Angriff auf Mansur Was geschah am 7. April 2003?


Am 7. April 2003 sollen Saddams Limousinen von BND-Agenten in Bagdader Stadtteil Mansur gesichtet worden sein. Daraufhin hagelte es US-Bomben. stern-Reporter Christoph Reuter hat in Bagdad aber eine andere Geschichte gehört.

Am Morgen des 7. April 2003 gibt Saddam Husseins legendärer Propagandaminister Mohammed Sahhaf seine berühmteste Pressekonferenz des Krieges. Er hält sie vorm Palestine-Hotel, während von der anderen Seite des Tigris bereits die Detonationen der Geschütze zu hören sind. "Es gibt keine amerikanischen Truppen in Bagdad", versichert er, "die Amerikaner haben begonnen, vor den Toren Bagdads Selbstmord zu verüben. Sie tun das zu Hunderten." Zwei Tage später wird er untertauchen.

Obwohl der Untergang absehbar ist, hält Saddam Hussein wie einst Hitler in seinen letzten Tagen Durchhaltereden und trifft sich, meist nachts, mit dem engsten Stab seines Kriegskabinetts: den beiden Söhnen Uday und Qusay, Vizepräsident Taha Yassin Ramadan, Abed Hamid, Chef seiner Leibgarde, Verteidigungsminister Sultan Hashim. Meistens ist auch Tariq Aziz dabei - der zweite Vizepräsident und Gesicht des Regimes im Ausland, vor allem weil er englisch spricht und lange Außenminister war.

Doch einen entscheidenden Unterschied zu Hitler gibt es: Die Mannschaft im Führerbunker wechselt täglich, manchmal stündlich das Quartier. Ein sechsköpfiges Team von Saddams Leibgarde hat in den Monaten vor dem Krieg insgesamt mehr als 300 Häuser in Bagdad angemietet oder in Beschlag genommen - als Ausweichquartiere für Saddam, seine Familie und seine Entourage. Darunter mehr als zwei Dutzend allein im gehobenen Stadtteil Mansur, zwei auf der Rückseite des später bombardierten Häuserblocks und eines auf der anderen Seite der Hauptstraße, in dem bis wenige Wochen vor Kriegsbeginn der deutsche Repräsentant der Firma Liebherr residierte. Mansur, auf der Westseite der Stadt gelegen, ist ein beliebtes Viertel: Viele Botschaften residieren hier, Geschäftsleute besitzen große Villen, Christen betreiben Alkoholläden.

Bereits am 6. April, so berichten später Anwohner dem stern, sei einem von ihnen beim Blick aus dem Fenster ein irakischer Geheimdienstler aufgefallen. Der hatte über Nacht in einer Palme Posten bezogen und den Anwohner anschnauzt, ihn gefälligst zu ignorieren. Andere beobachten, wie Telefonkabel verlegt, edle Möbel, Teppiche und ein großer, blauer Vorhang in ein Haus getragen werden. Bei zwei Zeugen haben ausgehungerte Leibwächter Saddams geklingelt und diskret gefragt, ob sie zu essen und zu trinken bekommen könnten - sie hatten seit mehr als 24 Stunden in ihren Autos ausgeharrt, wie üblich darüber im Unklaren gelassen, wie lange ihr Einsatz dauern werde.

Bei zwei mutmaßlichen Ausweichquartieren Saddams beobachten die Anwohner am Morgen des 7. April Auffälliges. Männer, mutmaßliche Leibgardisten Saddams, hätten in der ganzen Umgebung, verteilt und diskret, Posten bezogen. Die Gegend ist auch während des Krieges recht belebt, das beliebte Schnellrestaurant al Saa an der Ramadan-Straße geöffnet und meist gut besucht. Eines der beiden konspirativen Häuser liegt am westlichen Ende des Blocks, an dem sich gegenüber das Restaurant befindet. Das zweite Haus liegt am oberen Rand, ungefähr in der Mitte.

Am späten Mittag des 7. April wollen mehrere Zeugen beobacht haben, wie Saddam in einem unauffälligen Taxi gekommen und an der kleinen westlichen Parallelstraße zur Ramadan-Straße ausgestiegen sei - die einen sagen, es sei ein gelbes "Sunny"-Taxi gewesen, die anderen wollen sich an ein orange-weißes Taxi erinnern. Minuten vorher sei bereits Taha Yasin Ramadan in einem weißen Sammeltaxi erschienen.

Das war die übliche Praxis Saddams

, dessen Verfolgungswahn die reale Bedrohung bei weitem überstieg. Schon seit 1990 hat er sich nicht mehr in auffälligen Konvois bewegt, was auch allen Geheimdiensten bekannt gewesen ist. Und auch zu anderen Treffen in Bagdad, die der stern rekonstruieren konnte, kommt Saddam laut Zeugen mal in einem weißen Oldsmobile, mal in einem Taxi.

Dass die angegebenen Häuser tatsächlich von Saddam genutzt werden und die Zeugenaussagen korrekt sind, bestätigt die US-Armee ganz unfreiwillig: In zwei Fällen gelangt der stern Wochen nach der geheimen "Taskforce 121", der geheimen Sondereinheit zur Jagd auf Saddam, zu denselben Adressen.

