HOME

Bombe auf Flüchtlingskonvoi bei Aleppo: Dieses Bild ging um die Welt - das ist die Geschichte dahinter

Am Wochenende tötet ein Selbstmordattentäter mehr als 120 Menschen in einem Flüchtlingskonvoi bei Aleppo. Die Welt ist schockiert. Durch ein ikonenhaftes Foto erhält das Grauen ein Gesicht: Ein Kriegsreporter trägt ein verletztes Kind zu einem Rettungswagen. Lesen Sie hier die Geschichte zu dem Bild.

Von Jonathan Sendker

Zu sehen ist ein rennender Mann mit langen Haaren und schwarzem Bart mit einem kleinen Jungen auf dem Arm.

Dieses Foto nach dem Anschlag bei Aleppo ging um die Welt: Fotograf Abd Alkadar Habak rennt mit einem schwer verletzten Kind auf dem Arm zu den Sanitätern

Brennende Autowracks, fliehende Menschen, blutende Verletzte und viele, viele Tote: Die Bilder vom Bombenanschlag auf einen Flüchtlingskonvoi in Aleppo am vergangenen Samstag haben auf der ganzen Welt für Entsetzen gesorgt.

Mittendrin war Fotograf und Aktivist Abd Alkader Habak. Er wurde von der Explosion kurz bewusstlos, suchte dann auf dem Boden nach seiner Kamera und sah einen blutenden kleinen Jungen nicht weit von ihm auf dem Boden liegen. "Ich sah ihn an, er bewegte seine Hand", sagte Habak dem Fernsehsender CNN. "Ich schaute in sein Gesicht und konnte sehen, dass er atmete. Also hob ich ihn auf und rannte in Richtung des Krankenwagens."

Wie konnte es dazu kommen?

Der getroffene Konvoi war Teil des sogenannten "Vier-Städte-Abkommens", einer zwischen Rebellen und Regierung ausgehandelten Einigung. Im Süden Syriens werden die Rebellenstädte Zabadani und Madaya vom Assad-Regime angegriffen, während im Norden die shiitischen Städte Kafriya und Al-Fu'ah, welche die Regierung unterstützen, von Rebellengruppen belagert werden. Zwei spiegelverkehrte Situationen also. 

Zuletzt einigte man sich darauf, Zivilisten aus allen vier Städten in jeweils sichere Gebiete zu bringen. Die Menschen aus Kafriya und Al-Fu'ah sollten ins von der Regierung kontrollierte Aleppo gebracht werden und die Sympathisanten der Rebellen vom Süden in die Stadt Idlib. Ein Tausch, der viele Menschenleben retten würde - soweit der Plan.

Doch dann folgte der Anschlag, in einem Vorort von Aleppo. Angegriffen wurden schiitische Zivilisten, also die Menschen, die Assad nahestehen und vor den Angriffen der Rebellen flüchteten. Laut Medienberichten fuhr der Selbstmordattentäter mit einem Bus an den Konvoi heran und täuschte vor, Lebensmittel verteilen zu wollen. Dann zündete er die Bombe - an einer Tankstelle noch dazu, vermutlich für zusätzliche Sprengkraft.


Helfen - oder fotografieren?

Kriegsreporter wie Habak stehen oft vor dramatischen Entscheidungen. Eingreifen und helfen - oder die Situation dokumentieren, um die Welt darauf aufmerksam zu machen.

Habak half - und wurde, mit dem Jungen auf dem Arm, von einem anderen Fotografen, Mohammed Algareb abgelichtet. So entstand ein eindrucksvolles Motiv, das CNN bereits mit dem berühmten Foto von 2015 verglich, dass die Leiche des ertrunkenen dreijährigen Flüchtlings Alan Kurdi an einem Strand in der Türkei zeigte.

Nachdem er den verletzten Jungen den Sanitätern überreicht hatte, kehrte Habak zum Ort des Geschehens zurück. Ein weiteres Foto zeigt ihn, wie er neben der Leiche eines anderen Kindes weinend auf die Knie fällt. "Ich war von Emotionen überwältigt", sagte Habak. "Was ich und meine Kollegen dort erlebt haben, ist unbeschreiblich." Videoaufnahmen zeigen Leichen in den Bussen und auf der Straße verstreut.

Täter bleiben im Dunkeln

Nach neuesten Berichten hat der Anschlag über 120 Menschen das Leben gekostet, darunter über 100 Zivilisten und einige Rebellen, die die Busse beschützen sollten. Unter den Opfern sind auch mehr als 60 Kinder. Die syrische Beobachterstelle für Menschenrechte gab an, dass etwa 5000 Menschen in dem Konvoi unterwegs waren. Der Vorsitzende der Organisation sagte außerdem, er glaube nicht, dass das Regime verantwortlich sei. Warum sollte es seine eigenen Unterstützer angreifen?

Wer tatsächlich für den Anschlag verantwortlich ist, bleibt unklar.

stern-Korrespondent in Mossul: Der Krieg ist noch immer allgegenwärtig