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Attentat in Marrakesch: Angst um den "arabischen Frühling"

Marokkos Führung verspricht, den Reformprozess trotz des Attentats in Marrakesch fortzusetzen. Doch Kritiker sind skeptisch. Befürchtet wird ein Rückschlag für den gesamten "arabischen Frühling".

Am Tag nach dem blutigen Anschlag auf das Touristen-Café "Argana" herrschte in Marrakesch erstaunliche Normalität. Zwar waren am Freitag mehr Polizisten als sonst auf den Straßen und vor den Hotels zu sehen, doch Händler auf dem berühmten Jamaa el-Fna-Platz gingen wie gewohnt ihren Geschäften nach. Auch der politische Reformprozess soll nach Aussage der marokkanischen Regierung trotz des Blutbades unverändert fortgesetzt werden. Kritiker bezweifeln das allerdings.

"Wir werden dem Terror keinen Schritt weichen, die demokratische Öffnung ist nicht aufzuhalten", sagte Wirtschaftsminister Salahedin Mezuar. Vorbild des Königreiches sei "das europäische Modell". Das Ziel des islamistischen Anschlages, darin sind sich Regierung und Oppositionelle einig, war es, diesen Reformprozess zu sprengen.

Dass der Terror ausgerechnet das arabische Land traf, wo die politischen Umwälzungen der vergangenen Monate am friedlichsten verlaufen sind, scheint dabei kein Zufall, meinen politische Kommentatoren: Nichts fürchteten religiöse Fanatiker so sehr wie den Erfolg einer demokratischen Öffnung, die insgesamt mehr Freiheit bedeuten kann. Und in Marokko scheint dies weitgehend gewaltfrei möglich - das Land kann somit Vorbildcharakter bekommen.

Doch daran sind Extremisten nicht interessiert. Der Anschlag von Marrakesch wird deshalb auch als Versuch gewertet, den "arabischen Frühling" insgesamt zu torpedieren. "Der Tahrir-Platz in Kairo war der Versammlungsort all jener Araber, die ihre Bürgerrechte einfordern. Der Jamaa el-Fna-Platz wurde nun zum Schauplatz der brutalen Antwort jener, die den Alptraum der Autokratie und des Gottestaates zurückbringen wollen", schrieb der spanische Islam-Experte Javier Valenzuela.

Marokkanische Oppositionelle wie der jahrelang verfolgte Journalist und Schriftsteller Ali Lmrabet meinen, die Bombe habe der Führung seines Landes einen riesigen Dienst erwiesen. König Mohammed VI. habe nun einen Vorwand, die Reformen im Namen des Kampfes gegen den Terror zumindest zu verschleppen: "Die Terroristen sind zu strategischen Verbündeten der uns regierenden Autokraten geworden. Das Regime hat Zeit gewonnen."

Lmrabet und vielen anderen Marokkanern ist der Reformprozess viel zu langsam. Zwar hatte der König unter dem Eindruck der Proteste in der arabischen Welt eine umfangreiche Verfassungsänderung versprochen, die seine eigene Macht beschneiden und das Mehrparteien-Parlament stärken soll. Die Umsetzung zieht sich aber hin. Dennoch sind gewalttätige Unruhen bislang weitgehend ausgeblieben. Der 47-jährige Monarch, zugleich religiöses Oberhaupt, ist in weiten Teilen der Bevölkerung durchaus beliebt.

Schwer getroffen hat das Attentat Marokkos wichtigste Einnahmequelle. Das nordafrikanische Land zählt jährlich fast zehn Millionen Urlauber, der Fremdenverkehr macht rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Insofern war das beliebte Touristen-Café auch kein zufälliges Ziel. Mit der großen Zahl ausländischer Opfer haben sich die Terroristen, die nach ersten Ermittlungen einem Al-Kaida-Ableger zugeordnet werden, größtmögliche internationale Aufmerksamkeit gesichert.

Jörg Vogelsänger, DPA / DPA
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