Für das, was am Mittag des 7. April gegen 14 Uhr geschieht, gibt es zwei Versionen, die beide stimmen können: Laut der einen sei Saddam beunruhigt gewesen, weil ein oder zwei Teilnehmer der Runde nicht erschienen und auch nicht auffindbar waren. Daraufhin habe er sofort das Treffen abgeblasen - in der Annahme, verraten worden zu sein.

Dass es sich bei dem "Verräter" um den Geheimdienstchef Taher Chalil Haboosch gehandelt habe, ist vielfach kolportiert, aber nie bewiesen worden. Laut der anderen Version beobachtete einer der zahlreichen Informanten der US-Geheimdienste Saddam und gab die Koordinaten weiter.

In Bagdad wimmelt es in den Kriegswochen von irakischen Spitzeln der Amerikaner. Sie wurden zuvor über verschiedene Kanäle angeheuert, mit Satellitentelefonen und so genannten "Laser-Pointern" zur Zielortung ausgerüstet. Der eng mit den Amerikanern kooperierende Geheimdienst der kurdischen PUK besitzt Agenten in Bagdad. Auch Gefolgsleute und sogar Verwandte des Exilpolitikers und CIA-Mannes (und späteren Premiers) Eyad Allawi verteilen "Thuraya"-Satellitentelefone; der "Iraqi National Congress" des zwielichtigen Exilirakers Ahmed Challabi, hat nach Angaben eines engen ehemaligen Mitarbeiters mehr als 1400 Spitzel im Irak, um Ziele auszukundschaften.

Festgenommene Besitzer von eingeschmuggelten Satellitentelefonen sind die letzten Opfer im berüchtigten Gefängnis von Abu Ghreib. Erschossen noch kurz vor Kriegsende, werden stern-Reporter Tage später ihre verwesenden Leichen finden. Sie wurden nur notdürftig verscharrt.

Am jenen 7. April, gegen 14.50 Uhr, bekommt die Besatzung des über dem Irak kreisenden B 1-Bombers 86-0138 den Befehl, ein "Priority Leadership Target" in Bagdad zu bombardieren. Ziel: der Häuserblock hinter dem Restaurant al-Saa.

Um 15.10 Uhr bleibt bei Fadhl Abu Ayad die Wanduhr stehen. Der 78-jährige sitzt gerade auf seinem Sofa, als ein gigantischer Schlag alle Scheiben seines Wohnzimmers in den Raum sprengt und der Balkon auf die Terrasse kracht. Es erweist sich als lebensrettend für den diplomierten Bauingenieur, dass sein Haus massiver gebaut ist als diejenigen der Nachbarn.

Denn obwohl seine Grundstücksmauer kaum zehn Meter vom Einschlagskrater der vier Bomben entfernt ist, hält sein Haus dem Bombenangriff stand. Staubbedeckt und übersät mit Schnittwunden vom Fensterglas wankt er nach der Explosion auf die Straße, sieht einen blutbefleckten Kellner aus dem Restaurant Saa kommen - und wird eine ganze Weile brauchen, um zu verstehen, dass hinter seinem Haus auf 50 Metern nur noch eine rauchende, metertiefe Grube klafft. Mehrere Häuser sind verschwunden, zwei Familien fast ausgelöscht, mehr als ein Dutzend Menschen getötet worden. Aber wo ist Saddam?

Der Angriff gilt ihm, und wochenlang werden US-Experten nach der vermeintlichen Leiche suchen (obwohl längst klar ist, dass er überlebt hat), Lkw schließlich den gesamten Schutt abtransportieren und die Grube mit herangekarrtem Geröll füllen.

Bittere Ironie des Schicksals: Auf der anderen Seite des Kraters bleibt eines jener Häuser kaum beschädigt stehen, das tatsächlich als Geheimquartier auserkoren war.

Monate vor dem Krieg hatte es der Besitzer an den Geheimdienst vermietet, und Tage vor Kriegsausbruch wurden hier die Möbel und der blaue Vorhang hineingetragen. stern-Reporter werden Tage nach dem Angriff noch einen riesigen hölzernen Konferenztisch finden, der umgekippt an einer Wand lehnt.

Der ebenfalls überlebende Enkel Fadhls, der mit im Haus wohnt, beobachtet, wie Minuten vor der Explosion Qusay das Haus in Begleitung eines Leibwächters und einer Frau verlassen habe. Der Enkel bemerkt am Morgen nach dem Angriff zwei Männer, die eilig das Haus räumen und in einem weißen Pickup verschwinden. An einen Konvoi dunkler Mercedes-Limousinen, den die beiden BND-Agenten nach Angaben eines anonymen Informanten des TV-Magazins "Panorama" und der "Süddeutschen Zeitung" gesehen haben wollen, konnte sich keiner der Zeugen erinnern.

Von seinen Vernehmern Monate später in Gefangenschaft befragt, wo er denn nun gewesen sei am diesem 7. April 2003 um 15 Uhr, wird Saddam Hussein keine klare Antwort geben.

Christoph Reuter

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