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Amerikas leidende Helden: Der Albtraum der US-Soldaten

Niemanden preisen die Amerikaner so wie ihre Soldaten. Doch viele bekommen den Einsatz auch nach der Rückkehr nicht aus dem Kopf. Die Selbstmordrate in der US-Armee steigt unaufhörlich.

Von Nora Schmitt-Sausen, Denver

Sie haben ihren Einsatz in der irakischen Wüste und in den Bergen von Afghanistan überlebt. Doch am Ende ist es der Feind in ihrem Kopf, dem sie sich geschlagen geben müssen. Irgendwo zwischen New York und San Francisco nimmt sich heute fast täglich ein US-Soldat das Leben. Im Vergleich zu 2011 stieg die Freitod-Rate in der US-Armee um 18 Prozent. Es sterben mehr Soldaten zu Hause durch eigene Hand als an den fernen Kriegsfronten. Die überwiegend jungen Männer wissen, wie sie Panzer lenken und mit Sturmgewehren kämpfen. Doch sie wissen nicht, wie sie ins Hier und Jetzt zurückfinden sollen, wenn der Dienst für das Vaterland beendet ist. In ihrer Verzweiflung erschießen sie sich, werfen sich vor Züge, hängen sich im Keller ihres Hauses auf. Nicht nur für die "New York Times" ist die exorbitant hohe Selbstmordrate von Amerikas Kriegshelden eine "nationale Schande".

Mehr als zwei Millionen US-Soldaten haben im Irak oder Afghanistan gedient. Meist waren sie wiederholt im Kriegseinsatz, oft über lange Zeiträume. Nach ihrer Heimkehr sind viele schwer traumatisiert und leiden an Verletzungen. Die Zahlen schwanken, doch nach offiziellen Schätzungen kämpft gut ein Drittel mit starken psychischen Problemen.

Es sind nicht mehr dieselben Ehemänner, die neben ihren Frauen auf der Fernsehcouch sitzen. Nicht mehr dieselben Söhne, die am Küchentisch der Mutter ihren Kuchen essen. Viele der Heimgekehrten ziehen sich sozial zurück, öffnen sich kaum bei Familie und Freunden. Sie sind unwirsch mit ihren Kindern und greifen zum Alkohol, um ihr Leid zu lindern. Auch der Weg zurück ins Erwerbsleben ist schwer. Die Arbeitslosenquote von Veteranen ist überdurchschnittlich hoch. Besonders bei jungen Soldaten sind die Zahlen astronomisch. Fast 30 Prozent zwischen 18 und 24 Jahren sind ohne Job.

Politik hat versagt

Amerikas Politik huldigt diejenigen, die "beim Einsatz für das Vaterland ihr Leben riskieren". Doch schon seit Jahren wird sie dem Problem des Strauchelns ihrer Kriegsrückkehrer nicht Herr. Den Behörden wird öffentlich Versagen vorgeworfen. Es gebe zu wenig Unterstützung, vor allem zu wenig Psychologen, die sich um die traumatisierten Soldaten kümmern. Seit gut zwei Jahren gibt es nun mehr Hotlines und mehr Personal, um die lebensmüden Soldaten aufzufangen. Doch auch das hat nichts genützt. Das Pentagon sieht in den Selbstmorden seiner Soldaten heute eines der "dringendsten Probleme" seiner Zeit.

Präsident Barack Obama reagiert. In einem unerwarteten Schritt unterzeichnete er vor wenigen Tagen eine Weisung, dass bis Mitte nächsten Jahres 1600 Ärzte, Krankenschwestern und Psychologen eingestellt werden müssen, um die Soldaten zu betreuen. Ehemalige Veteranen werden geschult, um ihren Kameraden zur Seite zu stehen. Die Kapazität der landesweiten Krisenhotline soll bis zum Jahresende verdoppelt werden. Das Ziel: Innerhalb von 24 Stunden sollen lebensmüde Veteranen, die Unterstützung suchen, Hilfe bekommen. In machen Regionen warten Soldaten bislang Monate, bis sie Termine bei Psychologen, Psychiatern oder Sozialarbeitern bekommen.

