

Die ungarische Philosophin Agnes Heller, die einst vor kommunistischer Verfolgung aus ihrem Land fliehen musste, sieht sich jetzt einer Hetzkampagne in der rechtsnationalen, regierungsnahen Presse ausgesetzt. Darüber hinaus ermittelt die Polizei gegen sie wegen vager Vorwürfe, Forschungsgelder zweckentfremdet zu haben. Darüber und über die politische Atmosphäre sprach die Nachrichtenagentur dpa mit der 81-Jährigen in Budapest.

Ist Ungarns Kulturszene durch die rechtsnationale Regierung von Viktor Orban bedroht?

Heller: "Orban will alle ausschalten, die irgendeine kritische Stimme haben. Er ist kein Diktator, aber er hat die entsprechende Gesinnung. Wie alle Menschen mit diktatorischer Gesinnung glaubt er, dass alle, die ihn kritisieren, ein Hindernis sind, das man beseitigen muss."

Wie kam es zu den schweren Vorwürfen gegen Sie und andere Philosophen, bei denen es um Zweckentfremdung von Geldern geht?

Heller: "Die Vorwürfe gehen von einigen kleinen Philosophen aus, die große Philosophen sein wollen. Sie sind eifersüchtig. Sie haben das Material über uns an die regierungstreue Presse gegeben."

Ist es ein politischer Angriff?

Heller: "Sie machen gar kein Geheimnis daraus, dass es ein politischer Angriff ist. In den entsprechenden Zeitungsartikeln werde ich als "liberale Philosophin" bezeichnet und es wird immer wieder zitiert, was ich über Orban gesagt habe. Was hat denn das damit zu tun? Sie machen es so offen."

Haben Sie Angst?

Heller: "Ich habe nie Angst gehabt. Ich glaube, Angst ist eine schlechte Motivation. Außerdem ist die internationale Unterstützung für uns so groß, dass ich davon mehr profitiert als verloren habe."

Ist die Angst vieler ungarischer Intellektueller vergleichbar mit dem Druck während des Kommunismus?

Heller: "Das fühle ich nicht. Viele Ungarn, auch Konservative, haben uns unterstützt. Während des Kommunismus war die Gefahr größer. Immerhin kann man jetzt das Land verlassen. Wir sind schließlich in der EU. Während des Kommunismus hatten wir keine Anstellung - wir lebten von Übersetzungen, und zwar sehr schwer."

Ungarn steht ja auch wegen des Mediengesetzes international in der Kritik. Übt Europa genügend Druck auf Ungarn aus, um zu verhindern, dass das Land abweicht von der Demokratie? Würde es überhaupt etwas nützen?

Heller: "Druck auf Ungarn ist wichtig, unabhängig davon, ob es hilft oder nicht. Ich werde am 1. März im EU-Parlament dazu meine Meinung sagen. Orban wird uns Intellektuelle wieder dafür verantwortlich machen, dass wir Europa zu anti-ungarischen Gefühlen aufgehetzt haben."

Wer ist schuld daran, dass in Ungarn mit Viktor Orbans Fidesz, die eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit hat, eine Partei so viel Macht hat?

Heller: "Wir alle sind schuld daran. Erstens, weil wir kurz nach der Wende Parteien und Leute unterstützt haben, die Fehler begangen haben. Zweitens haben die Ungarn ihre Freiheit 1989 nicht aus eigener Kraft errungen. Zur Zeit der Wende saß die Opposition und die damals regierende Partei am Runden Tisch. Die Bevölkerung hatte mit dem Systemwechsel überhaupt nichts zu tun. Er geschah über ihren Kopf hinweg. Gleich darauf folgte soziale Unsicherheit. Sehr viele Leute wurden arbeitslos. Die neue Regierung tat nichts dagegen. Außerdem gab es keine Demokratieerziehung der Jugend."

Ist Orban auch eine Vater-Figur?

Heller: Ja. Das ist wieder einmal ein Mann, der für uns entscheidet und an unserer Stelle denkt, und alles ist in Ordnung, denken viele Ungarn. Sie haben es nicht gelernt, die Freiheit zu schätzen. Sie waren nie Bürger gewesen. Finanziell gesehen gibt es zwar eine Mittelklasse, aber keine Bürger.

Was ist Orban für ein Mensch?

Heller: "Er glaubt an sich selbst. Er ist nicht zynisch, nicht antisemitisch und nicht rassistisch. Nur glaubt er, dass nur er weiß, was für das Land gut ist. Er benutzt den Antisemitismus für populistische Zwecke, obwohl er selber kein Antisemit ist. Er ist ganz egozentrisch. Er liebt nichts in seinem Leben außer Macht. Es ist der Wille zur Macht - nicht in Nietzsches Sinne, sondern im prosaischen Sinne. Das ist seine emotionelle Triebkraft.

DPA / DPA