Bangladesch Hunger bedroht den Frieden


Die Lebensmittelpreise steigen drastisch in der ganzen Welt - wie auch in Bangladesch. Ein Fünftel der Landesbevölkerung ist von einer Hungersnot bedroht. Selbst Notlieferungen aus Indien können daran nichts ändern - so wenig wie Massendemonstrationen.

Für Mohammad Hasan gibt es Dinge, die wichtiger sind als der Schulbesuch. Reis zum Beispiel. "Zuerst mal muss ich essen, dann kommt die Schule", sagt der 13-Jährige, während er mit Hunderten anderen Menschen in einer scheinbar endlosen Schlange wartet, um an subventionierten Reis zu kommen. Rund 150 Millionen Menschen leben in Bangladesch - etwa 30 Millionen von ihnen, so schätzen Experten, könnten bald zu Hungerleidenden werden. Weltweit steigen die Lebensmittelpreise unaufhörlich. Die Ärmsten der Armen trifft es wie immer am härtesten. Dazu gehören die Menschen in Bangladesch.

Ohnehin sind schon viele landwirtschaftliche Flächen der Industrialisierung und einer ständig wachsenden Bevölkerungszahl zum Opfer gefallen. Hinzu kommen schwere Überschwemmungen. Im November vernichtete ein verheerender Zyklon rund drei Millionen Tonnen Getreide, Millionen wurden obdachlos. Der Preis für das Hauptnahrungsmittel Reis ist im Laufe des vergangenen Jahres um 30 Prozent gestiegen - und das in einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss.

Die Übergangsregierung, die seit Januar 2007 im Amt ist, hat mehr als 6000 Verteilzentren eingerichtet, in denen verbilligter Reis ausgegeben wird. Die Bedürftigen zahlen hier nur rund die Hälfte des Marktpreises. Aber das allein reicht nicht aus, wie der Wirtschaftswissenschaftler Qazi Kholiquzzaman Ahmad sagt. Die Regierung habe es versäumt, nach den Naturkatastrophen des vergangenen Jahres einen ausreichenden Lebensmittelvorrat aufzubauen. Das müsse sie jetzt unverzüglich nachholen, sonst werde sich die Situation weiter verschärfen.

Auch in Afrika verzweifeln Menschen

Indien hat angekündigt, dem Nachbarland 400.000 Tonnen Reis zu stark verbilligten Preisen zu liefern. Doch bis es so weit ist, kann es noch Wochen dauern. Und es ist fraglich, ob die Engpässe damit wirklich überbrückt werden können. Die Reisknappheit ist in Bangladesch auch zu einem politischen Unsicherheitsfaktor geworden. Die Opposition hat bereits mit Massendemonstrationen gedroht, wenn es der Regierung nicht gelingt, den Anstieg der Lebensmittelpreise zu bremsen. Die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung bedroht die ohnehin schon prekäre politische Balance.

Bangladesch ist bei Weitem nicht das einzige Land in einer solchen Situation. In mehreren afrikanischen Ländern - Burkina Faso, Mauretanien, Mosambik und Senegal - sind verzweifelte Menschen schon auf die Straße gegangen, um gegen die steigenden Preise zu demonstrieren. In Haiti setzte das Parlament nach tagelangen Unruhen den Ministerpräsidenten ab. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) erwartet, dass in diesem Jahr 500 Millionen Dollar (316 Millionen Euro) zusätzlich benötigt werden, um die 89 Millionen Bedürftigen zu versorgen.

Lieber Kartoffeln als Reis?

Eine Reihe von Faktoren treibt die Lebensmittelpreise weltweit in die Höhe. Der steigende Ölpreis verteuert Dünger, Transport und Produktion. Die wachsende Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten in China und Indien führt zu zusätzlichem Bedarf an Getreide für Tierfutter. Und die verstärkte Produktion von Biosprit geht zu Lasten des Anbaus von Nahrungsmitteln. Weltbank-Präsident Robert Zoellick rechnet damit, dass die gegenwärtige Preisentwicklung noch mehrere Jahre anhalten wird. "Das ist kein Ein-Jahres-Phänomen", warnte er.

Zum Abschluss der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank sprach sich Zoellick dafür aus, Hunger und Unterernährung mit einer globalen Nahrungsmittelmittelpolitik zu bekämpfen. In Bangladesch sucht man unterdessen nach schnelleren Lösungen. In der vergangenen Woche schlug ein Regierungsvertreter vor, die Leute sollten mehr Kartoffeln statt Reis essen. In den Ohren vieler Bangladescher klingt das sonderbar: "Sollen er und seine Familie das doch erst mal vormachen", sagt der Bauarbeiter Abdus Sobhan, der seit Stunden in der Hitze auf eine Ration subventionierten Reises wartet. "Wir halten es einfach nicht mehr aus."

Julhas Alam/AP AP

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