Atomtest in Nordkorea "Der große Bruder ist böse"


Ohne Chinas Hilfe kann Nordkorea nicht überleben. Der Atombombentest wirft Licht auf eine komplizierte und ungleiche Liebesbeziehung.
Von Adrian Geiges, Peking

"Der große Bruder ist böse", sagte der Redaktionsleiter einer chinesischen Fernsehsendung nach dem nordkoreanischen Atombombentest über das Verhältnis der Volksrepublik zum Nachbarland. Er äußerte sich privat - vor laufender Kamera wäre eine solche Äußerung undenkbar, das Thema ist sensibel und unterliegt strenger Zensur. Immerhin, über den Atomwaffentest wurde in China groß und schnell berichtet, und der Sprecher des chinesischen Außenministeriums verurteilte ihn als "dreist". So offen und hart wurde Pjöngjang von Peking noch nie kritisiert.

"Das ist eine schreckliche Nachricht"

China ist keine Demokratie, die Bevölkerung wird nicht gefragt, und dementsprechend interessieren sich wenige Leute für Politik. Doch der Atomwaffentest bewegt einige, wie eine Umfrage von stern.de ergibt. "Das ist eine schreckliche Nachricht", sagt die 28-jährige Mitarbeiterin einer PR-Agentur. Ein Lehrer aus Peking fragt rhetorisch: "Was passiert, wenn ein Wahnsinniger die Atomwaffe hat?" Aber es gibt auch gegenteilige Meinungen: "Arme Länder haben auch ihre Würde", entschuldigt ein 40-jähriger Beamter aus einer Stadtverwaltung den Test. "Die reichen Länder haben Atomwaffen, sie wollen nicht, dass andere ihrem exklusiven Klub beitreten."

Ein 34-jähriger Architekt fühlt sich, wie viele Chinesen, unzureichend informiert: "Ich bewege mich nicht in politischen und militärischen Kreisen. Ich kenne die Dinge nur von der Oberfläche, weiß aber nicht, was alles dahinter steckt." Manche denken über das Verhältnis ihres Landes zu Nordkorea nach. "Wir machen so viel für die, aber die danken es uns nicht", klagt ein 28-jähriger IT-Ingenieur.

Ein kleiner Junge gab Kampfpiloten Instruktionen

Die komplizierte und ungleiche Liebesbeziehung der beiden Länder geht bis zum Koreakrieg Anfang der 50er Jahre zurück. "Wir haben die Amerikaner besiegt, weil unser geliebter Führer Kim Jong Il, damals noch ein kleiner Junge, unseren Kampfpiloten die richtigen Instruktionen gab", behauptet die uniformierte Touristenführerin im Pjöngjanger Militärmuseum. Die Wahrheit ist etwas anders: Der jetzige Diktator war damals acht Jahre alt und hat bis heute Flugangst, die Amerikaner wurden nicht besiegt, der Krieg endete mit derselben Grenze zwischen Nord- und Südkorea, mit der er begann - und auch das nur deshalb, weil die Chinesen Nordkorea mit drei Millionen Soldaten halfen. Von ihnen fielen nach Angaben des späteren chinesischen Führers Deng Xiaoping 400.000, darunter auch Mao Anying, ein Sohn Maos. Russische Quellen sprechen sogar von einer Million Toten auf chinesischer Seite.

Die Sowjetunion war das andere Land, das Nordkorea massiv unterstützte. Als sich die Sowjetunion und die Volksrepublik China zerstritten, stand Nordkoreas damaliger Diktator Kim Il Sung, der Vater von Kim Jong Il, vor einem Dilemma. "Er war sich lange nicht schlüssig, ob das Zentrum der Weltrevolution nun in Moskau oder in Peking zu finden sei", schreibt Michail Gorbatschow in seinen Erinnerungen. "Letzten Endes entschied er sich für sich selbst." Sprich: Geschickt flirtete er mit beiden kommunistischen Weltmächten, hielt bei allen die Hand auf, und statt Leninismus oder Maoismus predigte er den Kult um seine eigene Person. Mit dem Untergang der Sowjetunion ging das Interesse von Moskau und Peking an Pjöngjang zurück. Und im Land mit seiner desolaten Wirtschaft brach die Hungersnot aus.

China hilft dem Nachbarn weiter

China hilft dem Nachbarn weiter, damit sich das Kräfteverhältnis in Asien nicht zugunsten von Japan und anderen Mächten verändert. Vor allem fürchtet die Führung um Staats- und Parteichef Hu Jintao, ein Zusammenbruch Nordkoreas könne noch mehr Hungerflüchtlinge als heute über die Grenze treiben.

Stolz verkündete die chinesische Führung im Juli dieses Jahres, die Volksrepublik sei jetzt weltweit der drittgrößte Geber von Nahrungsmittelhilfe an andere Länder, nach den USA und der EU. Ein Detail wurde dabei nicht so laut erwähnt: Von der chinesischen Nahrungsmittelhilfe geht 90 Prozent an ein einziges Land – an Nordkorea. Schon jetzt hungern dort nach Angaben von Hilfsorganisationen sieben Prozent der 22 Millionen Einwohner. Ohne Chinas Hilfe würde das ganze Land verhungern.

Mitarbeit: Ellen Deng

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