Schon im vergangenen Jahr hatte Obama der hohen Arbeitslosenquote der Veteranen den Kampf angesagt. Unternehmen erhalten Steuervergünstigungen, wenn sie ehemalige Soldaten einstellen. 125.000 Soldaten oder deren Angehörige seien dadurch bislang in einen Job oder eine Ausbildung gekommen, verkündete das Weiße Haus Ende August. Auch First Lady Michelle Obama engagiert sich für die Veteranen. Sie nutzt ihren Einfluss und gibt den Familien eine Stimme. Sie hat sich beispielsweise dafür eingesetzt, dass Amerikas Krankenschwestern geschult werden, um auf den Umgang mit den Soldaten vorbereitet zu sein.

Viele Soldaten sind obdachlos

Wie schwer sich die USA im Umgang mit ihren Kriegshelden tun, zeigt sich auch an einer anderen Front, die seit vielen Jahren wie eine offene Wunde in der Gesellschaft klafft. Jeder fünfte amerikanische Obdachlose ist ein Soldat. Knapp 140.000 ehemalige Soldaten schlafen laut offizieller Statistiken regelmäßig oder dauerhaft in städtischen Fußgängerzonen, campieren unter Brücken oder verbringen ihre Tage in amerikanischen Obdachlosenheimen. Unter ihnen sind vor allem Vietnam-Veteranen, aber inzwischen auch junge Soldaten, die im Irak oder Afghanistan gekämpft haben.

Viele leiden an den schweren Verletzungen, die sie auf ewig an den Vaterlandseinsatz erinnern. Die Männer, die man in jeder größeren US-Stadt sieht, haben amputierte Unterschenkel oder künstliche Hände aus Metall. Sie sind ein lebendiges Mahnmal der amerikanischen Kriegswut und der Versäumnisse des Staates. Doch die aktuelle US-Regierung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Bis Ende 2015 will sie die Schmach der Obdachlosigkeit ihrer Soldaten beenden. Immerhin: Im Sommer konnte die Regierung verkünden, dass die Zahl der obdachlosen Soldaten im Jahr 2011 um elf Prozentpunkte zurückgegangen ist.

In Zeiten, in denen sich Amerika auf die Heimkehr ihrer Soldaten vorbereitet, wird auch die Öffentlichkeit angehalten, ihren Soldaten zur Seite zu stehen. "Stand by them" lautet das Motto einer landesweiten Kampagne. Familie, Freunde und Nachbarn sollen ermuntert werden, sich einzuschalten, wenn ein Soldat Schwierigkeiten hat. Viele Veteranen suchen von sich aus keine Hilfe. Sie sehen darin ein Zeichen von Schwäche.

Die Zeit drängt

Doch den Behörden bleibt nicht viel Zeit, um Lösungen zu finden und ihr Hilfsnetz weiter auszubauen. Bis Ende Oktober werden die letzten der 30.000 Soldaten aus Afghanistan zurückgeholt, die Obama im Jahr 2009 für eine kurzzeitige Offensive ins Krisengebiet geschickt hatte. Mitte nächsten Jahres beginnt der vollständige Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan. Knapp 70.000 Soldaten kehren dann nach Hause zurück. Ihre mentale Verfassung wird kaum besser sein, als die derer, die bereits zurück sind. 2012 erlebte Afghanistan ein Jahr mit schweren Kämpfen und Anschlägen.

Das Ende der Kriege im Irak und Afghanistan bedeutet für Amerikas Soldaten nicht die Rückkehr in ein normales Leben. Im Gegenteil: "Die Geschichte hat gezeigt, dass die Bürden eines Krieges noch ein Jahrzehnt oder mehr spürbar sind, nachdem die Kriege vorbei sind", sagt Kriegsveteranenminister Eric K. Shinseki. Obama drückt es anders aus. "Die USA stehen nach einem Jahrzehnt des Krieges am Wendepunkt. Aber unsere Verantwortung, uns um unsere Truppen zu kümmern, hat gerade erst begonnen."

  • Nora Schmitt-Sausen